Abgepfiffen war, ein deutsches Team zum dritten Mal Fußball-Europameister, doch einer wollte sich mit dem 2:1 und der plötzlichen Einstellung aller gymnastischen Übungen in London Wembley nicht zufriedengeben. Im Ausgehanzug setzte Berti Vogts zum 50-Meter-Sprint an, um in der schwarzrotgold beflaggten Fankurve endlich einmal die Rolle genießen zu können, für die er seit sechs Jahren den Lohn erhält: als Vorturner der Nation.Vogts baute sich auf vor seiner Stammkundschaft, die ihn mit "Berti, Berti"-Rufen herbeizitiert hatte, ging tief in die Hocke, streckte den drahtigen Körper und warf die Arme in die Höhe. Tausende machten mit, soweit der Nebenmann im Gedränge Spielraum ließ. Dreimal wiederholte Vogts die kleine Übung. Vergessen war im Überschwang jener Satz, den der Bundestrainer in England Tag für Tag hinausposaunt hatte: "Die Mannschaft ist der Star." Der wahre Held Ein Irrtum, der in der Nacht von Wembley aufgelöst wurde. Vogts ist der wahre Held dieses Ensembles. Schon allein deshalb, weil es kaum ein anderer ertragen hätte, sich einer Nation aus Millionen von Stammtisch-Trainern so lange als Prügelknabe anzudienen.Als Vogts nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1990 in Italien das Amt von Franz Beckenbauer übernommen hatte, schien seine Startposition so eindeutig wie aussichtslos zu sein: Wurde unter der Regie von Beckenbauer verloren, war immer und allein die Mannschaft schuld; verlor die deutsche Elf unter Vogts, lag es ausschließlich an Regiefehlern des Bundestrainers.Nicht nur die sich einflußreich wähnende "Bild"-Zeitung wollte genug gesehen haben, als die DFB-Auswahl vor zwei Jahren bei der WM in den USA im Viertelfinale an den Außenseitern aus Bulgarien scheiterte. Auf einer kompletten Seite veröffentlichte das Massenblatt dreist ein fiktives Kündigungsschreiben mit der Aufforderung zur Annahme: "Berti, hier unterschreiben!" Am Montag gratulierte der Sportchef des Blattes im Kommentar persönlich: "Seit gestern darf sich Berti Vogts als großer Trainer fühlen."In diesem Wechselbad der Stimmungslagen hielt der Bundestrainer durch. Vogts formte eine Erfolgsgemeinschaft für die englische Herausforderung, keine Elf, an die sich Generationen schwärmerisch erinnern werden. Wen wunderts, wo doch "Matthias Sammer, mein Hirn auf dem Platz" (Vogts) aus der Defensive heraus denken und lenken mußte. Andreas Möller und Thomas Häßler, die Kräfte fürs Kreative, nahmen den Taktstock während des Turniers nicht auf. Schönen Fußball hatte Vogts versprochen, am Ende aber brachen sich die Urtugenden wie Konditons- und Nervenkraft Bahn. Das Schnörklellose blieb die Basis des Erfolges. Der Opfergang Als sich Vogts in Wembley dreimal vor seinem Publikum verneigte, wollte er dies "als Dank für die Ermunterung" verstanden wissen, "die viele Fans mir in der schweren Zeit nach der WM gegeben haben."Plötzlich liegt er voll im Trend. Das "Fritz-System" (The Sun), die Taktik, mit der die Vogts-Elf triumphierte, ist hitverdächtig. Das Modell ist einfach zu verstehen, aber nicht so leicht umzusetzen: Matthias Sammer, der Libero, genießt seine Freiheiten, die Verteidiger (Babbel, Helmer, Eilts) widmen sich dem, der ihnen am nächsten kommt. Ähnlich sind die Deutschen schon in ihren glanzvollen Siebzigern aufgetreten; Beckenbauer folgte seinen Eingebungen, Vogts und Schwarzenbeck den Gegenspielern. Damals hat sich Berti Vogts den Rufnamen "der Terrier" ergrätscht.Dieser dient heute noch als Synonym dafür, daß die deutschen Balltreter von einem beaufsichtigt werden, der sich alles hart erkämpfen mußte. Als Zwölfjähriger verlor Vogts die Mutter, ein Jahr darauf starb der Vater. Ein Pfarrer las am Grab die Messe und gab dem jungen Berti das Folgende mit auf den Weg: Wäre das Kind nicht immer so frech gewesen, die Eltern könnten vielleicht noch leben. Berti Vogts nennt das Wort des Gottesmannes heute "eine menschliche Schwäche".Womöglich hat auch dieses frühkindliche Trauma etwas damit zu tun, daß sich Vogts trotz aller Nackenschläge immer wieder aufrappeln und behaupten konnte. Als Profi in der legendären Fohlen-Elf von Borussia Mönchengladbach, später als Bundestrainer in der Rundumkritik der bundesdeutschen Medien. Wobei er seine Aufgabe lange als Opfergang begriff (einer muß dem Franz ja folgen). Nie wollte er akzeptieren, daß auf einen, der den Kopf aus dem Fenster reckt, auch Gewitter niedergehen können. Ein Lernender Daß Vogts nicht zum Mann des Volkes wurde, lag weniger daran, daß er anfangs die nach Titeln lechzenden Germanen nicht zufriedenstellen konnte: Auch seinem Vorgänger Beckenbauer gelang erst im dritten Anlauf (WM 1990) der Sprung über diese hohe Hürde. Vielmehr wurde bei Vogts spürbar, daß da ein Lernender ins höchste Kickeramt befördert worden war. Einer, der sich nie als Boß im Bundesligastreß bewährt hatte und der sich plötzlich einer blöden Situation gegenübersah: Ein Trainer muß nicht nur trainieren, er soll auch davon erzählen.Vogts aber umgab kein rhetorischer Schutzmantel, er konnte ein schlechtes Spiel nicht schönreden wie manch anderer seiner Zunft. Der Bundestrainer, privat durchaus mit rheinischem Witz ausgestattet, verkrampfte, sobald er auf seinem Podium vor den Medien saß. Das Fettnäpfchen war oft sein Stammplatz, hockte er drin, rutschte eine verunsicherte Mannschaft wie 1992 bei der Europameisterschaft in Schweden mit hinein. In Kanzlertreue Vogts und seine Elf wurden als Spiegelbild der Kohlschen Republik verstanden - endlose Querpaßstafetten, die Politik des Aussitzens mit anderen Mitteln. In Kanzlertreue läßt sich der Bundesbert auch heute von keinem übertrumpfen, schließlich sei es Helmut Kohl persönlich gewesen, der ihn 1994 in mehreren Telefonaten zum Durchhalten animierte. Der entscheidende Tip zur Imagekorrektur soll jedoch von Ehefrau Monika gekommen sein: "Berti", habe sie gesagt, "laß das Oberlehrerhafte sein!"Also hat er weniger doziert, statt dessen mehr fintiert. Wobei der Stil, in dem die Ausmusterung des Rekordnationalspielers Lothar Matthäus erfolgte, noch die schwächste Antwort auf eine Personalfrage war. Weitere gravierende Konflikte wurden beim EM-Turnier vermieden, indem die Mannschaft unter Aufsicht des Trios Sammer/Helmer/Klinsmann ihre eigene Hackordnung entwerfen durfte. Vogts zog sich in die Ecke des stillen Arbeiters und Zeremonienmeisters zurück.So trat der 49jährige am Sonntag abend in London vor seinen kritischen Anhang und nahm mit dreimaligem Diener sein Plebiszit ("Berti, Berti") entgegen. Die meisten jedoch, die da in Wembley mit Vogts die "La-ola-Welle" übten, hatten vor kurzem noch lauthals und unnachgiebig seine Ablösung verlangt. Und wenige Minuten vor Bundestrainers Turnübung verfluchten sie ihn wie Millionen vor den Fernsehschirmen, weil Vogts beim 0:1-Rückstand seine bis dahin auffälligste Offensivkraft, Mehmet Scholl, vom Feld befahl.Wenig später aber durften sie eine taktische Vision bejubeln: der für Scholl eingewechselte Oliver Bierhoff hatte Ausgleich und Siegtreffer erzielt. Der Beste raus, und dennoch triumphiert - einen derartigen Geniestreich hätten sie früher nur einem zugetraut, Franz Beckenbauer.In Wembley fand der Kaiser einen Thronfolger. Bis zur nächsten Niederlage, und vielleicht sogar weit darüber hinaus. +++