Je weiter die europäische Einigung voranschreitet, desto intensiver wird auch über ihre Defizite gesprochen. Der sich hauptsächlich in wirtschaftlichem Verkehr und supranationaler Bürokratie realisierende Europagedanke ist immer weniger populär, und die Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft erwecken oft den Eindruck, die Visionen der Gründergeneration nur noch als Nennwert zu behandeln, der vornehmlich die Befriedigung der Eigeninteressen deckt und legitimiert.In den Debatten um die Probleme der europäischen Einigung spielen ihre historischen Vorläufer eine erstaunlich geringe Rolle. Deshalb ist es bemerkenswert, dass der Heidelberger Althistoriker Géza Alföldy sich im Rahmen der "Jacob-Burckhardt-Gespräche auf Castelen" der Frage "Das Imperium Romanum ein Vorbild für das vereinte Europa?" gewidmet hat. Alföldy sieht im Römischen Reich ein gelungenes, jedenfalls über lange Zeit prosperierendes und stabiles Modell eines Vielvölkerstaates, wobei er dessen kriegerischen Ursprung nicht unterschlägt und durch dauerhaften Erfolg nachträglich legitimiert sieht. Alföldy hält es mit dem antiken Autor Rutilius Namatianus: "Die Völker, die Rom gefährdeten, hat es unterworfen, die Unterworfenen aber geliebt."Eindrucksvoll schildert Alföldy, dass Reich und Regionen sehr gut gleichzeitig existieren, dass übergeordnetes und lokales Recht sehr gut gemeinsam gelten konnten, dass die Reichsaristokratie ihre jeweilige Herkunft keineswegs verleugnen musste, dass der Staat wesentlich vom selbstlosen Dienst seiner Bürger abhängig war und die etwa 2 000 Kommunen mit höchstens 80 Millionen Einwohnern sich weit gehend selbst verwalteten. Der kaiserliche Herrscher schritt als "pater patriae", als Vater der Vaterländer, etwa gegen übermäßige Ausbeutung ein und stellte klar, "dass Roms Provinzen nicht dazu da sind, die Unersättlichkeit von Wirtschaftsbossen zu stillen." Im Unterschied zur heutigen Entwicklung erinnert Alföldy daran, dass die florierende Wirtschaft im alten Rom nicht etwa der Motor, sondern das Ergebnis eines politischen Zusammenhalts war, der vor allem auf sprachlichen und geistigen Gemeinsamkeiten beruhte: Rom war eine Glaubensfrage der führenden Intellektuellen.Vor diesem historischen Hintergrund sind für Alföldy die heutigen Defizite vor allem kultureller Natur. In den Schulen kommen Antike und Christentum zu kurz, vom Englischen abgesehen werden kaum noch Fremdsprachen gelernt, und es fehlt überhaupt eine geistige Elite, die sich einer "europäischen Identität" verpflichtet fühlt. In diesem, mit dem Stichwort "Kultur" nur vage umrissenen Mangel kann man allerdings auch den Wunsch erkennen, der Vorteile der alten Reichsherrlichkeit habhaft zu werden, ohne die unzeitgemäße und unrealistische Wiederbelebung von Thron und Altar. Dieses Phänomen ist auch bei historischen Rückgriffen auf die christlich-mittelalterliche Reichsidee zu beobachten. Man kann sich aber auch leicht ausmalen, was passiert, wenn die Brüsseler Regelungswut, die bereits normierte Bananen und Traktorensitze hervorgebracht hat, auch noch größeren Zugriff auf das Kulturschaffen erhielte.Vor allem aber ist der Grundstein des Römischen Reiches durch Krieg, durch die militärische Stärke der einstigen Zentralmacht gelegt worden, ein Vorgang, an den im späteren Verlauf der Geschichte fast alle europäischen Großmächte mit unterschiedlichem Erfolg angeknüpft haben. So läuft die Problemstellung in Alföldys Vortrag letztlich auf die alte Frage hinaus, ob es auf Dauer ein Gleichgewicht der Mächte in Form freiwilliger Selbstbescheidung überhaupt geben kann, oder ob dazu ein politischer oder zumindest geistiger Hegemon nötig ist, dessen unbedingte Autorität friedlichen Ausgleich und dauerhafte Stabilität erst ermöglicht.Géza Alföldy: Das Imperium Romanum ein Vorbild für das vereinte Europa?, Jacob-Burckhardt-Gespräche auf Castelen, Heft 9, Schwabe Verlag, Basel 1999, 15 Mark.