Einer verbreiteten Auffassung zufolge besteht die künstlerische Arbeitsform "Rockband" deswegen vorwiegend aus Männern, weil die Gesten, die dort gefordert sind, der männlichen Masturbation entsprechen. Die auf Schritthöhe baumelnden E-Gitarren, das Rauf-und-runter-schrubbeln der Saiten - erinnert das nicht ans Onanieren des männlichen Sexualorgans? Frauen, so der zweite Aspekt dieser Auffassung, ist eher das Platten-Auflegen in die Wiege gelegt: das zärtliche Reiben beim Scratchen des Vinyls erinnert an die Stimulation der Klitoris.So weit, so nachvollziehbar. Von der Realität der Pop-Geschichte ist diese These allerdings immer wieder relativiert worden: Gerade im Genre "feministische Punkband" - von The Slits über Bikinikill zu Erase Errata - haben Frauen mit großer Hingabe und Leidenschaft die Gitarre zu schrubbeln vermocht. Trotzdem hängt der Rockband immer noch der Geruch des schwanz- und testosterongesteuerten Machogehabes an. Daran konnten weder die soften Indie-Boys des britischen Pop noch die jammernden Jungs aus der Hamburger Schule etwas ändern. Trotz anti-sexistischer Ambitionen stellte sich deren dezidierte Weinerlichkeit ohnehin bald als Privileg von Männern heraus, die beim Traurigsein auch mal schreien dürfen.Dieser Tage reitet eine neue Band aus, um kreuzrittergleich die Männlichkeit im Pop zu zerstören. Ja, Panik heißen die fünf Jungs und kommen aus Wien. Sie sind schwul, zumindest denken das die anderen. In dem Video zu "Like a hurricane" von ihrem ersten, selbstbetitelten Album aus dem Jahr 2006 ziehen ein junger Mann mit Seitenscheitel und ein älterer Herr einander zärtlich die Hemden aus, während Ja, Panik-Sänger Andreas Spechtl leise von der Liebe singt. Obwohl Schwulsein im Mainstream angekommen zu sein scheint, fällt auf: Selten wird man im Popgeschäft so mit sich liebenden Männern konfrontiert.Auf ihrem zweiten Album nun legen Ja, Panik nach. Zunächst nicht musikalisch, sondern so, als ob sie der Rockmusik doch nicht ganz über den Weg trauen, in Form eines politischen Manifests. "Auf blutigen Knien flehen wir euch an: Schneidet die Penisse aus der Pop-Kultur! Zerfleischt sie! Reißt sie aus allen Künsten! Speit jeden Tag auf den Altar euer Männlichkeit!" So etwas hört man gerne.Aus dem Burgenland kommen die Mitglieder der Band, dem Ostfriesland Österreichs. Inzwischen in Wien lebend und über jeden Verdacht der Provinzialität erhaben, klingt immer wieder ein liebenswerter Akzent an. So wenn Spechtl davon singt, jemanden "furchtbar" zu lieben, und das "ch" aus der Tiefe seines Rachens kommt.Nicht nur auf die Männlichkeit haben es die Männer abgesehen, sondern auch auf Mittelmäßigkeit, Zufriedenheit und Optimismus. Stattdessen feiern sie Wahnsinn, Rausch, Zerstörung und - ja, Panik. So preschen die Akkorde des Stücks "Marathon" nach vorne, eine verzerrte Gitarre spielt eine schnelle, eingängige Melodie, revolutionäre Stimmung allenthalben, die Stimme Spechtls zwischen Falco, Jochen Distelmeyer und Rio Reiser. Der Song "Thomas sagt" gipfelt in dem Refrain: "Wir werden Feuer fangen, wir werden brennen, wir werden brennen Baby, lichterloh".Neu ist das nicht. Das geben Ja, Panik nicht nur zu, sondern fordern das Plagiat mit Hingabe ein. Im titelgebenden Stück heißt es: "The taste is familiar and so is the sound" - der Geschmack ist vertraut und der Klang ebenso. Die Zeile wird zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, wenn sie am Ende des Albums in veränderter Form wieder auftaucht: Reverenz an den eigenen Wiederholungszwang und an die Logik des Pop-Geschäfts im Allgemeinen. So bekennen Ja, Panik im Manifest: "Das ist alles schon passiert und geschrieben. Wir können es stumpf wiederholen oder uns seiner annehmen."Letztlich bleiben die Körper und Posen, die Stimmen und Aussagen, so sehr sie sich wehren, doch der Männlichkeit verhaftet. Am Ende des Manifests heißt es: "Eure Gitarren werden wie von Zauberhand vom reinen Werkzeug zum einzig wahren Glied werden". Müssten Männer, die die Männlichkeit zerstören wollen, nicht gerade auch gegen sich selbst mobilisieren? In ihrem Rundumschlag haben Ja, Panik auch ihre Rezensentinnen nicht ausgespart: "Und jetzt zu dir, over-sophisticated Pop-Diskursler: Auch deine Ideen sind bankrott. Zerstöre, brüskiere, verhöhne, onaniere auf deine Sprachgebilde, bitte, mach nur." Onanieren gegen die Männlichkeit - ich werd mir Mühe geben.------------------------------Foto: "The Taste And The Money", das neue Album von Ja, Panik, erscheint bei Schoenwetter/ZickZack. Am Mittwoch, 4. Juni, spielen sie im Lido.