Die Vorband hieß Mariannenplatz und ihr Sänger sprach zum Abschied ins Mikrofon: "Gleich kommt Silly. Ich glaube, Ihr wartet schon sehr sehr lange darauf. Man sieht es Euch jedenfalls an." Die Jugend gab ihm wohl das Recht, dieses freundliche Publikum in der Parkbühne Weißensee letzten Monat so anzusprechen. Tatsächlich dürften die Besucher mehrheitlich im Alter der Silly-Musiker gewesen sein. So wie heute Abend, wenn Pankow spielt.Pankow ging vor 25 Jahren zum ersten Mal auf die Bühne, hat tiefe Erschütterungen überstanden, sich oft getrennt und ist immer noch da. Gerade spielten sie ein neues Album ein: "Nur aus Spaß". Eine rockig-swingende Platte ist das, die durch mehrfaches Hören gewinnt und von der zwei herrliche Liebeslieder ("Ich wart heut' Nacht" und "Am besten") sowie der Titelsong für die Pankow-Ewigkeit taugen.Bei ihrer Gründung 1981 war Pankow die schärfste Rockband im deutschen Osten, rauh und roh. "Wir wollten auf keinen Fall nett sein, nicht lyrisch-verspielt, sondern vor allem anders", sagt der Bassist Jäcki Reznicek (53), der von Anfang an dabei war und noch immer neben den beiden anderen Gründungsmitgliedern Jürgen Ehle und André Herzberg auf der Bühne steht. Pankow wurde sofort berühmt mit dem Rockspektakel "Paule Panke". Der Held war ein Lehrling ohne Lust auf Arbeit, einer, der sich schnell langweilte - beides Todsünden in der DDR. Die Band musste sich gegen alles und jedes wehren und durfte das Stück nicht auf eine Platte pressen lassen. Von ihrer Kunstfigur, der wilden "Inge Pawelczik", fühlte sich angeblich eine Berliner Lehrerin gleichen Namens verunglimpft, wie sie der FDJ-Zeitung "Junge Welt" mitteilte.War das nervig? "Ach, es war aufregend", sagte Reznicek. "Man darf nicht vergessen, wir führten als Musiker ein tolles Leben, sind viel rumgekommen, hatten Tourneen durch die Länder des Ostblocks. In der Sowjetunion lernten wir Gegenden kennen, die kein Tourist je betreten hat. Wir haben unser Hobby intensiv betrieben und dafür noch Geld bekommen. Wir haben nicht nur rebelliert." 200 Auftritte im Jahr waren die Regel bei gefragten Bands, oft organisiert von den Konzert- und Gastspieldirektionen. "Man spielte einen ganzen Monat nur in einem Bezirk, wohnte dort und fuhr alle Tage zu den Muggen. Auch Auftritte vor Armisten waren dabei. Wir hatten zu tun." Die DDR ließ sich die Unterhaltung ihrer Menschen etwas kosten. Die Bands funktionierten dabei wie kleinkapitalistische Unternehmen im sozialistischen Umfeld. Sie lebten von Konzerten, nicht von Plattenverkäufen.Wie Familienunternehmen waren sie zum Zusammenhalt verpflichtet. Wenn sich einer absetzte, wie der Trommler Frank Hille 1985, der nach der ersten West-Tour dort blieb, war das schlimm für die Band. "Denn die Strafe kriegten die braven Rückkehrer. Man wusste nie, ob die Band überhaupt je wieder würde fahren dürfen."Ungünstig für die Familie war es auch, wenn einfach einer wechselte, wie Reznicek, der 1985 von Silly abgeworben wurde. Darüber hat das halbe Land diskutiert, das gehörte sich nicht. Die Band-Kultur war eine andere als heute, jeder entschied über alles mit. Reznicek galt zudem als besonders verträglich, anders als der streitlustige Exzentriker André Herzberg. Reznicek: "Für den Wechsel musste ich mich überall rechtfertigen, bei Radio DT 64 wurde ich öffentlich beschimpft wie nach einem Verrat. Dabei hat mich vor allem der Sound von Silly gereizt, da konnte ich meine Fretless-Gitarre zum Einsatz bringen."Damals ahnte Pankow noch nicht, dass die richtigen Beben erst noch kommen würden. 1990 verließ Herzberg die Band, dann blieb der Erfolg aus, später wurden noch die Stasi-Akten des Gitarristen und des Managers bekannt. Aber das fällt schon in die neue Zeit, als sich die Familienbande längst gelöst hatten, als die Bands auch nicht mehr selbstverständlich von ihren Auftritten leben konnten. So ist heute auch nichts mehr dabei, wenn Reznicek im Juli mit Silly auf der Bühne steht und im August mit Pankow.Er liebt beide Bands, ist ein gefragter Studiomusiker, macht überhaupt so einen Rundum-Sorglos-Eindruck. Wenn es mal schlecht läuft mit den Auftritten, "dann habe ich immer noch meinen Bestseller", sagt Reznicek. Sein Lehrbuch "Rock Bass" erscheint seit 1991 jährlich in mindestens 5000er Auflage, wurde ins Chinesische und Englische übertragen, und um weitere Bücher zum Thema erweitert. Reznicek weiß, wovon er schreibt. Er unterrichtet Bass an der Musikhochschule Dresden. Heute Abend könnten seine Studenten überprüfen, wie ihr Dozent rockt. Bei den Pankow-Auftritten auf dem Schlossplatz vor zwei Jahren raste das Publikum. Es wirkte nicht betagt.------------------------------Pankow-KonzertHeute, Sonnabend, 20 bis 22 Uhr spielt Pankow auf der Freilichtbühne Weißensee mit André Herzberg, Jürgen Ehle, Jäcki Reznicek, Kulle Dziuk und Rainer Kirchmann als Gast. Vorher: Bando (Hardcorepercussion),Karten: 18 Euro + Vorverkaufs- gebühren, Abendkasse: ca. 25 Euro.Pankow: "Nur aus Spaß", Buschfunk.------------------------------Foto : André Herzberg, Frank Hille, Jäcki Reznicek, Jürgen Ehle und Rainer Kirchmann (v. l.) - Pankow 1982