Herr Gassner, in Deutschland wird demnächst die erste Bank eröffnet, die Scharia-konforme Finanzprodukte anbietet. Doch wie können Bankgeschäfte funktionieren, wenn keine Zinsen erhoben werden dürfen, wie es das islamische Recht vorschreibt?Zinsen sind zwar verboten, aber Schulden aus bestimmten Sachmittelkrediten und Eigenkapitalfinanzierung sind erlaubt.Warum sollte eine Bank zinslose Kredite vergeben? Wenn sie nichts verdienen darf, geht sie doch pleite.Auch nach islamischem Recht dürfen Banken Gewinne erzielen, aber eben nur, wenn einer Leistung auch tatsächlich eine Gegenleistung gegenübersteht. Ein Beispiel: Wenn ein Kunde eine Immobilie kaufen möchte, erwirbt die Bank das Objekt in ihrem Namen und verkauft es zu einem höheren Preis an den Kunden weiter. Der Kunde zahlt dann den Kaufpreis in Raten ab. Auf diese Weise fallen keine Geldzinsen an und die Bank verdient trotzdem an dem Geschäft.Ist das nicht ein wenig scheinheilig? Faktisch läuft es bei dieser Konstruktion doch auf das gleiche hinaus, wie wenn die Bank Zinsen nehmen würde.Nein, denn die Bank geht ja auch ein echtes Risiko ein: Offiziell ist der Kunde nämlich nicht Kreditnehmer, sondern Käufer. Seine Schuld trägt er mit jeder Rate ab. Ist er beim Erwerb der Immobilie übervorteilt worden, kann er den Kauf und die Finanzierung rückabwickeln. Das geht im konventionellen Modell nicht: Ist hier jemand von einem Immobilienverkäufer getäuscht worden, bleibt das Darlehen trotzdem rechtsgültig ...... Was einen Häuslebauer in den Ruin treiben kann ...... Genau, und das kann ihm nach islamischem Recht nicht passieren. Es gibt sogar ein Modell, welches ganz auf Kredit verzichtet und auf Eigenkapital basiert: Hier kauft der Kunde der Bank die Anteile immer zum jeweiligen Marktwert ab. Er kann sich jederzeit gegen den Kauf der Anteile entscheiden, wenn sie ihm zu teuer sind. Dann kann er solange in dem Haus als Mieter wohnen bleiben, bis es abbezahlt ist. Zu keinem Zeitpunkt kann daher eine Überschuldung eintreten.Lässt sich dieses Prinzip auch für die Finanzierung von Firmen anwenden?Ja und zwar mit durchschlagendem Erfolg. Die Grundidee des Islamic Banking ist es, ausreichend Eigenkapital zu haben, mindestens immer für die laufenden Kosten, denn für diese können keine islamischen Kredite bereitstehen. Auf diese Weise werden Insolvenzen und Überschuldung vermieden. Statt dessen stärken die Firmen ihr Eigenkapital - und höhere Eigenkapitalquoten wären für viele mittelständische Firmen gerade in der jetzigen Krise enorm von Vorteil.Wäre die Krise vermieden worden, wenn sich die Finanzwelt an die islamischen Regeln gehalten hätte?Sie wäre zumindest nicht so schlimm ausgefallen. Die US-Immobilienkrise, die ja am Ursprung der Finanzkrise stand, hätte es in dieser Form jedenfalls nicht gegeben. Denn nach islamischem Recht wäre es undenkbar gewesen, dass Banken Kunden, die sich das gar nicht leisten können, zum Kauf von Häusern drängen, nur um diesen Menschen Kredite anzudrehen, die sie dann in Paketform an die ganze Welt weiterverkaufen. Diese Praxis zeigt, wie degeneriert gewirtschaftet worden ist. Das islamische Finanzwesen steht dagegen für Maß, Realitätssinn und Anstand.Was macht Islamic Banking außer dem Zinsverzicht noch aus?Ein zentraler Aspekt ist das sozial verantwortliche Investment - hier gibt es eine deutliche Nähe zu ethisch-ökologischen Instituten wie die Ethik-Bank oder die GLS-Bank, aber auch zu christlichen Geldhäusern wie der Pax-Bank: Auch für uns kommen bestimmte Investments nicht in Frage - zum Beispiel Pornografie oder auch bestimmte Rüstungskonzerne. Im Gegensatz zu den zuvor genannten Banken ist für uns aber natürlich auch die Alkoholindustrie tabu.Welches Zukunftspotenzial hat das islamische Finanzwesen?Natürlich wäre es unrealistisch darauf zu hoffen, dass sich nun die gesamte Finanzwelt daran ein Beispiel nimmt. Aber die Finanzkrise wird ihm bestimmt einen Schub verleihen. Schon heute wird der überwiegende Teil der Finanzgeschäfte in Ländern wie Bahrain, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Malaysia nach islamischem Recht abgewickelt. In Malaysia hat sich diese Finanzform übrigens nicht nur innerhalb der muslimischen Bevölkerung durchgesetzt: Auch die chinesische Minderheit betreibt dort jetzt zu 70 Prozent Scharia-konforme Bankgeschäfte.Das sind aber alles muslimische Länder. Wie stehen die Chancen für das islamische Finanzwesen in den westlichen Industriestaaten?Auch dort wird es sich in den nächsten Jahren stark ausbreiten. In Großbritannien sind bereits mehrere islamische Banken mit wachsendem Erfolg aktiv. Deutschland steckt hier noch in den Kinderschuhen. Doch auch hier wird es nicht mehr lange dauern. Die Kuveyt Türk Beteiligungsbank, die im nächsten Jahr in Deutschland ihre Geschäftstätigkeit aufnehmen will, wird nur der Anfang sein. In zwei bis drei Jahren wird es richtig los gehen.Was macht Sie so optimistisch?In Deutschland leben vier Millionen Moslems. Drei Viertel davon fühlen sich noch eng mit ihrem Heimatland und den islamischen Traditionen verbunden. Von denen sind schätzungsweise 30 bis 50 Prozent prinzipiell offen für das islamische Finanzwesen. Zudem bin ich überzeugt, dass sich im Laufe der Zeit auch immer mehr Nicht-Moslems von der Idee begeistern lassen werden - selbst solche, die eigentlich dem Islam sehr kritisch gegenüberstehen.Werden auch die traditionellen deutschen Banken das Islamic Banking für sich entdecken?Im Moment besteht bei denen noch kein Interesse. Doch wenn sie erst erkennen, wie gut es bei den Menschen ankommt, werden sie mit Sicherheit auch ihren Anteil vom Kuchen abhaben wollen. Für die Sache kann das nur gut sein: Je stärker sich das islamische Finanzwesen verbreitet, umso besser.Gespräch: Sebastian Wolff------------------------------Foto: Reichtum in Nahost: Shopping-Meile in Dubai, dem Handelszentrum der Vereinigten Arabischen Emirate.Foto: Michael Saleh Gassner zertifiziert islamische Finanzprodukte für den Zentralrat der Muslime in Deutschland und ist Vizepräsident einer Schweizer Privatbank.