Kairo - Der als Islamkritiker bekannte deutsch-ägyptische Schriftsteller Hamed Abdel Samad ist vermutlich in Kairo entführt worden. „Seit Sonntagnachmittag haben wir nichts mehr von ihm gehört, und wir vermuten, dass radikale Islamisten von der Gruppe Gamaat al-Islamija hinter der Tat stecken“, sagte Mahmoud Abdel Samad, der jüngere Bruder des Schriftstellers, der Berliner Zeitung.

Abdel Samad lebt seit 18 Jahren in Deutschland und hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Bekannt wurde er in der Bundesrepublik durch die Fernsehsendung „Entweder Broder“, die er zusammen mit dem Publizisten Henryk M. Broder bestritt. In Ägypten stießen seine Schriften auf heftige Kritik, da er sich darin zum Atheismus bekannte. Für viele religiöse Muslime ist dies ein Tabu.

Für große Aufregung sorgte ein Vortrag Samads im Juni in Kairo, bei dem er vom „religiösen Faschismus der ägyptischen Islamisten“ sprach und erklärte, die Saat für Intoleranz und Unterdrückung sei im Islam bereits durch den Propheten gelegt worden. Zwei bekannte salafistische Prediger in Ägypten riefen daraufhin zur Verfolgung des Schriftstellers auf und bezeichneten ihn als Feind des Islam, was in diesen Kreisen einem Aufruf zum Mord nahekommt. „Womöglich haben sie dies jetzt in die Tat umgesetzt“, sagte der Bruder des Schriftstellers der Berliner Zeitung.

Ohne Leibwächter unterwegs

Samad war vor wenigen Tagen nach Kairo zurückgekehrt, um seine Familie zu besuchen. Am Sonntag habe er sich ohne Begleitung durch den üblichen Leibwächter auf den Weg zu einer Verabredung im Al-Azhar-Park gemacht, sagte sein Bruder. „Wir wissen immer noch nicht, wen er dort treffen wollte, und wir wissen auch nicht, ob er diese Person getroffen hat oder bereits zuvor entführt wurde.“ Gegen dreiviertel Vier habe er ihn angerufen und berichtet, dass er von einer schwarzen Limousine verfolgt werde. Kurz darauf sei der Kontakt abgerissen, auch Samads Telefon sei ausgeschaltet. Die ägyptische Polizei habe die Ermittlungen aufgenommen, aber noch keine Spur gefunden.

„Die ägyptischen Behörden nehmen den Fall ernst, aber sie tun nicht genug. Da mein Bruder Deutscher ist, müssen die Deutschen dafür sorgen, dass mehr passiert“, verlangte Mahmoud Abdel Samad.

Die Bundesregierung forderte am Montag von Ägypten schnellstmögliche Aufklärung über das Schicksal des Publizisten. Der deutsche Botschafter in Kairo nahm dazu nach Angaben des Auswärtigen Amts Kontakt mit der ägyptischen Regierung auf. In den Fall schaltete sich auch der Krisenstab des Auswärtigen Amts ein.

Im Internet kann eine Petition auf change.org unterschrieben werden, die die deutsche Bundesregierung auffordert, Hamed Abdel Samad zu helfen.