Kaum war die Bildung der neuen Regierung bekannt und Islamist Necmettin Erbakan als neuer Premier benannt, trieb die ausländischen Journalisten vor allem eine Frage um: Trägt die neue First Lady der Türkei ein Kopftuch? Sie trägt. Nermin Erbakan, die zweite Frau des Chefs der Refah-Partei, beachtet selbstverständlich die "Tesetür", die islamische Kleiderordnung, die neben einer Kopfbedeckung einen langärmligen Umhang vorschreibt.Nicht nur darin entsprechen die Angehörigen Erbakans den Vorstellungen, die man sich von der Familie des ersten strenggläubigen Ministerpräsidenten in der 73jährigen Geschichte der Türkei macht: Während die Kinder von Koalitionspartnerin Tansu Ciller an teuren amerikanischen Colleges lernen, sind Erbakans Sohn und seine zwei Töchter Absolventen einer religiösen Schule in Istanbul. Und sein jüngst geborenes Enkelkind erhielt auf Wunsch des Großvaters den islamischen Vornamen "Mücahid": der Kämpfer.Necmettin Erbakan liebt starke Worte. Während des Wahlkampfes nannte er die Europäische Union verächtlich einen "Christenklub" und versprach seinen Anhängern, die Türkei "aus der Sklaverei" des Westens zu führen. Doch der 70jährige gehört schon zu lange zum Establishment des Landes, als daß er die Türken echt erschrecken könnte. Der 1926 geborene Erbakan arbeitete nach dem Studium an der Technischen Universität Aachen und im Maschinenbauunternehmen Deutz, wo er an der Entwicklung des Leopard-Panzers mitwirkte. Anfang der sechziger Jahre versuchte der Ingenieur in der Politik Fuß zu fassen. Das ist ihm mehrfach mißlungen. 1968 wurde Erbakan vom damaligen Premier Süleiman Demirel aus dem Amt des Chefs der Industrie- und Handelskammer verdrängt. Später verhinderte Demirel Erbakans Aufnahme als Senator bei der konservativen Gerechtigkeitspartei. Aus ihr ging die "Partei des rechten Weges" hervor, mit der Erbakan nun eine Koalition einging. Späte Genugtuung Als späte Genugtuung mag es Erbakan scheinen, daß derselbe Demirel - heute Präsident der Türkei - ihm jetzt den Auftrag zur Regierungsbildung erteilen mußte. Der Weg zum Chef der islamistischen Bewegung begann 1969 für Necmettin Erbakan im zentralanatolischen Konya, wo er als Parteiloser ins Parlament gewählt wurde. Kurz darauf gründete er die islamische Partei der "Nationalen Ordnung", die aber nach dem Militärputsch 1971 verboten wurde. Erbakan setzte sich in die Schweiz ab. Gleich nach seiner Rückkehr nahm er erneut Anlauf und gründete die "Partei des Nationalen Heils". Dreimal beteiligte er sich an Koalitionsregierungen - neun Monate sogar als Vize-Premier in der Regierung des Sozialdemokraten Ecevit. Nach dem Militärputsch 1980 wurde er verhaftet, dann verurteilt und auf die Schweine-Insel verbannt - für einen strenggläubigen Moslem eine besonders perfide Strafe.Erst 1987 kehrte Erbakan in die Politik zurück und begann als Chef der 1983 gegründeten Wohlfahrtspartei, der "Refah-Partisi" seinen Aufstieg zur Macht. Seither eilen er und die Partei von Wahlerfolg zu Wahlerfolg. Seine größten Triumphe: Bei den Kommunalwahlen 1994 übernahmen die Islamisten in fast 400 Gemeinden, davon 30 Städten, das Zepter. Seit vergangenem Dezember stellen die Religiösen mit 158 Sitzen die stärkste Fraktion im Ankaraer Nationalparlament. Selbst in kleinen Dörfern gibt es Parteibüros der Refah - für die Ärmsten so etwas wie eine Sozialstation, wo sie Rat und in Wahlkampfzeiten auch Brot erhalten können.Von Erbakans populistischen Wahlkampfversprechen ist im neuen Regierungsprogramm nicht viel wiederzufinden. Außenpolitisch wurde dem Westen die Treue geschworen, und selbst ein Beitritt zur EU wird weiterhin angestrebt. Gleichzeitig sollen die Beziehungen zu den arabischen Nachbarn ausgebaut werden. Selbst das Militärabkommen mit Israel wird nicht angetastet werden. Erbakan will sich auf keinen Fall mit den Generälen anlegen, die sich immer noch als Hüter des Kemalismus verstehen und ihn mißtrauisch beobachten. Auch in der Kurdenpolitik wird nichts Neues erwartet.Erbakan sei nicht unbedingt ein "normaler" Regierungschef der Türkei, sagt ein westlicher Diplomat. Aber die Regierung und ihr Programm seien für türkische Verhältnisse sehr normal. Angesichts der Probleme, vor denen die Koalition steht, wird Erbakan seinen Spitznamen "Derca", der Allwissende, wohl bald lossein. "Nach ein paar Monaten wird Refah das Image einer unverbrauchten politischen Kraft verloren haben, weil sie sich genauso unfähig erweisen wird wie die anderen Parteien", sagt der Schriftsteller Orhan Pamuk. "Meine Angst ist, daß sie dann davon ablenken werden, indem sie Schuldige suchen und Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit schüren." Schon vor den letzten Kommunalwahlen hatte Erbakan getönt: "Wer nicht für uns stimmt, stimmt für die Armenier und Juden."Mit dem Aufstieg von Refah meldeten sich erste militante islamische Gruppen zu Wort, die den "zionistischen Feind" auch im eigenen Land suchen. Plötzlich tauchen Flugblätter mit Forderungen nach einem Boykott jüdischer Firmen auf. Und seit kurzem ist in türkischen Buchläden ein Machwerk erhältlich, in dem der Holocaust geleugnet wird. Anlaß zur Sorge Für die 45 000 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde der Türkei kein Grund zur Panik, aber zur Sorge: "Ich glaube nicht, daß Erbakan diesen Unsinn selbst glaubt", sagt der jüdische Publizist Rifat Bali. "Aber bei den ungebildeten Massen fällt so etwas auf gefährlich fruchtbaren Boden."Seit zwei Jahren regieren Bürgermeister der Wohlfahrtspartei die Großstädte Istanbul und Ankara. Sie sind, trotz aller markigen Worte, durch spektakuläre Reformen bislang nicht aufgefallen. In Istanbul gibt es weiter Glücksspiel und Alkohol, und das Geschäft im Rotlichtviertel läuft unverändert gut. Nur ein Erlaß hat zur Verärgerung geführt: Kaffeehausbesitzer dürfen trotz brütender Hitze keine Tische mehr auf den Gehsteig stellen. Lärmschutz lautet die offizielle Begründung. Vergnügungsverbot vermuten die Kritiker - und warten gespannt auf den nächsten Erlaß der Refah-Partei. Diesmal aus dem Regierungsquartier in Ankara - wenn Erbakan die heutige Vertrauensabstimmung im Parlament gewinnt. +++