Am Meer. Wo genau? Irgendwo an der Ostseeküste, Orte und Namen finde ich nicht wichtig und Orientierung fällt mir schwer - oder umgekehrt. Um mich an die Gegend zu gewöhnen, hatte ich mir eine Strecke ausgesucht, die durch die kleinstädtische Fußgängerzone an die Strandpromenade führte. Zumeist benutzte ich die frühen Morgenstunden für meinen Spaziergang am dann noch menschenleeren Strand, der später am Vormittag ebenso wie die Fußgängerzone von Kurgästen belegt war. Menschenmassen verunsicherten mich. Ich war gezwungen, die Luft anzuhalten, wenn ich sie passierte und vom ständigen Luftanhalten kriegt man Waldhornbläserbacken, und irgendwann ginge man sicher in die Luft wie früher das HB-Männchen. Und das wollte ich schon gar nicht, in die Luft gehen, ich hatte Höhenangst, nicht mal aus dem Fenster lehnen konnte ich mich.Mit den Schuhen in der Hand wanderte ich bis an das Ende des Strandes. Ein Drahtzaun hielt die Touristen von einer militärischen Anlage fern. Ich guckte auf die Rampe der Torpedoversuchsanstalt, warf Steine ins Wasser, setzte mich auf die Schaukel eines zum Hotel Seestern gehörigen Spielplatzes, flog über die Horizontlinie des Meeres, bis mir übel wurde und sprang in den Sand. Außer polnischen Arbeitern, die Algen einsammelten, und einigen streunenden Hunden begegnete mir niemand. Meistens.Eines Morgens kam mir ein kränklich aussehender Mann mit Heringschwanzfrisur und Schlappen entgegen. Er grüßte und fragte, ob ich ebenfalls Gast im Sanatorium sei. Ich grüßte zurück und schüttelte den Kopf. Bin hier, um Kunst zu machen, sagte ich. Aha, in einer Künstleranstalt. Anstalt ist Anstalt, so groß sei der Unterschied auch nicht und wenn sich mehr Künstler therapieren lassen würden, gäbe es sicher weniger, murmelte er. Ich nickte.Er erzählte, wie er fast von einem Geranientopf getroffen worden wäre, den eine Frau aus einem Fenster geworden hatte. Kampf dem Spießbürgertum, hatte die geschrien und er sich gefürchtet.Blumentöpfe aus dem Fenster schmeißen fand er blöde, sagte er und fragte, ob ich ihn für einen Spießer halten würde.Keine Ahnung, Übergänge sind fließend und zum Ende hin gibts Broschüren für alle, sagte ich und schimpfte, dass Landstipendien wohl alleinig dazu da seien, um den künstlerischen Nachwuchs auf Überlebenschancen zu testen. Oder einfach, um den Nachwuchs auszurotten, die Konkurrenz zu schmälern. Am besten ohne Strom, meckerte ich weiter. Genau, keifte er und jeder schlug seine eigene Richtung ein.Kurz vor der Abgrenzung zur Torpedoversuchsanstalt hockte eine Frau und baute ein mannshohes Gerüst aus Holz auf. Die einzelnen Stelen hatte sie mit getrockneten, verflochtenen Algen umwickelt und Stützpfeiler in den Sand gegraben. Sie, ganz in ihre Arbeit versunken, rüttelte von Zeit zu Zeit, wohl um deren Standfestigkeit zu überprüfen, an den Pfeilern. Ein großer Löffel aus Lindenholz hing in der Mitte des Konstrukts. In einem Eimer neben der Frau lag ein Haufen Hackfleisch. An der anderen Seite hatte sie Holz zu einem Lagerfeuer aufgeschichtet, welches sie nun, da ich neben ihr stand, entfachte.Ich setzte mich in den Sand. Die Frau formte große Fleischbälle, steckte einen Spieß hinein, grillte sie an und legte die Bälle auf den Lindenholzabwurflöffel. Ließ den Löffel nach hinten schnappen und katapultierte das Fleisch ins Meer. Die Klopse zerbarsten ob der Abwurfkraft und Geschwindigkeit und fielen in vielen, kleinen Stücken ins Wasser.Nach einiger Zeit wandte die Frau sich mir zu.Hast du gesehen, die Klopse, wenn die zerbrechen, sie zerbrechen mit Geschwindigkeit, Teilchen lösen sich aus dem Ganzen, sieh nur - sie betätigte das Katapult aufs Neue - wie sie in der Luft zerfallen, die Klopse! ... Wie ein Gemälde von Jackson Pollock, moderner zwar aber in der Aussage gleich! Und: Sie sind fließend, die Übergänge, sagte sie in einem Ton vollster Glückseligkeit.Ich nickte. Und sah weiter zu, bis der Frau das Hackfleisch ausging.Von Barbara Wrede ist derzeit die Ausstellung "Nachspiel" in der Galerie R 31 (Reuterstr. 31, Sa/So 15-20 Uhr; bis 18. Juni) zu sehen. Dort liest sie am 31. Mai ab 19.30 Uhr mit Katharina Rutschky und Martin Z. Schröder zum Thema "Männer, Frauen, Fußball und so".