Israel: Auf dem Weg zur Moschee entführt und ermordet

Jerusalem - Mohammed Abu Chedeir war ein schmächtiger Junge, 16 Jahre alt, aber sah aus wie 13. Es muss ein Leichtes gewesen sein für die beiden Männer, ihn zu packen und in ihr Auto zu zerren. Sein Vater, ein palästinensischer Elektromeister, zieht ein Bild seines Sohnes hervor, das ein Kerlchen mit Kindergesicht zeigt. Nächstes Jahr sollte er Abitur machen, erzählt Hussein Said Abu Chedeir. Er habe Sport geliebt und Dabke, einen arabischen Volkstanz. Dass es damit vorbei ist, dass sein Sohn, sein fünftes von sieben Kindern, nicht mehr lebt, ist unfassbar für die Eltern. Mühsam ringt der 48-Jährige nach Worten, um diesen Mittwoch zu rekonstruieren, der schon vor dem Morgengrauen mit einer Schreckensnachricht begann.

Es war gegen 4 Uhr, als Jungs aus der Nachbarschaft aufgeregt an seine Tür im Ostjerusalemer Stadtteil Schuafat pochten. „Dein Sohn ist gekidnappt worden“, schrien sie. Nicht mal eine halbe Stunde vorher hatte Mohammed das Haus verlassen, um zum Morgengebet in die Moschee zu gehen. Die liegt direkt um die Ecke, keine fünfzig Meter entfernt. Dort hatte Mohammed für einen Moment alleine gestanden. Seine Kumpel wollten nur schnell etwas zu essen holen. Sie waren zu weit weg, als ein Wagen anhielt, zwei Unbekannte ausstiegen, Mohammed ansprachen und ihn in überwältigten.

Hussein Said Abu Chedeir begriff schnell, alarmierte unverzüglich die Polizei, gab die Handynummer seines Sohnes durch. Über GPS konnten die Ermittler die Fluchtroute der Täter verfolgen. Wenig später stießen sie nahe einer Straße im Stadtwald in Westjerusalem auf die verkohlte Leiche eines Jungen. Dass es sich um ihren Sohn handelte, erfuhren die Eltern erst am Nachmittag, nachdem sie DNA-Proben abgegeben hatten.

Für den Vater stand sofort fest, dass es nur rechtsradikale Siedler gewesen sein können, die seinen Sohn auf dem Gewissen haben. „Die wollten Rache für die drei toten israelischen Teenager nehmen“, sagt Abu Chedeir. Tatsächlich haben zuletzt Tausende Menschen eine Internetkampagne auf Facebook unterstützt, die sich „Das Volk Israel fordert Rache“ nannte. Bevor die Seite am Mittwoch aus dem Netz genommen wurde, hatten rund 35 000 Menschen den „gefällt mir“-Button angeklickt. Auf der Seite wurden Fotos gezeigt, die Menschen mit Vergeltungsaufrufen zeigten, bisweilen auf Hände oder Oberkörper gepinselt. Die israelische Polizei hat Ermittlungen wegen Aufhetzung eingeleitet.

In Schuafat, einem gutbürgerlichen arabischen Viertel in Jerusalem, lieferten sich bis spät in die Nacht zu Donnerstag hinein vermummte palästinensische Jugendliche Straßenschlachten mit israelischen Einsatzkräften. Die israelische Luftwaffe hat derweil am Donnerstag wieder Ziele im Gazastreifen angegriffen und dort nach Angaben von Einheimischen 15 Menschen verletzt. In Südisrael schlugen nach Militärangaben 14 Raketen aus dem Gazastreifen ein. Dabei seien zwei Wohnhäuser in Sderot getroffen worden. Opfer habe es nicht gegeben. Israels Armee hat darüber hinaus zusätzliche Truppen an den Rand des Gazastreifens verlegt. Armeesprecher Peter Lerner betonte am Donnerstag jedoch mehrfach, Israel sei nicht an einer Offensive interessiert. (mit dpa)