Der Türkische Rote Halbmond hat jüngst 10 000 Zelte in seine Istanbuler Depots gebracht. Die größte Erste-Hilfe-Vereinigung der Türkei plant, den Vorrat auf 20 000 aufzustocken. Denn seit dem 17. August 1999, als ein Beben der Stärke 7,4 auf der Richterskala in Izmit und Yalova fast zwanzigtausend Opfer forderte, geht die Angst um in Istanbul.Die Ursache der Beben ist bekannt. Ein Teil der Erdkruste, die Anatolische Platte, schiebt sich in dieser Region pro Jahr um 2,5 Zentimeter nach Westen und verhakt sich dabei mit der Eurasischen Platte - so lange, bis die Spannung zu groß wird. Dann rückt Anatolien entlang der "Nordanatolischen Verwerfung" (siehe Karte) mit einem Schlag um bis zu drei Metern vor. Die zerstörerischen Auswirkungen dieser Bewegungen sind in Istanbul so gut dokumentiert wie nirgends sonst. Die Metropole gilt als die älteste dauerhaft besiedelte Stadt der Welt, und die Chronisten von Byzanz, Konstantinopel und Istanbul haben Katastrophen stets vermerkt. Historiker und Seismologen werten die Chroniken aus. Für die Zeit von Christi Geburt bis 1899 sind 38 schwere Beben mit Stärken von mehr als 7 auf der Richterskala dokumentiert. Seit 1900 kann man die Beben auf Grund von Messungen genauer klassifizieren. In den vergangenen 102 Jahren erlebte die Stadt 23 Beben stärker als 5,9; darunter fünf mit der Magnitude 7 und darüber. Im Durchschnitt kam es alle fünfzig Jahre zu einem schweren Erdbeben, und alle zweihundertfünfzig bis dreihundert Jahre zu Verwüstungen. Für den Aufbau der Spannung braucht es Jahrzehnte bis Jahrhunderte, die Entladung erfolgt in einer Reihe kleinerer und größerer Beben. Deshalb treten die Erdbeben nicht regelmäßig auf, sondern häufen sich immer wieder.Der Geowissenschaftler Naci Görür von der türkischen Akademie der Wissenschaften befürchtet, dass es für Istanbul spätestens 2016 wieder so weit ist. Schon jetzt beobachten seine Mitarbeiter im Marmara-Meer eine erhöhte seismische Aktivität. Sein Kollege Ahmet Ercan sagt zu dem kleinen Beben der Stärke 4,8, das erst Ende Februar in Istanbul für Aufregung sorgte: "Das sind die Geburtswehen. 1999, vor Izmit, hatten wir etwa zweitausend Erdstöße im Marmara-Meer; in den letzten Monaten waren es schon zweitausendfünfhundert. Vor einem großen Beben ist das normal."Noch können die Seismologen weder Ort, noch Zeit oder Stärke eines Bebens vorhersagen. Auf absehbare Zeit werden derlei Prognosen auch nicht möglich sein. Bei der Berechnung dessen, was Istanbul erwartet, kommen den Naturforschern aber die Historiker und Statistiker zu Hilfe. Als Modellfälle dienen den Wissenschaftlern ein Beben von 1719 und die Katastrophe von Izmit im Jahr 1999. Beide Beben hatte eine Stärke von mehr als 7, beide zerstörten die Städte Izmit und Yalova, und beide ereigneten sich auf dem östlichsten Abschnitt der "Marmara-Verwerfung". Diese ist quasi die Fortsetzung der in der Karte dargestellten Nordanatolischen Verwerfung. Dem Beben vom 1719 folgten 1754 ein Beben auf dem mittleren Abschnitt der "Marmara-Verwerfung" und 1766 zwei weitere Beben auf dem großen westlichen Abschnitt, deren Stärke bis zu 7,7 betragen haben soll. Das Izmiter Beben hat 1999 nach 281 Jahren die Spannung von dem östlichen Abschnitt der Marmara-Verwerfung genommen. Auf dem mittleren und westlichen Abschnitt der Falte aber haben sich seit Mitte des 18. Jahrhunderts keine großen Beben mehr ereignet. Ihre Entladung wird Istanbul ein Erdbeben von zirka 7,5 bringen, schätzen die Seismologen. Forscher der Abteilung Erdbebenprävention der Istanbuler Universität Bogaziçi haben darauf basierend ihre Computer mit Daten gefüttert wie Bevölkerungszahl, Siedlungsdichte, Baubestand und -qualität sowie Beschaffenheit des Untergrunds. Ausgehend von den Verwüstungen des Izmit-Bebens errechneten sie, dass ein solches Beben 50 000 der 800 000 mehrstöckigen Wohnhäuser Istanbuls schwer beschädigen und 5 000 zum Einsturz bringen wird. Dabei würden 50 000 Menschen sterben und 130 000 verletzt. 1,2 Millionen der mehr als neun Millionen Istanbuler würden obdachlos. In vielen anderen Ländern wären die Verluste vermutlich niedriger. Das hat eine Studie ergeben, die Ende 2001 erschienen ist. Diese Studie hat zwanzig Großstädte weltweit verglichen, die alle erdbebengefährdet sind. Jochen Zschau, Erdbebenexperte am Geoforschungszentrum Potsdam, sagt: "Istanbul rangiert in dieser Analyse gleich hinter Kathmandu, was die Zahl der zu erwartenden Todesopfer betrifft." Eine wesentliche Ursache dafür sei, dass die Gebäude Istanbuls nicht erdbebensicher sind. Aber auch die mangelnde medizinische Versorgung im Katastrophenfall führe zu hohen Opferzahlen.Die Zahl der Toten könnte um 20 000 vermindert werden, schätzen die Forscher der Universität Bogaziçi. Dazu müssten fünftausend Gebäude so verstärkt werden, dass sie beim Beben nicht wie Kartenhäuser zusammenfallen. Im Visier haben die Forscher alte Häuser mit mehr als fünf Stockwerken und solche mit schwarz gebauten Zusatzgeschossen. Schon 200 000 Dollar in kleinen Teilbeträgen an Hausgemeinschaften als langfristige Kredite vergeben, könnten den notwendigen Anreiz für einen Umbau schaffen. Vor einigen Wochen hat die Stadtverwaltung von Istanbul deshalb bei der Weltbank vorgesprochen.BERLINER ZEITUNG/LUKAS PUSCH; QUELLE: GFZ POTSDAM Nordanatolische Verwerfung. An der "Nordanatolischen Verwerfung" kommt es oft zu schweren Erdbeben. Die Karte zeigt die stärksten Beben seit 1939. Im Marmara-Meer setzt sich die Verwerfung fort. Dort wird es wohl demnächst heftig beben.REUTERS Das Erdbeben, das Izmit 1999 verwüstete, erreichte eine Stärke von 7,4 auf der Richter-Skala. Bei Werten in dieser Größenordnung kommt es zu schweren Gebäudeschäden.SEUFERT "Wilde" Dachaufbauten wie diese sind in Istanbul keine Seltenheit. Sie gefährden bei einem Beben das ganze Haus, auf dem sie lasten.

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