BERLIN, im Mai. Entsetzen, das wäre ein zu schwaches Wort, sagt Graham Berry. "Es ist ein Schock. Eine Katastrophe." Der Anwalt aus Los Angeles gerät ein wenig aus der Fassung, spricht von einem "unglaublichen Coup der Scientologen". Berry, der einige Mandanten in Prozessen gegen die umstrittene Scientology-Organisation vertreten hat, kommt gerade von der Verleihung eines Preises für Sektenkritiker in Leipzig. Die Festrede hielt der bayerische Innenminister Günter Beckstein. Doch Berry ist an diesem Tag nicht zum Feiern zu Mute. Denn kurz zuvor hatte der Multimillionär Robert Minton, der im Jahr 2000 diesen Preis als Erster bekam, die Seiten gewechselt. Minton war der wichtigste Finanzier der Sektenkritiker in den Vereinigten Staaten, er war Gesprächspartner von Politikern und Geheimdiensten. Jetzt liefert er der Sekte, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird, Material gegen seine früheren Gefährten. "Die Folgen seines Treuebruchs sind noch gar nicht absehbar", sagt Graham Berry. Dies ist die Geschichte eines Mannes, der sich zum Kampf aufgemacht hatte. Ein Investmentbanker aus Boston - sein Vermögen beträgt mehr als 50 Millionen Dollar -, der gegen die Sekte antrat. Robert Minton, der heute 55 Jahre alt ist, erfuhr 1995 erstmals von Scientology, als er im Internet surfte. Damals versuchte die Sekte, Kritiker im Web mundtot zu machen, die ihr vorwarfen, ihre Jünger mit Gehirnwäsche zu manipulieren. Minton informierte sich und begann, Scientology-Gegner mit Geld zu unterstützen, nach dem alten amerikanischen Motto: "Wenn du etwas bewegen willst, warte nicht auf den Staat, sondern tu es selbst."Der Kampf gegen den Sekten-Konzern wurde für Minton bald zum Lebensinhalt. Ehemalige Scientologen fanden in ihm einen Beschützer. "Aussteiger werden ruiniert und mit Prozessen überzogen", sagte er. "Mit meinem Geld will ich ihnen helfen, sich zu wehren." Er finanzierte ihre Prozesse und bezahlte einigen ein monatliches Gehalt. Minton habe "wie ein Vater" gehandelt, sagt Graham Berry. "Er war ein treuer Freund." Minton gab 2,5 Millionen Dollar für einen kritischen Film über den 1986 verstorbenen Scientology-Gründer L. Ron Hubbard. Er beteiligte sich an Protesten vor Scientology-Filialen und reiste nach Europa zu Treffen mit Politikern und Sektenkritikern. Als er im vergangenen Jahr in Leipzig die Rede auf den damaligen Preisträger Norbert Blüm hielt, verglich er Scientology mit den Nazis und bezeichnete sie als "neue Form von Totalitarismus, die sich tarnt im Schafspelz von Religion und Psychotherapie". Sich selbst nannte er den "Scientology-Feind Nummer eins". Immer wieder sprach der Banker davon, dass er auf einem "Kreuzzug" sei. In diesen Kreuzzug habe er zehn Millionen Dollar gesteckt, erklärte Minton. Und ein Sprecher der Sekte in Florida sagte: "Niemand hat zuvor eine solche Kampagne gegen uns geführt. Minton wollte Scientology zerstören." Die Chance, der Sekte einen schweren Schlag zuzufügen, bot der Fall Lisa McPherson. Die 36 Jahre alte Scientologin erlitt 1995 in der Scientology-Hochburg Clearwater in Florida einen Unfall und wurde ins Krankenhaus eingeliefert, wo man ein "psychiatrisches Problem" bei ihr diagnostizierte. Da Scientology alles bekämpft, was mit Psychiatrie zu tun hat, brachten Scientologen Lisa in das "Fort Harrison", ein früheres Luxushotel, in dem Sektenkurse abgehalten werden. Siebzehn Tage danach wurde Lisa McPherson wieder in ein Krankenhaus gebracht. Sie starb auf dem Transport. Sie war völlig abgemagert. Die Gerichtsmedizinerin stellte einen "schweren Wasserverlust" fest, widerrief ihre Befunde aber im Strafprozess gegen Scientology. Die Staatsanwaltschaft hatte den Scientologen fahrlässige Tötung vorgeworfen, weil Lisa McPherson nicht qualifiziert medizinisch behandelt worden sei. Das Verfahren wurde eingestellt. Geklärt ist der Fall nicht. Lisa McPherson und ihr Schicksal wurden in Amerika zu einem Symbol für die Bewegung gegen Scientology. Parallel zum Strafprozess verklagte Lisas Familie die Sekte auf Schadenersatz; der Prozess soll im Juli beginnen. "Die Scientologen fürchten das Verfahren", sagt Anwalt Berry. "Wenn sie verlieren, erleiden sie einen enormen Imageschaden und laufen Gefahr, dass ihre Kunden wegbleiben. Es geht also auch um sehr viel Geld."Robert Minton hat die Klage der Familie bis jetzt mit insgesamt zwei Millionen Dollar unterstützt. Zudem gründete er 1999 eine Firma namens Lisa McPherson Trust, deren Ziel es war, Scientology-Opfer zu betreuen und Material über die Sekte zu sammeln. Im Trust versammelte Minton die wichtigsten Scientology-Kritiker der USA. Doch der Lisa McPherson Trust wurde auch zum Wendepunkt für Mintons Kreuzzug. "Er hatte die wahnsinnige Idee, den Trust in Clearwater anzusiedeln, wo fünftausend Scientologen wohnen", sagt Graham Berry. Minton kaufte ein Haus, das zwischen einem Bürogebäude der Sekte und ihrem Geheimdienst "Office of Special Affairs" lag. Eine Provokation. Sofort geriet der Trust in eine Art Belagerungszustand. Berry erinnert sich: "Minton und seine Leute standen immer unter Beobachtung. Videokameras filmten jeden, der das Gebäude betrat oder verließ." Für die acht Mitarbeiter und ihre Besucher wurde das Leben in Clearwater zu einem Spießrutenlauf. Es gab fast täglich Demonstrationen und Gegendemonstrationen, Anzeigen und Gegenanzeigen. "Bei Mintons Geschäftspartnern und Verwandten tauchten Privatdetektive auf, Scientologen verteilten Flugblätter gegen ihn, Details aus seinen Krankenakten wurden im Internet verbreitet", sagt Graham Berry. Außerdem warfen die Scientologen Minton vor, er habe für die Regierung Nigerias im großen Stil Geld gewaschen. Minton wehrte sich dagegen vor Gericht, gewann auch, doch noch sind nicht alle Verfahren in dieser Sache abgeschlossen.Minton ist im persönlichen Umgang nicht unproblematisch. Er sei wie ein kleiner König, sagen Mitarbeiter. Es gefalle ihm, die Fäden zu ziehen. Vertraute haben ihn unbeherrscht erlebt. Und immer wieder kam es zu tätlichen Auseinandersetzungen mit Scientologen. 1999 wurden Minton und Scientology dazu verurteilt, bei Demonstrationen gegenseitig einen Mindestabstand von drei Metern einzuhalten. Auf die Frage, ob er die Gefahr sehe, im Kampf gegen die Sekte unterzugehen, antwortete Minton in einem Interview: "Dieses Risiko gehe ich gern ein, aber ich sehe die Gefahr eigentlich nicht." Er sollte sich täuschen. Die Lage in Clearwater geriet außer Kontrolle, Mitarbeiter hielten den Druck nicht mehr aus. Im November 2001 sah sich Minton gezwungen, den Lisa McPherson Trust zu schließen. "Doch das bedeutet nicht, dass wir aufgeben", sagt er, "ich fühle mich nicht besiegt." Aber es sollte noch ganz anders kommen. Die Schadenersatzklage der McPherson-Familie wurde fünf Jahre lang verschleppt. Scientology verklagte im Gegenzug die Familie und Minton. Ihr Vorwurf: Der Banker, nicht die Familie der Toten, steuere das Verfahren - und das sei illegal. Es ist eine Klage gegen die Klage. In diesem Prozess, den Scientology mit der neuen Klage angestrengt hatte, gab es dann am 9. April dieses Jahres eine dramatische Wendung. An jenem Tag erschien Minton vor Gericht und beschuldigte plötzlich den Anwalt der McPherson-Familie, seinen Weggefährten Kenneth Dandar, dieser habe ihn dazu verleitet, "so schlecht wie möglich" über Scientology zu reden und vor Gericht zu lügen. Minton sagte, er selbst habe gelogen, als er bezeugte, dass er das McPherson-Verfahren nicht steuere. "Mister Dandar ist ein verlogener Dieb", rief Minton und schlug mit der Faust auf den Tisch. "Ich bin jetzt überzeugt, dass er nur wegen des Geldes hier sitzt." Die wichtigste Beraterin Dandars in Scientology-Fragen, die ehemalige Scientologin und Minton-Freundin Stacy Brooks, beschuldigte plötzlich ebenfalls ihre Anwälte der Lüge. Scientology-Kritiker im Gericht konnten nicht glauben, was sie hörten. Einige weinten. Einer sagte: "Bob, du bist ein Scientologe geworden." Selbst der Richter vergewisserte sich, ob er richtig gehört habe. "Was hat sie zu Ihrer Aussage veranlasst, Mister Minton?" fragte er. Minton antwortete: "Ich konnte die Lügen nicht mehr ertragen." Er habe befürchtet, wegen Meineids ins Gefängnis zu müssen. Von einem "Zusammenbruch der Scientology-Opposition" schrieben Zeitungen in den Vereinigten Staaten. Der Prozess läuft weiter. Zurzeit sagen Minton und Brooks im Kreuzverhör aus und wenden sich immer heftiger gegen ehemalige Bundesgenossen. Zeugen sagen, dass Minton im Sektenzentrum "Fort Harrison" ein- und ausgehe. Anwalt Dandar vermutet hinter dem mysteriösen Verhalten Mintons ein typisches Manöver von Scientology, um einen Gegner auszuschalten. "Mintons Aussagen sind absurd", sagt Dandar. "Für mich ist das sehr hart, denn ich habe Bob bewundert." Dandar glaubt, Minton werde von Scientology erpresst, um die Schadenersatzklage im Juli abzuwürgen. "Er hat sechs Lebensjahre und zehn Millionen Dollar für den Kampf gegen Scientology geopfert, und plötzlich wechselt er die Seite? Man muss nur den gesunden Menschenverstand anwenden, um zu begreifen, was hier läuft." Minton und Brooks haben mittlerweile in den Kreuzverhören geheime Treffen mit dem Chef des Scientology-Geheimdienstes und den Sekten-Anwälten eingeräumt. Treffen, die vor dem überraschenden Seitenwechsel stattfanden. Anwalt Dandar wusste seit Ende März von diesen Gesprächen. "Bob sagte, die Scientologen hätten etwas über ihn gefunden, er müsse einen Vergleich schließen", sagt Dandar. Es geht wohl um Steuerschulden. "Ich riet ihm, sich selbst anzuzeigen und die Steuerschulden zu begleichen. Dann hätte er nichts Schlimmes zu befürchten. Aber Bob lehnte ab. Er sagte nicht, warum." In den Vereinigten Staaten, aber auch in Europa befürchten Sektenkritiker jetzt einen gewaltigen Flurschaden. "Minton weiß sehr viel", sagt Graham Berry. Er kennt Strategien, Strukturen und private Details der Kritikerszene, der Geheimdienste und Politiker, die sich gegen die Sekte engagieren. Die Ironie der Geschichte will es, dass Minton vieles begonnen hat, das jetzt Früchte trägt. Vor zwei Wochen schloss Scientology in San Francisco den bisher höchsten Vergleich mit einem ehemaligen Mitglied ab. Die Sekte zahlte Lawrence Wollersheim nach 22 Prozessjahren 8,7 Millionen Dollar Schadenersatz für "geistige Schädigungen" durch ihr Kursprogramm. Minton hatte Wollersheim mit einer halben Million Dollar unterstützt. Es ist der bisher größte Erfolg, den sein Geld gegen Scientology bewirkte. "Mir tut es Leid, dass Bob Minton in sein Unglück läuft", sagt Graham Berry. "Wir haben einen Freund verloren.""Mir tut es Leid, dass Bob in sein Unglück läuft. Wir haben einen Freund verloren. " Graham Berry, Anwalt.Foto: ACTION PRESS Er nannte sich "Scientology-Feind Nummer eins" und sprach immer wieder davon, dass er auf einem "Kreuzzug" sei - der Amerikaner Robert Minton.