Israelische Siedler in Hebron: Wohnen an der Front

Hebron - Oben auf dem Flachdach des Hauses ist eine israelische Militärwache hinter Tarnnetzen postiert. An der Rückseite, zu den palästinensischen Nachbarn hin, ist der riesige Wohn- und Ladenkomplex mit Stacheldrahtrollen und Betonsegmenten gesichert. Für den Einzug dreier jüdischer Familien zu Wochenbeginn waren noch mehr schwer bewaffnete Soldaten aufgeboten worden. Im Kontrast dazu steht der Name, den die Siedler aus Hebron dem Gebäude verpasst haben: Beit ha-Schalom, Haus des Friedens.

Vor sieben Jahren hatte die damalige israelische Regierung den ersten Versuch rechtsextremer Siedler beendet, den Wohnblock zu übernehmen. Es war Israels damaliger Verteidigungsminister Ehud Barak, der im Dezember 2008 die gerichtlich angeordnete Räumung durchsetzen ließ. Danach ließen militante Siedler tagelang ihre Wut an ihren palästinensischen Nachbarn aus.

Doch nach einem langwierigen Zivilprozess fällte jetzt das Oberste Gericht in Jerusalem ein Urteil zugunsten der Siedler. Zwei von ihnen vorgelegte Dokumente – eine Vollmacht sowie eine Quittung – erwiesen sich zwar im Prozess laut polizeilichem Gutachten als gefälscht. Dennoch sei der Erwerb des Hauses, das von einem Palästinenser in Hebron gebaut und von den Siedlern über einen Mittelsmann für eine halbe Million Euro gekauft worden war, rechtsgültig – wenn die ausstehende Restsumme binnen dreißig Tagen gezahlt werde.

Gegen eine Zwei-Staaten-Lösung

Ob nun aber die neuen Eigentümer das Haus auch beziehen dürfen, diese Entscheidung überließen die Richter Verteidigungsminister Mosche Jaalon, der zum strammrechten Flügel im Likud zählt – und den Siedlern umgehend grünes Licht gab. Erstmals seit den 80er-Jahren dürfen die national-religiösen Ideologen also wieder eine neue jüdische Kolonie mitten in Hebron gründen, der mit 185 000 Einwohnern zweitgrößten palästinensischen Stadt im Westjordanland. Der Zeitpunkt ist heikel: Die israelisch-palästinensischen Friedensgespräche stehen vor dem Scheitern, bis zum 29. April sollen sich beide Seiten einigen, ob sie fortgesetzt werden. Bislang ist das nicht absehbar.

Die Siedler jubeln über Gerichtsentscheid wie Einzugserlaubnis. Jaalon hätte keinen besseren Entschluss treffen können, begeistert sich David Wilder, Sprecher der 850 Siedler in Hebron. Damit würden weitere Verhandlungen torpediert. Wilder gehört zu denen, die eine Zwei-Staaten-Lösung strikt ablehnen, weil damit Land an die Palästinenser zurückgegeben werden müsste. „Das Land gehört uns seit biblischer Zeit“, sagt er, „Juden haben hier 2000 Jahre lang gelebt.“

Nahezu in Siegerlaune sitzt Wilder daher in der guten Stube seiner Wohnung in Beit Hadassah, einer der bisherigen vier Siedlerenklaven in Hebron. Diese Häuserkomplexe liegen alle in der Altstadt, nahe der Ibrahimi-Moschee, hebräisch Machpela genannt, wo sich die von Juden wie Moslems verehrte Grabstätte des Stammesvaters Abraham befindet. Dieses Gebiet, bezeichnet als „H2“, wird von der israelischen Armee kontrolliert – im Unterschied zu „H1“, der palästinensisch-autonomen Reststadt.

Seit der Teilung der Patriarchenstadt in den späten 90er-Jahren ist das „H2“-Gebiet, wo heute 650 Kampfsoldaten die großteils rechtsextremen Siedler beschützen sollen, zu einer Geisterstadt verkommen. Viele der einst 20 000 palästinensischen Bewohner sind auf die andere Seite der Stadt geflüchtet. Über 1 800 arabische Geschäfte in den Altstadtgassen um den Markt mussten nach Angaben der israelischen Bürgerrechtsorganisation BTselem schließen. Denn zum Schutz der Siedler hat die Armee innerhalb „H2" ganze Straßenzüge „sterilisiert“: Dieser Militärausdruck bedeutet, dass Palästinenser dort nicht fahren oder teils sogar nicht laufen dürfen.

Dies stehe wohl künftig auch dem Gebiet um das neue Siedlerhaus bevor, fürchtet Jehuda Shaul von „Breaking the Silence“ . In dieser Organisation haben sich ehemalige Soldaten zusammengefunden, die über ihren Dienst in den besetzten Gebieten und die dort angewandten Methoden nicht schweigen, sondern die Öffentlichkeit informieren wollen.

Siedler-Sprecher Wilder indes nennt Beit ha-Schalom, das „Friedenshaus“, einen strategischen Zugewinn, „für uns wie für die Armee“. Erstens, weil man vom Dach die ganze Gegend überblicken und kontrollieren könne. Zweitens, weil der Komplex direkt an der Verbindungsstraße liege, die die Machpela mit Kiryat Arba verbinde, der jüdischen Siedlung auf einem Hügel bei Hebron. Es sei jetzt zudem zu erwarten, meint Wilder, „dass uns weitere Palästinenser ihr Eigentum verkaufen werden“.

Druck auf die Anwohner

Ganz so schnell ist damit allerdings nicht zu rechnen. „Wir werden unser Haus nie aufgeben“, sagt Hosni Matarijeh, der mit seiner Großfamilie unterhalb der neuen Siedlerbastion lebt. Aber auf alle Palästinenser im Tal zwischen Beit ha-Schalom und Kiryat Arba wird von Siedlern wie auch dem Militär enormer Druck ausgeübt, um sie zum Gehen zu zwingen. Um zum Beispiel zu einem Supermarkt zu kommen, müssen sie eine Straße überqueren, wofür sie eine Sondergenehmigung der israelischen Militärverwaltung brauchen. Matarijeh zum Beispiel aber bekommt sie nicht. 2008 wollte eine Horde bewaffneter Siedler sein Haus erstürmen, Matarijeh und sein Vater wurden dabei angeschossen. Nun wird ihm der Straßenpassierschein aus „Sicherheitsgründen“ verweigert, die Täter wurden zwar identifiziert, aber nie bestraft.

Das „Friedenshaus“ der Siedler wirkt bereits wie eine Festung. Nur Sympathisanten dürfen hinein. Journalisten müssen draußen bleiben, ihre Fragen beantwortet Jehoschua Schani vor der Tür. Er ist der Repräsentant des offiziellen Eigentümers Moses Abraham, Multimillionär und Siedler-Mäzen aus New York. „Wir wollen hier ganz normal wohnen“, sagt Schani den Journalisten. Nur sei man „leider noch von Terroristen umgeben“. Und wer das sei, definiert er so: „Jeder ist ein Feind, der mich hier nicht haben will.“ Das dürften nahezu alle Palästinenser in Hebron sein.