ROM. Lange galt in Italien das Motto, dass die Krise andernorts stattfindet. Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat die Auswirkungen der Finanzkrise stets schöngeredet, und selbst als Italien im Juli erstmals ins Visier der Finanzmärkte geriet, war vom italienischen Regierungschef kein Wort zu hören. Während an der Mailänder Börse die Kurse stürzten und Italiens Staatsanleihen als immer riskanter gehandelt wurden, schwieg der Ministerpräsident der drittgrößten Volkswirtschaft der Europäischen Union wochenlang.Erst gestern wandte sich Berlusconi in einer seiner seltenen Reden an die Nation an das Parlament, ehe es in die Sommerpause geht. Zuvor war die Stimmung hochgradig nervös, weil die Renditen für italienische Staatsanleihen erneut auf einen historischen Höchststand stiegen. Im Amtssitz des Ministerpräsidenten entschied man da lieber, dass der Regierungschef erst nach Börsenschluss sprechen sollte. Die mit Spannung erwartete Rede wurde verschoben.Politisch geschwächtSelbst in den eigenen Reihen war die Rede heftig umstritten. Auch Berlusconi-Getreue befürchteten, dass sie das Gegenteil dessen bewirken könnte, was der Premier beabsichtigte: Die Finanzmärkte zu beruhigen, Zweifel zu zerstreuen, dass Italien als nächstes mit dem Griechenland-Virus infiziert werden und dann kein Rettungsschirm mehr groß genug sein wird. Von einem "politischen Selbstmord" sprach sein Verbündeter Umberto Bossi, Chef der Lega Nord, und Finanzminister Tremonti beschied Berlusconi kühl, nicht "der Retter Italiens" zu sein.In seiner Rede beschwichtigte Berlusconi und versicherte, dass Italiens Regierung und Banken solide und die Wirtschaft vital seien. Italien habe ein umfassendes Sparprogramm auf den Weg gebracht, um bis 2014 einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen, doch würden diese Anstrengungen von den Märkten nicht anerkannt. "Das ist keine italienische Krise, sondern eine globale." Ihr müsse mit Entschiedenheit begegnet werden, aber ohne "der Nervosität der Märkte zu folgen"."Wir haben nicht wenig getan, aber es gibt noch viel zu tun", räumte Berlusconi ein und kündigte einmal mehr Steuererleichterungen, Maßnahmen zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und zur Modernisierung der öffentlichen Verwaltung an. Oberstes Ziel der Regierung sei es, das Wachstum zu fördern. Als konkrete Schritte nannte Berlusconi jedoch lediglich die Bewilligung von neun Milliarden Euro für Infrastrukturmaßnahmen vor allem im Süden des Landes. Die hatte aber sein Verkehrsminister ohnehin schon am Morgen bekannt gegeben.Kein Wort verlor Berlusconi auch darüber, dass Teile des Mitte Juli verabschiedeten Sparpakets in Höhe von rund 50 Milliarden Euro vorgezogen werden könnten, wie es manche Analysten erwartet hatten. Entsprechend enttäuscht fielen erste Reaktionen auf seine Rede aus. Doch Berlusconi fürchtet die Quittung bei den nächsten Wahlen im Jahr 2013, wenn er jetzt weitere unbequeme Sparmaßnahmen verkündet. Die Regierung ist ohnehin politisch geschwächt und kaum noch handlungsfähig. Rücktrittsforderungen wies Berlusconi auch gestern zurück. Er wolle bis zum Ende der Legislaturperiode im Amt bleiben und damit seinen Teil dazu beitragen, dass das Land stabil bleibe.1800 Milliarden Euro SchuldenItaliens Haushaltsdefizit liegt zwar unter dem EU-Durchschnitt, doch das Land sitzt nach wie vor auf dem zweithöchsten Schuldenberg der Eurozone: Die Staatsschulden betragen derzeit 120 Prozent des Bruttoinlandsproduktes oder 1800 Milliarden Euro. Seit Jahren wächst die Wirtschaft kaum und leidet unter einer überbordenden Bürokratie und starren Gesetzen. Selbst die in der Regel Berlusconi-freundlichen Industriellen mahnen seit Monaten ungeduldig Reformen an, um das Wachstum anzukurbeln. Im ersten Quartal diesen Jahres lag es bei lediglich 0,1 Prozent. Am heutigen Donnerstag trifft Berlusconi die Sozialpartner, um Maßnahmen zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise zu diskutieren. Lange hatte er sich gegen deren Forderungen nach einem gemeinsamen Gipfel gesperrt.Erst als die Unternehmer für heute einen Termin mit der Opposition vereinbart hatten, gab Berlusconi nach. Sie hatten in einem ungewöhnlichen Appell gewarnt, dass die ökonomisch und finanzielle Lage in Italien schnell "unerträglich" werden könnte.------------------------------Foto: Premier Berlusconi beim Versuch, die Höhe des Schuldenbergs zu schätzen.