Israelische Polizei erschießt vier Palästinenser / Anschlag im Westjordanland: Unruhen in Jerusalem eskalieren

JERUSALEM, 29. September. An den heiligen Stätten in Jerusalem ist es am Freitag am zweiten Tag in Folge zu Unruhen gekommen. Israelische Polizisten rückten gewaltsam auf den Haram al-Scharif, das dritthöchste Heiligtum im Islam, vor und drangen auch in eine der beiden Moscheen ein. Vom Haram al-Scharif - dem jüdischen Tempelberg - aus hatten zuvor palästinensische Jugendliche Steine auf jüdische Gläubige an der Klagemauer geworfen. Die Truppen schossen zunächst mit Gummigeschossen und später auch mit scharfer Munition in die Menge. Vier Palästinenser wurden tödlich getroffen. Etwa 175 Palästinenser und Dutzende israelische Polizisten wurden verletzt Die Unruhen sprangen am Nachmittag auf das Gebiet am Ölberg, auf den Jerusalemer Vorort Abu Dis sowie auf Bethlehem über. Dort soll nach noch unbestätigten Meldungen ein weiterer Palästinenser ums Leben gekommen sein. Ein Brandsatz traf auch ein israelisches Fahrzeug. Die Hospitäler in Ost-Jerusalem riefen zu Blutspenden auf. Das Plateau, auf dem sich die Al- Aksa-Moschee und der Felsendom befinden, war beim Ausbruch der Gewalt wegen des gerade beendeten Freitagsgebetes mit Menschen überfüllt. Auch an der Kotel, der Westmauer des einstigen Tempelareals, hielten sich aus Anlass des am Abend beginnenden jüdischen Neujahrfestes besonders viele Besucher auf. Auf polizeiliches Geheiß hin verließen sie zeitweise den Platz. Die Lage in der Jerusalemer Altstadt war jedoch auch Stunden nach den Zusammenstößen noch hochgradig gespannt. Erst am Donnerstag war es nach einem provokativen Besuch von Israels rechtem Oppositionsführer Ariel Scharon auf dem Haram al-Scharif zu Unruhen mit über dreißig Verletzten gekommen. Die Palästinenser machten den als Hardliner geltenden Likud-Vorsitzenden auch für die jüngsten blutigen Vorfälle verantwortlich. Sie seien eine Fortsetzung des "religiösen Krieges, den Scharon entzündet hat", sagte Nabil Aburdini, ein Berater von Palästinenser-Präsident Yasser Arafat. Zunächst unklar blieb, ob ein palästinensischer Anschlag nahe der Stadt Kalkilya im Westjordanland mit den Jerusalemer Ereignissen im Zusammenhang stand. Unter dem Ruf "Allahu Akbar - Gott ist groß" hatte am Freitagmorgen ein bewaffneter Mann, angeblich ein palästinensischer Polizist, das Feuer auf israelische Kollegen eröffnet, die in diesem von beiden Seiten gemeinsam kontrollierten Gebiet zusammen Patrouille fahren. Ein Israeli wurde getötet. Arafat verurteilte das Attentat ausdrücklich. Israelische Kabinettsmitglieder drohten mit einer Einstellung der Friedensverhandlungen, sollten die Autonomiebehörden nicht für ein Ende der Terroranschläge sorgen.Immer wieder Auseinandersetzungen am Tempelberg // Der Tempelberg in Jerusalem gehört zu den heiligsten Stätten des Judentums und des Islam. Die Klagemauer gehörte einst zum Tempel aus der Zeit des Köngis Herodes (73 bis 4 v. Chr. ). Auf dem Berg selbst stehen der im Jahr 638 unter Kalif Omar begonnene Felsendom und die Al-Aksa-Moschee.Blutige Zusammenstöße zwischen Juden und Moslems nahmen wiederholt am Tempelberg ihren Ausgangspunkt: 1929 zogen junge Juden demonstrativ mit der zionistischen Flagge zur Klagemauer. Fanatische Moslems reagierten eine Woche später mit einem Massaker im jüdischen Viertel der Altstadt.1990 erschossen israelische Polizisten bei Zusammensstößen rund 20 Palästinenser, nachdem einige Araber von oben Steine auf betende Juden an der Klagemauer geworfen hatten.1996 öffneten Archäologen eine Tunnel am Berg. Die Moslems befürchteten eine Gefährdung der Moscheen. In den besetzten Gebieten kam es zu Unruhen mit mehr als 80 Toten.AP Israelische Bereitschaftspolizisten gehen am Freitag auf dem Jerusalemer Tempelberg in Stellung.