Jakarta - „So richtig stinkt es nur, wenn tote Tiere vorbeischwimmen“, sagt die alte Dame. Sie steht am Ufer eines Kanals, der quer durch Jakarta fließt, aber mehr eine schwimmende Müllkippe ist. Weil sie Journalisten genauso wenig über den Weg traut wie Politikern, behält sie ihren Namen für sich.

Sie könnte sich bei der Stadt beschweren, über den Müll, den Gestank. Aber wie alle hier wohnt sie in der „Höhle“. Und wer dort wohnt, der wohnt illegal. Der Eingang liegt nur wenige Schritte entfernt. Die „Höhle“, so nennen die Menschen hier ihre Behausung, ist ein dunkler Tunnel zwischen zwei Häusern. Links und rechts gehen Räume ab. In fast jedem sieht man: Fernseher, Wassertank, Ventilator, Matratze. Es ist eng. Holzleitern führen in Räume in der zweiten Etage. Hinter einer Reihe von Türen verbergen sich Toiletten. Immerhin.

In Lärm und Gestank

Ein Ausgang führt direkt auf ein Gleisbett. Alle fünf Minuten donnert hier ein Zug vorbei, so nah, dass die Wände der Zimmer vibrieren. Schwer zu sagen, was schlimmer ist: der Gestank des Kanals oder der Lärm.

Illegal zu wohnen, heiße aber nicht, dass man keine Miete bezahlt, sagt Parlin. 300 000 Rupien pro Monat kosten die Räume hier. Gut 18 Euro. Parlin ist Führer bei Jakarta Hidden Tours. Ohne ihn hätte man die „Höhle“ gar nicht gefunden. Jakarta Hidden Tours, also „versteckte Touren“, zeigt Touristen die wenig appetitliche Seite der indonesischen Hauptstadt, die Welt jenseits der neuen Einkaufszentren und Hochhäuser. Mit den Einnahmen finanzieren die Aktivisten Bildungsprojekte und medizinische Versorgung in den Slums. Heute hat Parlin ein deutsches und ein australischen Pärchen im Schlepptau. Und zwei deutsche Journalisten.

Es geht weiter zum ehemaligen Fischmarkt am Sunda Kelapa, Jakartas ältestem Hafen. Die Stände hier verkaufen Haushaltswaren und Souvenirs. Ein Mann fädelt Snack-Tüten auf eine Leine. Daneben liegen Eier in einem Korb. In einem Verschlag sitzt ein junger Mann und repariert Tablets und Smartphones.

„Das sind meistens chinesische Modelle“, sagt Ronny Poluan, der unterdessen zur Gruppe gestoßen ist. Poluan ist Filmemacher und der Gründer von Jakarta Hidden Tours. „Die Handys werden repariert und dann sehr günstig wieder verkauft.“ So sind Smartphones auch in den Slums allgegenwärtig.

Berlin ist Partnerstadt von Jakarta

Fast jeder Bürger der Social-Media-Supermacht Indonesien hat ein Smartphone. Und weil man das auch im Stadtrat von Jakarta verstanden hat, können sich die Bewohner der Stadt jetzt auch über verschiedene Dienste wie Facebook oder Twitter und über Apps an die Stadtverwaltung wenden. Auf insgesamt zehn verschiedenen Kanälen könne man seinen Frust loswerden, verkünden die Beamten stolz. Müll oder falsch parkende Autos in der Nachbarschaft? Eine SMS genügt. Oft.

Sowohl Amsterdam als auch Berlin sind Partnerstädte von Jakarta. Mit den Holländern arbeitet man im Bereich Flutschutz zusammen, mit den Deutschen im Bereich Technologie und Open Data. Man will gläserner werden für die Bürger.

Dazu hat man, auch hier ganz dem Zeitgeist entsprechend, begonnen, Hackathons zu veranstalten. Das sind Veranstaltungen, bei denen Ideen möglichst schnell zu Hard- oder Software werden sollen. Beim ersten Hackathon stellte die Regierung Datensätze zur Verfügung, darunter Zahlen aus dem Haushalt der Stadt und dem öffentlichen Nahverkehr und lud Start-ups, NGOs und Forscher ein, die Daten auszuwerten. Mittlerweile sind verschiedene „Smart City Apps“ in Planung, die, auf das Smartphone geladen, das Leben in und die Organisation der Stadt überschaubarer und transparenter machen sollen.

Wird all das auch in den Slums genutzt? Ronny Poluan schüttelt den Kopf. „Nein, die Mitsprache hört mit der Mittelschicht auf. Hier in den Slums nutzen sie die Telefone, um zu kommunizieren und zu spielen.“ Laut offiziellen Statistiken gelten über 400 000 Bewohner von Jakarta als arm. Aber selbst der Gouverneur der Stadt hält die Zahl für zu niedrig. Er spricht von nahezu vier Millionen Armen, bei knapp zehn Millionen Einwohnern.

Hinter den Ständen am alten Hafen liegt ein Labyrinth aus Holzbauten und Planken. Fischgestank weht in Wolken vorbei. Schaut man übers Wasser, wachsen links Hochhäuser aus dem Boden, rechts liegen die legendären Pinisi, hölzerne Segelboote, die zwischen den indonesischen Inseln unterwegs sind und von Händlern und Fischern benutzt werden. Das Wasser ist grau-schwarz, man möchte nicht reinfallen. „Das Wasser ist hier so giftig, dass die Fischer heute sehr weit rausfahren müssen, bis sie essbare Fische fangen können“, sagt Tour-Guide Parlin.

In einer der Holzbauten wohnt Siti Sugiarti, gemeinsam mit ihrer Mutter und einem Großteil der Familie: Geschwister, Kinder, Enkel. Seit drei Generationen wohnen die Sugiartis hier. „Wir mögen es hier in Jakarta. Das hier ist unser Kampung, unser Dorf“, sagt die 33-Jährige. Über die Haustür läuft ein Stromzähler. Denn illegal wohnen heißt nicht, dass man für Elektrizität nicht bezahlen muss. Aber braucht man für die Abrechnung nicht eine Adresse? „Natürlich“, sagt Ronny Poluan. Aber dafür sorge die Regierung. Mindestens alle fünf Jahre werde sichergestellt, dass es auch in den Slums Adressen gibt. Dann, wenn Wahlen anstehen. Bürger mit Adresse sind Wähler.

Dennoch will die Stadt die illegale Siedlung bald dem Erdboden gleichmachen. Selbstverständlich nicht, ohne alternative Unterkünfte anzubieten, heißt es aus dem Stadtrat. Würde sie umziehen? Siti Sugiarti winkt ab. Solche Wohnungen seien oft zu weit weg vom ursprünglichen Wohnort. Schon fünf Kilometer seien zu viel. Das wäre ein komplett neues Umfeld. „Wir würden Freunde und Bekannte verlieren.“

In Berlin wären fünf Kilometer zehn Fahrradminuten mehr. In Jakarta aber gibt es kaum Fahrräder, dafür sind vier bis fünf Autos pro Familie in der Mittelschicht keine Seltenheit. Das Ergebnis: Stau. Neben Überflutungen das andere große Problem der Metropole. „Die Staus machen einen verrückt“, sagt Siti Sugiarti. Wie verrückt, weiß jeder, der einmal in Jakartas Blechlawinen festsaß. Zwei Stunden für zehn Kilometer? Keine Seltenheit. Spontan jemanden besuchen? Unmöglich. Der öffentliche Nahverkehr? Veraltete, unsichere Busse. Was in London das Wetter, ist in Jakarta der Stau: das perfekte Small-Talk-Thema. Unter ihm leidet jeder.

Die öffentliche Sprechstunde

Die Mittel- und Oberschicht leistet sich Fahrer, liest während der Fahrt, arbeitet weiter, hört Musik. Alle anderen kaufen sich Mofas und Motorräder und versuchen so, schneller zum Ziel zu kommen. Acht Millionen motorisierte Zweiräder werden in Indonesien jährlich verkauft, davon 30 Prozent in Jakarta, sagt Basuki Tjahaja Purnama. Er ist der Gouverneur von Jakarta, regiert die Stadt und die gleichnamige Provinz. Bei vielen Menschen ist er nur unter seinem Spitznamen Ahok bekannt – er will nahbar sein, dieser Regierungschef, der seit November vergangenen Jahres im Amt ist und einiges anders machen möchte als seine Vorgänger.

Den Gouverneur zu treffen, ist nicht schwer. Man muss sich einfach nur morgens 8 Uhr vor seinen Amtssitz in Jakarta stellen und warten, bis er in einem schwarzen Jeep heranrollt. Als es soweit ist, fragt man sich unwillkürlich, ob auch er gerade im Stau stand oder sich das Automeer der Hauptstadt vor dem Regierungs-Jeep teilt.

Es stehen viele Menschen auf der weißen Veranda vor dem Amtssitz, sie alle sind zur öffentlichen Sprechstunde des Gouverneurs gekommen. Jeder kann hier auf Basuki Tjahaja Purnama warten und Beschwerden loswerden. Ein älterer Mann legt dem Regierungschef vertrauensvoll die Hand auf die Schulter und flüstert ihm etwas ins Ohr. Vertreter des Ärztebunds sind gekommen, um neue Regulierungen zu diskutieren. Eine Gruppe Journalisten umringt den Mann mit dem weißen Hemd und dem bunten Schal und ruft ihm Fragen zu.

Fast zehn Millionen Menschen, im Großraum Jakarta sogar 30 Millionen Menschen – was kann eine tägliche öffentliche Sprechstunde da schon ändern? Sie kann auf jeden Fall eine Haltung vermitteln, den Hauptstadt-Bewohnern das Gefühl geben, dass ihre Probleme Gehör finden.

Fragt man Basuki Tjahaja Purnama, was in Jakarta falsch gelaufen ist in den vergangenen Jahren, lacht er. „Jahren? Jahrzehnten!“ Er erzählt dann Geschichten von stadtplanerischer Willkür, Korruption und Bürokratie, die die Stadt an den Rand eines Verkehrsinfarkts gebracht hätten. „Wenn wir jetzt nichts tun, stehen die Leute bald direkt vor ihrer Haustür im Stau.“

Neue Busse, neue Bahnen

Seit 28 Jahren gebe es Pläne für eine Stadtbahn. Erst jetzt habe man mit dem Bau begonnen, teils unterirdisch, teil oberirdisch auf Stelzen. Für ein neues Schnellbus-System sollen ebenso angehobene Spuren entstehen wie für neue mautpflichtige Schnellstraßen. Jüngst haben die Bauarbeiten für ein Bahnsystem begonnen, das Jakarta mit dem Umland verbinden soll. Die Dinge bewegen sich also. Geht alles nach Plan, sprießen bald Transportsysteme wie Pilze aus dem Boden. Das Problem: „Durch die Bauarbeiten wird es natürlich noch mehr Stau geben.“ Das Ganze gleicht einer Operation am offenen Herzen.

Seine Mitarbeiter haben ihm deswegen schon geraten, erst nach der nächsten Wahl mit den größten Bauprojekten zu beginnen. Sie haben Angst, dass er 2017 nicht wiedergewählt wird, weil die Leute sich über das zusätzliche Chaos ärgern. Die meisten früheren Gouverneure haben auf ihre Berater gehört.

Basuki Tjahaja Purnama tut das nicht. „Wenn ich die Projekte verschiebe, werde ich vielleicht wiedergewählt, ruiniere langfristig aber meinen Ruf.“ Lieber setze er die Projekte durch und seinen Posten aufs Spiel, sagt der parteilose 49-Jährige. „Es ist mir lieber, die Leute denken jetzt, ich wäre blöd, merken aber in ein paar Jahren, dass ich das Problem angegangen bin und sind mir dankbar.“ Außerdem drängt die Zeit. 2018 kommt die sportliche Großveranstaltung Asian Games nach Jakarta. Bis dahin muss der öffentliche Nahverkehr besser funktionieren.

Die Weltbank sagt, Jakarta wird untergehen. Und zwar am 6. Dezember 2025. Weil die Meeresspiegel steigen. Und weil die Stadt auf Sand gebaut ist. Jedes Jahr sinkt sie, auch unter dem Gewicht von immer mehr Hochhäusern, um bis zu sechs Zentimeter. An jenem 6. Dezember 2025 wird der Mond für einen besonders hohen Wasserstand sorgen. Es ist das Jahr, in dem der Nahverkehr endlich reibungslos funktionieren soll. So jedenfalls der Plan.