JERUSALEM. Sechs Wochen nach Ende des Gaza-Krieges erlebt Israel einen späten Schock im eigenen Land. Verschiedene Zeitungen berichteten gestern von einem Veteranen-Treffen, das sich mit der 22-tägigen israelischen Offensive im Dezember und Januar beschäftigt hatte. Zur Sprache kamen allzu freizügige Einsatzbefehle und eine Geringschätzung für die Menschen in Gaza, die offenkundig zur wahllosen Tötung palästinensischer Zivilisten und Vandalismus geführt haben. Die Zeugen: israelische Piloten, Infanteriesoldaten und junge Offiziere, die auf einer Konferenz der Yitzhak-Rabin-Militärakademie am 13. Februar ihre Erfahrungen austauschten.Schockierende SchilderungenDanny Zamir, Direktor der Akademie, hatte bereits einen Report an den Generalstab geschickt und im hauseigenen Heft die Protokolle publik gemacht. Aber erst als die Presse die Protokolle nachdruckte, rang sich der Generalanwalt der Armee gestern dazu durch, die beschriebenen Vorfälle von der Militärpolizei untersuchen zu lassen.Für die Bürgerrechtsgruppe Jesch Din - Es gibt ein Gesetz - geht das nicht weit genug. Sie fordert unabhängige Ermittlungen wegen des Verdachts von Kriegsverbrechen und Verstößen gegen Kriegsrecht.Ein Fall bewegt besonders die Gemüter. Der Führer eines Infanterietrupps schildert, wie ein auf einem Dach positionierter Scharfschütze eine Mutter und ihre zwei Kinder auf der Straße erschießt. Palästinensische Familien seien zuvor im Haus festgehalten worden, bis ihnen der Einsatzkommandant bedeutet habe, sie sollten herauskommen und nach rechts gehen. Besagte Mutter habe das missverstanden und sich mit ihren Kindern nach links gewandt. Ohnehin habe keiner den Scharfschützen unterrichtet, dass die Leute jetzt das Haus verlassen dürften. "Er hat getan, wozu er beauftragt war, er hat sich sozusagen an seinen Befehl gehalten", wird der Truppführer zitiert. "Ich weiß nicht, ob er erst auf ihre Beine gezielt hat oder nicht, aber er hat sie getötet." Ein anderer Soldat berichtet, wie eine alte Frau beim Überqueren der Straße erschossen worden sei: "Ich weiß genau, dass mein Offizier Männer aufs Dach schickte, um sie aus dem Verkehr zu ziehen . Es war kaltblütiger Mord."Von brutaler Rücksichtslosigkeit zeugen auch andere Vorfälle. Als palästinensische Häuser für Militärpositionen beansprucht wurden, "haben wir einfach alles aus den Fenstern geworfen, um aufzuräumen. Der gesamte Haushalt flog raus: Kühlschränke, Teller, Möbel", erinnert sich ein Soldat.Wirklich Neues enthalten die Berichte kaum. Sie decken sich mit palästinensischen Darstellungen. Aber da sie diesmal aus dem Munde der eigenen Soldaten kommen, kann die israelische Gesellschaft nicht länger ignorieren, was im Krieg in Gaza geschah.------------------------------Regierungsbildung dauert längerIsrael: Der designierte Premier Benjamin Netanjahu vom rechten Likud hat eine Fristverlängerung von zwei Wochen für die Regierungsbildung beantragt. Er will außer mehreren ultrarechten und religiösen Parteien auch die linke Arbeitspartei einbinden. Deren Chef Ehud Barak möchte gern Verteidigungsminister bleiben. Große Teile der Partei drängen aber in die Opposition.Palästina: Die rivalisierenden Parteien Fatah und Hamas wollten ungeachtet anhaltender inhaltlicher Differenzen eine Einheitsregierung bilden. Sie soll bis zu Neuwahlen amtieren, die spätestens am 25. Januar 2010 stattfinden sollen. Allerdings wurden die Gespräche, die unter ägyptischer Vermittlung stattfanden, gestern ohne Ergebnis beendet.------------------------------Foto: Kollateralschäden: zerstörte Wohnhäuser in der Flüchtlingssiedlung Dschabalijah im Gazastreifen.