Das Leben in zwei Welten ist ein prägendes Thema in den Werken des Berliner Schriftstellers Zafer Senocak, der als Kind in Istanbul wohnte. Die Proteste dort sieht er als positives Zeichen für die demokratische Kultur in der Türkei.

Herr Senocak, hätten Sie es für möglich gehalten, dass ein Bauprojekt einen solchen Proteststurm auslöst?

Nein, das hätte ich nicht gedacht. Aber es hatte sich einiges an Ärger über den immer überheblicher werdenden Regierungsstil von Regierungschef Erdogan angestaut. Eine Partei, die über zehn Jahre allein regiert und durchaus einen starken Rückhalt in der Bevölkerung hat, ist immer der Gefahr ausgesetzt, überheblich zu werden. Dass Teile der Bevölkerung inzwischen demokratisch so sensibilisiert sind, dass sie wegen dieser Politik zu Tausenden auf die Straße gehen, das überrascht mich auch. Das zeugt auch von einer gewissen Reife der türkischen Demokratie. Im Grunde regt sich zum ersten Mal die Zivilgesellschaft.

Was sind das denn für Leute, die jetzt demonstrieren?

Es gehen Menschen auf die Straße, die Erdogans Regierungsstil ablehnen. Sie sind nicht einverstanden mit dieser Putinisierung, sie wollen keinen autokratischen Regierungschef. Es sind Säkularisten, Kemalisten, die von Anfang an misstrauisch gegen die islamistische Färbung dieser Regierung waren. Es sind aber auch Nationalisten dabei, die sich über Erdogans Zugeständnisse in der Kurdenpolitik ärgern. Man muss also schon sehr vorsichtig sein, wenn man die Bewegung beurteilt. Die Regierung hat in der letzten Zeit in vielen Dingen überzogen, ein Beispiel ist die Verschärfung des Alkoholausschanks. Sie hat sich zu sicher gefühlt, auch wegen ihres starken Rückhalts in der Bevölkerung.

Die Proteste beschränken sich auf die Städte, ein Resultat des Modernisierungsgefälles zwischen Stadt und Land?

Ich glaube, es geht viel tiefer. Es geht um die Frage, können sich Politiker mit einem islamischen Hintergrund in der demokratischen Gesellschaft etablieren? Mit diesem Anspruch ist die Regierung angetreten, daran wird sie gemessen. Das hat nichts mit Stadt- und Landbevölkerung zu tun, im Grunde ist das die Bruchlinie in der türkischen Gesellschaft. Zivilgesellschaftlich haben wir schon einen Brückenschlag, es gibt eine entsprechende Gesprächskultur, aber das muss noch politisch umgesetzt werden. Dafür trägt nicht nur die Regierung die Verantwortung. Auch die Opposition ist zu schwach geblieben.

Erdogan steht nicht gerade für diese neue Gesprächskultur. In den Demonstranten sieht er Marodeure.

Es könnte sein, dass Erdogan Opfer seiner eigenen Modernisierungspolitik wird. Er müsste ausgleichen, stattdessen polarisiert er. Sein Temperament macht ihm da zu schaffen. Was mich hoffnungsvoll stimmt, ist die Reaktion seiner Partei. Istanbuls Bürgermeister, ein wichtiger Mann in der AKP, hat sich bei den Demonstranten entschuldigt. Aus der Partei kommen kritische Stimmen über das brutale Vorgehen der Polizei. Ob das alles reichen wird, die Lage zu beruhigen, kann man aber noch nicht sagen.

Das Gespräch führte Mira Gajevic.