Parma oder Milano? Herr Munch weiß nicht so recht. Das Bad seiner Datsche draußen in Karow will er fliesen, "dieses alte Linoleum soll raus, ist noch aus DDR-Zeiten und richtig häßlich inzwischen". Deswegen steht Munch, Mitte vierzig, hier in Marzahn im Baumarkt und streicht unschlüssig mal über die Fliesen im Regal und mal über seinen Bauch, der eine erste kleine Beule ins Holzfällerhemd drückt. Modell Parma, helles Beige, oder Modell Milano, etwas dunkler?Zum Glück ist Munchs Frau dabei - still, streng und zuständig für die Geschmacksfragen. Sie zeigt auf die Fliese Toledo, weiß mit Marmorschlieren, Abriebstufe vier. Was das nun wieder ist, weiß Herr Munch auch nicht. "Hauptsache frostfest, sonst knie ich nächstes Jahr mit neuen Fliesen wieder neben dem Klo."Herr Munch hebt also ein Paket Toledo in den Einkaufswagen und macht sich mit seiner Frau auf den Weg zur Kasse. Kein Interesse heute an den hochglänzenden Wasserhähnen, die ihre Chromhälse in den Gang recken, als wollten sie in Munchs Karre schauen. Kein Zwischenstopp in der Holzabteilung mit ihren Fußleisten, Hohlkehlleisten, Rechteckleisten, Sockelleisten und Saunasitzbankleisten. Auch die vielen Präsentations-Fernseher können Familie Munch nicht bremsen. Dabei tapezieren auf den Videos Männer in Latzhosen, was das Zeug hält und lächeln, obwohl sie alle zwei Minuten von vorn beginnen müssen. Mit kernigen Stimmen sagen sie dabei Sachen wie "so wird's gemacht für den Profi einfach und sauber bequem und schnell". Aber nicht schnell genug für Herrn Munch. Er möchte raus nach Karow. Sofort. Er will heute noch losfliesen. Die Deutschen, so scheint es, sind von einer Sucht befallen: dem Heimwerken. Als findige Manager in den 60er Jahren die ersten Baumärkte konzipierten, sprachen sie noch von einer Marktlücke. Heute sägt und bohrt das ganze Land. 31 Millionen Heimwerker hat das Münchner Institut für Freizeitforschung in der Bundesrepublik ausgemacht. Die einen treibt das schmale Portemonnaie, denn sobald die Konjunktur lahmt, boomen die Baumärkte. Die anderen haben einfach Spaß am Selbermachen. Vermutlich ist es mit dem Heimwerken so wie mit der Modelleisenbahn oder härteren Drogen: Wer einmal damit anfängt, kann einfach nicht mehr aufhören. Auch 180 000 Heimwerkerunfälle jährlich, die meisten an Wochenenden, ändern daran nichts.1970 eröffnete Obi sein erstes Geschäft, jetzt zählt der Marktführer 387 Filialen. Gemeinsam mit den Branchenriesen Praktiker, Bauhaus, Hagebau, Stinnes und der kleineren Konkurrenz hat Obi bis heute 4 153 Baumarktklötze übers Land gewürfelt. 130 Läden sollen in diesem Jahr noch folgen, alle drei Tage einer. 18 Milliarden Mark ließen die Deutschen 1992 in den Kassen der Heimwerkermärkte, 1996 waren es 36 Milliarden. Jede vierte Umsatzmark stammt aus den neuen Ländern, und ein Drittel der Märkte steht im Osten. Jetzt im Frühjahr hat Heiner Schwarzkopf die Tischtennisplatten und Stiefmütterchen vor seiner Götzen-Filiale aufstellen lassen, in der die Munchs gerade ihre Fliesen gekauft haben. Schwarzkopf ist Marktleiter in Marzahn und trägt heute einen ausgereiften Dreitagebart und einen Jörg-Wontorra-Strickpullover in Grünblau. Er sitzt oben in seinem gelbgerauchten Büro und sieht blendenden Wochen entgegen. "Jetzt kaufen alle für ihren Garten ein. Und Farben, viele Farben." Oft fragen sich seine Verkäufer, ob die Kunden die mit Löffeln fressen. Egal. "April und Mai sind die stärksten Monate."Direkt nach der Wende war immer Mai in Marzahn. 1990 hatte die Filiale ihre beste Zeit, sie gehörte zu den ersten im Osten. "Sie glauben gar nicht, was hier los war", sagt der Marktleiter und deutet mit weit ausladender Geste durchs Fenster hinunter auf den Parkplatz, "die haben da draußen angestanden, bis hinten auf die Straße." Noch morgens um vier schnitten die Verkäufer Teppiche zu. "Die Leute wollten ihre Wohnungen individuell gestalten, sah ja alles gleich aus in diesen Plattenbauten." Schwarzkopf kam damals aus Rheinland-Pfalz und im Osten aus dem Staunen nicht mehr heraus.Heute ist er Experte. Problemlos liefert er eine biologische Betrachtung des Ost-Bürgers, der in seinem weichen Pfälzisch "Ost-Bürschä" heißt: "Der Ost-Bürschä ist der ideale Baumarktkunde. Er ist gewohnt, alles selbst zu machen. Er hat in der DDR gute Heimwerkerfähigkeiten entwickelt." Ein Stamm von Bastlern und Sägern. Die schlichten aber vollgestopften Metallregale ragen hoch bis an die Hallendecke, wo mächtige Gebläse gegen deutsche Schlager andröhnen. Irgendwo hinten im Laden schreit eine Kreissäge. Es riecht nach trockenem Holz, wie Katzenstreu. Unten in den Regalschluchten zeigen Pappkameraden mit hochgekrempelten Hemdsärmeln muskulöse Unterarme und Okay-Daumen, in Plastikschütten liegen massenhaft Nägel, die Klodeckel hängen als "schwere Luxus-WC-Sitze" an der Wand und tragen Namen wie Borneo, Luna und Cosima. Satt und träge wie Maschinenpistolen liegen dunkelgrüne Bohrmaschinen in den Regalen. Für die Freunde von Prinzipien und Ausrufezeichen stapeln sich schwarzgelbe Schilder: Durchfahrt verboten! Privatgrundstück - Parken verboten! Unbefugten der Zutritt verboten!In Marzahn sieht es aus wie in den meisten Baumärkten: Der Laden ist das Lager, und das Lager ist der Laden. Erstens spart das Platz, zweitens gefällt's dem Kunden. Baumärkte dürfen ruhig aussehen wie der heimische Hobbykeller. Da fühlt der Mann sich wohl, sagen Ladenbauer wie der Psychologe Harald Ackerschott. Baumärkte sind maskulin. Viel Holz, viel Metall, kein Schnickschnack. Der Mann hier bummelt nicht, er ist beschäftigt. Auch wenn das genauso lange dauert. "Männermärkte? Langsam stimmt das nicht mehr. Immer mehr Frauen kommen." Nejat Akinci jedenfalls ist ein Mann - mit Siegelring und Selbstbewußtsein. Ende Februar eröffnete seine Baumarktfiliale in Prenzlauer Berg, Akinci hatte noch nicht mal Zeit, in seinem Büro den Stadtplan aufzuhängen. Der lehnt noch an der nackten Wand. Die Territorien hat der Filialleiter aber schon abgesteckt: Gelbe Nadeln für die eigenen Märkte, die Konkurrenz stichelt in Blau und Weiß. Es sind viele Nadeln."Service ist da die einzige Überlebenschance", sagt Akinci und fährt mit der Hand über die Tischplatte, "gucken Sie sich das doch an: Wir haben alle genau dieselben Bohrmaschinen, dieselben Hämmer und Hölzer. Die Preise sind auch gleich." Darum läßt Nejat Akinci über 100 Umweltberater, Verkäufer und Verkäuferinnen durch seinen Laden laufen und erklären, welche Schrauben in welches Holz gehören. Immerhin gibt es Flachkopf-, Rundkopf- und Linsenkopfschrauben, in Messing, verzinkt, brüniert oder sogar phosphatiert, dann aber mit Hilo-Gewinde. So viele kleine Teile. Ohne Brille wirkt der ältere Heimwerker hilflos. Ist das jetzt eine "Raster-Druckschelle 6 bis 16 mm 2fach mit Klemmschraube und Befestigungsdübel" oder eine "Express-Schelle für Leitungen von 10 bis 14 mm mit Stahlnagel"? In dieser Warenwelt braucht der Kunde Helfer. Hier heißen sie Heinzelmännchen, sie tragen Handys und weinrote Pullover.Draußen vor der Tür zu Akincis Büro warten zwei junge Frauen auf ihre Bewerbungsgespräche. Sie tragen sehr kurze Röcke. Akinci sucht noch Servicepersonal. Eigentlich sind die Baumärkte keine Baumärkte mehr: Akincis Filiale hat gleich ein ganzes Gartencenter und ein halbes Möbelhaus verschluckt, denn zu den 60 000 Artikeln zählen auch Kissenprimeln und Küchenzeilen. Voriges Jahr hatte einer der Konkurrenten schon Autos im Programm. Der größte Laden steht in Düsseldorf, er mißt 20 000 Quadratmeter. Das sind drei Fußballplätze.In diesem Jahr rechnet die Branche erstmals mit leicht gebremstem Wachstum. Der Markt ist erobert. Der Bundesverband deutscher Heimwerker-, Bau- und Gartenfachmärkte (BHB) sieht daher seine Herausforderer nicht mehr im Einzelhandel, sondern im Freizeitbereich, wie ein BHB-Sprecher berichtet. "Unsere Wettbewerber sind die Tourismusbranche und der Automarkt. Die verkaufen auch Feel-Good-Waren." Frei übersetzt sind das Sachen zum Wohlfühlen. Die will auch der BHB verkaufen, und ein schwerer Hammer gehört in Deutschland wohl dazu.Natürlich hat auch Heiner Schwarzkopf in Marzahn überlegt, warum die Baumärkte ausgerechnet hierzulande so gut ankommen. "Sehen Sie sich doch mal im Ausland um: Wenn der Italiener Feierabend hat, hat er Feierabend. Da gibt der was fürs Essen aus, der Deutsche was fürs Haus." Während der Klischee-Engländer sich abends also an den Kamin setzt und "my home is my castle" denkt, sagt sich der deutsche Perfektionist: My home is nie fertig.Daher ist das Ausland zu missionieren. "Südeuropa ist unterentwickelt, die Staaten im Osten sind noch zu besetzen", sagt der BHB-Mann in der kriegerischen Sprache des Strategen. Voriges Jahr holte sich eine Kette bereits Österreich ins Bilanzbuch. Wenn die Südeuropäer in Sachen Heimwerken unterentwickelt sein sollen, muß Peter Taut aus Mariendorf der Selbsthelfer auf höchster Evolutionsstufe sein. Nein, er ist kein kraftstrotzender Handwerker-Hüne, sondern unter seiner Schlägermütze eher schmal, klein und auch schon 60 Jahre alt. Doch seit Herr Taut nicht mehr als Ingenieur arbeitet, hat er "richtig Zeit für Haus und Garten".Heute kauft er in einer Filiale in Marienfelde einen Abflußschlauch für seine Waschmaschine, morgen könnte schon die Rosenschere folgen - die aber holt Herr Taut in einem anderen Geschäft. Denn er hat Fähigkeiten erworben, um die ihn selbst Filialleiter beneiden: Herr Taut kann Baumärkte doch noch unterscheiden. "Klar, ein Grundsortiment haben die alle. Aber Elektro kauf' ich gut bei Bauhaus. Für'n Hausbau, Steine und so, hat Stinnes mehr."Nächste Woche ist Herr Taut wieder unterwegs. Und Herr Munch, der Freizeit-Fliesenleger, dürfte bis dahin seine Kleingartentoilette runderneuert haben. Wahrscheinlich sitzt er dann mit Frau und Bier vor seiner Datsche und kratzt sich die Fugenmasse von den Fingern - falls ihm nicht bei der Arbeit die Fliesen zerbrochen sind. Dann wird er diese ganze Heimwerkerei vielleicht doch verfluchen und wütend sein.Oder schon wieder im Baumarkt. +++