Lamya Kaddor, Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes und Religionspädagogin, lehrt nicht nur an Universitäten über den Islam. Sie gibt auch an einer Schule in Dinslaken Islamischen Religionsunterricht und thematisiert dort die Radikalisierung junger Moslems.

Frau Kaddor, reden Sie mit Ihren Schülern auch über die jungen Männer und Frauen, die nach Syrien gegangen sind?

Ja, sicher. Wir haben uns das ganze letzte Halbjahr immer wieder mit Fundamentalismus und Salafismus beschäftigt. Aus Dinslaken sind mehr als 20 junge Männer in den Kampf nach Syrien gezogen, einige von ihnen waren ehemalige Schüler von mir. Von daher ist das Thema hier schon sehr präsent.

Hätten Sie von einem Ihrer Ex-Schüler geglaubt, dass er in Syrien kämpfen wird?

Auf keinen Fall. Die Information hat mich wie ein Schlag getroffen. Zu dem Zeitpunkt waren die jungen Männer nicht mehr meine Schüler, sie hatten die Schule längst verlassen. Dennoch war es für mich unbegreiflich. Zur Schulzeit waren sie ganz normale Jugendliche – ohne extremistisches Gedankengut. Nach der Schule sind sie offenkundig in die falschen Kreise geraten.

Zeigen Ihre Schüler denn Verständnis für die Jugendlichen, die sich der Terrormiliz Islamischer Staat angeschlossen haben?

Nein. Für die meisten ist das völlig unheimlich und nicht nachvollziehbar. Sie können nicht verstehen, warum Leute in ihrem Alter, die sie auch noch kannten, so etwas machen. Wie sie das ihrer Familie, ihren Freunden antun können. Ihnen ist das genauso fremd wie anderen Bürgern. Allerdings muss man auch sagen, dass es sehr wohl einzelne gibt, die laut fragen, was eigentlich so schlimm daran sein soll, wenn jemand nach Syrien geht.

Was sagen denn Mädchen über die jungen Frauen, die nach Syrien gegangen sind?

Da gilt im Grunde dasselbe. Vielleicht ist es für sie nur noch weniger verständlich als die Entscheidung junger Männer.

Warum ist es dem Islamischen Staat so wichtig, junge Frauen zu rekrutieren? Nur aus Propaganda?

Es sind ja nicht nur westliche Frauen, die nach Syrien gehen. Nur fallen uns diese mehr auf. Und es schmerzt uns natürlich besonders, wenn jemand aus dem Westen „freiwillig“ dahin geht. Das Kalkül des IS ist auf Expansion angelegt. Sie wollen Ungläubige zum Islam bekehren, je mehr desto besser. Jeder Dschihadist, der aus dem Ausland kommt, ist deshalb ein Gewinn, zeigt er doch vermeintlich die Überlegenheit des Islam und den Erfolg der Mission, was wiederum neue „Freiwillige“ anlockt.

Welche Rolle spielen die Frauen dann an Ort und Stelle?

Sie sollen das jahrhundertealte traditionelle Rollenbild darstellen: die liebende Ehefrau, die loyal an der Seite ihres „heroischen“ Mannes steht, ihm Kinder gebärt und erzieht und ihm zur Not bis in den Tod folgt. So wie es auch dem salafistischen Frauenbild entspricht.

Was treibt ein junges Mädchen dazu, sich dieses Leben anzutun?

Das ist nicht ganz einfach zu erklären, denn dazu wurde bislang wenig geforscht. Schon über die Frage, was junge Männer dazu bringt, weiß man zu wenig wissenschaftliche Belastbares; noch viel weniger hat man sich mit den Frauen beschäftigt. Es gibt da viele Theorien. Zentral scheint mir, dass die Mädchen einer sehr kitschigen und naiven Dschihad-Romantik erliegen nach dem Motto, ich bin dann die Frau eines werdenden Märtyrers. Die Mädchen opfern sich für die Sache Gottes, in dem sie einen Dschihadisten heiraten. Das ist ihr persönlicher Beitrag. Dann spielt sicherlich die Rebellion gegen die Eltern eine Rolle, gerade für die Mädchen in der Pubertät.

Was ist denn bei diesen jungen Frauen schief gelaufen?

Das ist eine ganz schwierige Frage. In der Regel sind sie – und das trifft auch auf Jungs zu – orientierungs- und haltlos in dieser Gesellschaft. Niemand der sich hier wirklich verwurzelt fühlt, würde sich einfach nach Syrien aufmachen, nur weil es diese Dschihad-Romantik gibt. Häufig sind das junge Menschen, die ein sehr weltliches Leben führen, wie meine Schüler. Aber gerade weil sie nicht die frömmsten Muslime sind und wenig über den Islam wissen, kann man sie so gut manipulieren.

Religion ist gar nicht der entscheidende Faktor?

Richtig. Religion dient den Dschihadisten in erster Linie als Legitimation, um Mädchen wie Jungs zu ködern.

Was kann man tun?

Wir müssen begreifen, dass das kein rein muslimisches Problem ist. Es geht nicht nur darum, Moscheegemeinden zu sensibilisieren. Wir alle müssen uns angesprochen fühlen, die Eltern, das Umfeld, die Lehrer der Jugendlichen. Wir müssen unsere Augen aufmachen, wenn sich ein junger Mensch diskriminiert fühlt, keinen Platz in der Gesellschaft hat, sich nicht verorten kann. Das gilt genauso für Jugendliche, die offen für die Neonaziszene sind. Das Muster der Radikalisierung ist dasselbe.

Das heißt, keiner wird still und heimlich radikal?

Wenn man wachsam ist – und das gilt natürlich zu allererst für die eigene Familie, für engste Freunde – stehen die Chancen gut, dass man so eine Entwicklung irgendwann mitbekommt.

Das Gespräch führte Mira Gajevic.