Ich bin gelernter Emigrant" lässt der Autor den Protagonisten des Romans Fjodor Kokoschkin sagen. 1977 hatte Hans Joachim Schädlich die DDR verlassen, nachdem sein Erzählungsband "Versuchte Nähe" im Westen erschienen war und er zuvor schon die Resolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterzeichnet hatte. Zehn Jahre später fragt er in seiner Kasseler Brüder-Grimm-Vorlesung "Deutsche im deutschen Exil?", ob sein Leben in der Bundesrepublik eine Emigrantenexistenz sei, kommt zum Schluss, Exil sei als Begriff zwar objektiv nicht berechtigt, subjektiv aber als solches zu empfinden.Kokoschkins Schicksal indes ist das eines Emigranten, wie es Millionen im europäischen Jahrhundert der Diktaturen erlebt haben. Schon als Kind flieht er mit seiner Mutter aus Petersburg vor der Revolution, da sein Vater als Mitglied der Kerenski-Regierung liquidiert wurde, gelangt nach Odessa, wird auch dort von den Bolschewiki verjagt. Er erfährt am eigenen Leib die Urwunde dieses Jahrhunderts, die Auslöschung einer Demokratie und den ersten Sieg des Totalitarismus, eine Wunde, die sich erst nach 1989 langsam schließen wird. Kokoschkin lässt sich in Deutsch- land nieder, wandert 1933 über Prag in die USA aus. Dort findet er Ruhe und Arbeit, und doch lässt sein Emigrantenlos ihn nicht los, er will im hohen Alter die Stätten seiner Exilodyssee wiedersehen.Im Stil einer Chronik berichtet Schädlich von dieser Reise in die Vergangenheit. Als Rahmen wählt er die Rückkehr in die USA an Bord eines Luxusliners, wo es im Restaurant oder auf dem Promenadendeck nur zu belanglosem Smalltalk kommt. Doch die sich auf dem Meer ausdehnende Zeit lässt Kokoschkin die Stippvisite durch das alte Europa im Kopf wiederholen. Begonnen hat diese in Berlin, wo er sich im Hotel Bogota mit seinem Freund Hlavacek trifft, den er 1968 während des Prager Frühlings zufällig kennen gelernt hatte. Er soll ihn begleiten auf dem Weg in die Vergangenheit, nach Petersburg, das Kokoschkin seit 1918 nicht gesehen hat. Er sucht den Taurischen Palais auf, wo die erste demokratische Regierung Russlands tagte, bis sie von den Bolschewiki weggefegt und sein Vater erstochen wurde, Urerlebnis, das das Exil mit seinen Stationen nach sich zog.Schädlich erzählt, obwohl weiterhin im schlichten Chronikstil, anschaulich vom russischen Exilleben in Berlin, das sowohl von den Emigranten als auch von Mitläufern der Revolution geprägt ist, erzählt von Gorkis vom sowjetischen Staat bezahlten Aufenthalt in Saarow, wohin sich die Familie für einige Zeit begibt, bevor der kleine Russki, wie die deutschen Kinder Fjodor Kokoschkin nennen, in Templin ein Gymnasium besucht, während die Mutter mit Nina Berberowa und Iwan Bunin nach Paris weiterzieht.Dem Abitur folgt ein Studium der Biologie in Berlin, dann eine Geborgenheit versprechende Liebe zu einem deutschen Mädchen, doch Kokoschkin fühlt, sein Leben bleibt eins aus Abruf. Vor den Nazis weicht er nach Prag aus, arbeitet als Küchenjunge, erhält als bisher Staatenloser überraschend ein Visum für die USA, dank Kerenski als Bürgen. Er ist auch ein Glückskind der Emigration, wird schließlich in Boston Professor für Biologie, Spezialgebiet Gräserkunde.Schädlich beherrscht die Kunst, in der Sprache eines kurzen, aber ruhigen Atems gelassen zu erzählen und ist doch zugleich imperativ im Unterton eines: So ist es und nicht anders. Die penible Genauigkeit der Chronik hält den Erzählfluss bisweilen auf und ihr Stil lässt weder Spannung aufkommen noch vermag er, das Gemüt des Lesers für Kokoschkins Los zu bewegen.Schlüpft Schädlich in die Haut Kokoschkins nicht nur dann, wenn er ihm mit Templin und Saarow die gleichen Schulstationen, die er erlebt hat, andichtet? Könnte der sein Stellvertreter für ein wahres Emigrantenleben sein? Ist der Roman so auch die Geschichte einer geheimen Sehnsucht? Der Leser folgt ihr mit derselben Gelassenheit, aber auch Kühle, mit der Schädlich seinen Roman verfasst hat.------------------------------Trügerische Sehnsüchte im wahren Emigrantenleben.Foto: Hans Joachim Schädlich Kokoschkins Reise. Rowohlt, Reinbek bei Hamburgg 2010. 189 S., 17,95 Euro.LOB DER UNTREUE - Von verkümmernder Liebeund gekappten Wurzeln.Wohin und zu wem man gehört, erfährt man manchmal erst, wenn man geflohen ist.Die Liebe dauert oder dauert nicht, heißt es schon in der Dreigroschenoper. Nun hat Arno Geiger in seinem Ehebrecher-Roman "Alles über Sally" erforscht, inwiefern alte Liebe rostet, wenn sie rastet. Dem Entsetzen über die Alterung der Körper steht die Verblüffung über die bleibende Frische von Eifersuchtsgefühlen gegenüber. Einen Treuebruch anderer Art beging Hans-Joachim Schädlich, als er 1977 das damals bessere Deutschland verließ und vom unbelehrbaren DDR-Bürger zum gelernten Emigranten wurde. Da geht es ihm wie dem Titelhelden seines neuen Romans "Kokoschkins Reise" - dessen Odyssee, die von Russland über Deutschland nach Amerika führt, ist allerdings nicht mit der S-Bahn zu bewältigen.