Die Lobby des Luxushotels Divan an der nordwestlichen Ecke des Gezi-Parks in Istanbul sieht wieder blitzblank und gediegen aus. Auf den Ledersofas sitzen Geschäftsleute aus den Golfstaaten und genießen ein Glas Tee. Nichts erinnert mehr an die Nacht von Sonnabend zu Sonntag, als sich mehr als tausend Menschen während der polizeilichen Räumung des Gezi-Parkes ins Foyer flüchteten, die Polizei ihnen nachsetzte und bis gegen drei Uhr morgens mehrfach Tränengas durch die Eingangstüren schoss.

Hunderte bekamen keine Luft mehr, erblindeten minutenlang, mussten ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen - auch die deutsche Grünen-Vorsitzende Claudia Roth, die dazu sagt: „Trotzdem war es ein Segen, dass das Hotel den Leuten Schutz bot.“
Über das soziale Netzwerk Twitter verbreitete sich an diesem Abend die Nachricht, dass der Hotelbesitzer Ali Koc seine Angestellten angewiesen habe, Flüchtende stets in das Hotel zu lassen. Er habe ihnen ausdrücklich untersagt, der Polizei noch einmal die Türen zu öffnen und gedroht, jeden zu entlassen, der sich dieser Anweisung widersetze.

Tatsächlich waren die Mitarbeiter nachts peinlichst darum bemüht, nur Hotelgästen und Demonstranten Zugang zu gewähren. Das Hotel hatte schon bei den vorangehenden Auseinandersetzungen mit der Polizei Flüchtende aufgenommen, ihnen Wasser zur Verfügung gestellt und Räume, um Verletzte zu versorgen. Stoisch standen die Empfangschefs hinter ihrem Tresen mit aufgezogenen Gasmasken.

Ali Koc hat die Twitter-Meldung inzwischen dementiert. Nicht dementiert hat er die tiefe gegenseitige Abneigung zwischen seiner alteingesessenen kemalistischen Istanbuler Familie und dem konservativ-religiösen Premierminister Recep Tayyip Erdogan, den sie als ungebildeten Emporkömmling aus Anatolien betrachten. Ali Koc ist Spross der reichsten türkischen Unternehmerfamilie, deren Koc-Holding über fast 500 Unternehmen herrscht, einen Marktwert von mehreren Milliarden Euro hat und in der Türkei Haushaltsgeräte, Autos und Rüstungsgüter herstellt sowie einer der Großen im Tourismusgeschäft ist.

Fast die Hälfte des Umsatzes entsteht durch Export und Beteiligungen im Ausland. Gründer der Koc-Holding war der Kaufmann und Glühbirnenproduzent Vehbi Koc aus Ankara, dessen Sohn Rahmi den Konzern bis 2003 führte und den Vorstandsvorsitz dann an seinen Sohn Mustafa weiterreichte; Ali Koc ist Chef der Tourismussparte.

Der 83-jährige Patriarch Rahmi Koc und seine Söhne haben dem Premierminister in der Vergangenheit mehrfach zu verstehen gegeben, dass sie nicht vorhaben, nach seiner Pfeife zu tanzen. Hartnäckig verweigert sich der einzige Autoproduzent der Türkei, der mit seiner Firma Tofas in Lizenz für Fiat Kleinwagen baut, Erdogans Traum nachzukommen, ein nationales „türkisches Auto“ herzustellen. Es sei wirtschaftlich unsinnig, teilte Mustafa Koc dem Premier mit.

Der nutzte die Gezi-Park-Krise, um gegen die kemalistischen Erzfeinde Koc und Sabanci auszuteilen. Sie seien (zusammen mit den Juden) Teil einer „Zinslobby“-Verschwörung, die in der Vergangenheit gut an den hohen türkischen Zinsen verdient habe, wegen seiner erfolgreichen Reduzierung der Inflation aber Geld verloren habe und sich nun rächen wolle.

Er drohte den zu den Holdings gehörenden Banken an, sie unter staatliche Kuratel zu stellen. Erdogans EU-Minister Bagis erklärte am Sonntag, die Zinslobby habe die regierungsfeindlichen Proteste seit sechs Monaten im Geheimen geplant.

Im Verlauf der Krise ist der Konflikt zwischen dem Ministerpräsidenten und den reichsten Familien des Landes ständig weiter eskaliert. Inzwischen drohte Erdogan den Großindustriellen vor Zehntausenden Anhängern in Istanbul offen mit der vollen Härte des Staates.

Am selben Tag verhaftete die Polizei zehn Anführer der „Carsi“-Ultras des Istanbuler Arbeiter-Fußballklubs Besiktas, dessen Hauptsponsor Rahmi Koc ist. Vorwurf: Aufforderung zum Aufruhr. Erdogan ist übrigens Fan und Unterstützer des Besiktas-Kontrahenten Fenerbahce. Die Großindustriellen enthielten sich bisher eines öffentlichen Kommentars.