Rom - Die Kanzlerin habe Matteo Renzi am Ende untergehakt und ihn nach Berlin eingeladen, schreibt die Zeitung La Repubblica. „Komm mich besuchen und dann reden wir in Ruhe“, soll Angela Merkel in Brüssel zu ihrem Kollegen gesagt haben. Seit sich Italiens 40 Jahre alter Premier auf dem EU-Gipfel vergangene Woche zum kämpferischen Wortführer gegen Deutschland aufgeschwungen hat, ist in Italien schon von einer Wende in den Beziehungen beider Länder die Rede. Renzi habe die Kanzlerin knallhart attackiert und einen Bruch riskiert. Dass er gerade jetzt auf Konfrontationskurs geht, sehen Beobachter einmütig als Ablenkungsmanöver.

Spannungen zwischen Deutschland und Italien gibt es einige. Renzi fühlt sich von Berlin gegängelt und zu Unrecht kritisiert. In Brüssel machte er seinem Ärger Luft und stellte Merkels Führungsrolle innerhalb der EU infrage. „Ihr könnt uns nicht erzählen, dass Deutschland der Blutspender Europas ist, liebe Angela“, hielt er der Kanzlerin vor.

Geschäfte mit Russland

Da ist zunächst einmal der Streit um die Pipelines, die russisches Gas nach Europa bringen sollen. Renzi beschuldigt Merkel in diesem Punkt der Doppelmoral. Die EU hatte vor einem Jahr das Southstream-Projekt verhindert, eine Gasleitung, von der südeuropäische Länder wie Italien profitiert hätten. Stattdessen treibe Deutschland nun in aller Stille den Bau der Pipeline Northstream 2 aus Russland durch die Ostsee voran, ereiferte sich Renzi. Deutsche Unternehmen machten dabei trotz der westlichen Sanktionen Geschäfte mit Moskau.

Geärgert hat sich Renzi auch über den Rüffel beim Thema Flüchtlinge. Geradezu surreal sei es, dass die EU und Deutschland seinem Land vorwerfen, Neuankömmlinge nicht zu registrieren. „Italien erfüllt die Anforderungen zu 90 Prozent, Europa aber gar nicht“, sagt Renzi. Die versprochene Umverteilung von Flüchtlingen aus Italien und Griechenland in andere europäische Länder stocke. Tatsächlich sind nach knapp drei Monaten erst 263 Flüchtlinge verteilt, insgesamt 160 000 sollen es werden.

Für Unmut sorgt auch, dass Deutschland ein gemeinsames europäisches System der Einlagensicherung ablehnt, weil es fürchtet, für kriselnde Banken in Südeuropa aufkommen zu müssen. Das wird in Italien als Egoismus und fehlende Solidarität interpretiert. Auch in diesem Punkt setzte Renzi zum Schlag an: Italienische Banken seien derzeit viel gesünder als die deutschen, „wenn ich ein deutscher Amtsträger wäre, wäre ich darüber sehr besorgt“. Nicht zuletzt begehrt Italien weiter gegen das von Deutschland gewollte Spardiktat der EU auf. Renzis Regierung erhöhte am Sonntag das Haushaltsdefizit 2016 von 2,2 auf 2,4 Prozent – trotz des enormen Schuldenbergs und ohne Zustimmung aus Brüssel.

Zwar beschwichtigen Renzi wie Merkel. „Uns verbindet Freundschaft und gegenseitige Achtung, ich würde Deutschland nie angreifen“, versichert der Premier. Er habe in Brüssel nur ein paar Fragen gestellt. Die Kanzlerin erklärte, es sei normal, dass es unterschiedliche Positionen gebe. Doch die Stimmung ist lange nicht mehr so gut wie noch im Januar bei Merkels Besuch in Renzis Heimatstadt Florenz. Auf deutscher Seite ist eine gewisse Enttäuschung über Italien spürbar. Klar ist inzwischen, dass vieles, was Renzi zu Europa sagt, innenpolitischen Notwendigkeiten untergeordnet ist.

Schlechte Umfragewerte

Und innenpolitisch ist Renzi gerade in Bedrängnis. Seine Regierung hatte im November vier Regionalbanken vor der Pleite gerettet. Dabei wurde hingenommen, dass 130 000 Kleinanleger ihre Ersparnisse verlieren, die sie in Aktien und Anleihen gesteckt hatten, offenbar ohne von den Banken über die Risiken aufgeklärt worden zu sein.

Renzis Partei PD sackt derweil in den Umfragen ab und liegt nur noch knapp vor der Protestbewegung Fünf Sterne. Auch die Beliebtheitswerte des Premiers sinken. „Renzi mag es nicht, wenn er an Popularität verliert, das unverzichtbare Requisit seines Narzissmus“, schrieb die Zeitung La Repubblica. Seine Angriffe auf die bei den Italienern unpopuläre deutsche Kanzlerin seien als Gegenmittel gedacht. Renzis Kritik sei berechtigt, befinden Kommentatoren, aber natürlich wolle er damit vom Bankenskandal ablenken.

Einige warnen davor, dass Italien sich isoliere, wenn es sich gegen Deutschland stellt. „Mit wem wollen und können wir denn eine bedeutende Rolle in Europa einnehmen, wenn nicht gemeinsam mit Deutschland?“, fragt der Corriere della Sera. Und der Ex-Regierungschef und Ökonom Mario Monti mahnt: „Gewicht in der EU bekommt man nicht, indem man es einfordert, sondern indem man Ideen einbringt.“