In manchen Augenblicken kann man die größten Shakespeare-Kenner auf dem falschen Fuß erwischen. "Stimmt es, dass Shakespeare Araber war?", wurde Patrick Spottiswoode, Leiter des Bildungsprogramms im Londoner Globe-Theater einmal gefragt. Spottiswoode überlegte, nickte und sagte: "Stimmt." Und ein Besucher aus dem Irak wollte wissen: "Stimmt es, dass Shakespeare aus Basra stammt?" Spottiswoode dachte wieder nach, nickte und sagte: "Stimmt." Wer in der glücklichen Lage ist, ein höflicher Engländer zu sein und sich zudem an einem Shakespeare-Theater dem Werk eines Dichters der Weltliteratur widmen kann, muss nicht kleinlich sein. Insofern überrascht es kaum, dass das Globe seine Saison nun unter das Motto stellt: "Shakespeare is German".Schäkespeare ist deutsch - das klingt zunächst so drollig wie die Behauptung, Stratford-upon-Avon liege am Rhein. Aber deutsche Shakespeare-Schwärmer und Übersetzer haben ihn tatsächlich erstaunlich früh und unverfroren zur Beuteliteratur erklärt. Ganz "der Unsrige" sei Shakespeare, befand Schlegel, der sich auf eine Seelenverwandtschaft berief. Nüchterne Naturen verwiesen auf Zahlen: 1604, sieben Jahre nach Vollendung, führten englische Wanderschauspieler "Romeo und Julia" in Nördlingen auf. Der erste gedruckte Hinweis auf die englische Folio-Ausgabe der Werke Shakespeares findet sich 1622 im Katalog der Frankfurter Buchmesse. Noch vor der Rekonstruktion des Globe an der Themse wurde ein solches Elisabethanisches Theater in Neuss nachgebaut. Es gibt eine Bremer Shakespeare-Company (aber kein Birmingham Schiller-Ensemble, wie Spottiswoode vielsagend bemerkte). Und die Dramen werden heute auf deutschen Bühnen häufiger aufgeführt als im Heimatland von Macbeth.Augenzwinkernd spürt das Londoner Globe-Theater deshalb der Frage nach, ob der englische Nationaldichter nicht vielleicht doch "much better in German" sei - besser in der Übertragung als im Original. Der Schauspieler Sebastian Koch wurde gerade eingeladen, den Briten in einer Hörprobe den für ihre Ohren gewöhnungsbedürftigen deutschen Klassiker Shakespeare vorzutragen. Das Globe hat eine zweisprachige Ausgabe von Goethes Shakespeare-Abhandlungen von 1771 und 1816 herausgebracht. Vorträge und Filme folgen.Das Globe, das seit Jahren Zehntausenden deutscher Schüler Workshops anbietet, ist bereit, seinen Nationaldichter mit anderen zu teilen. Die Deutschen waren, als sie ihn vereinnahmten, weniger generös: Schlegel fragte unverblümt, wie sein Shakespeare unter die "frostigen, stupiden Seelen" auf der Insel kam.