Seit die Griechen im frühen 6. Jahrhundert vor Christus systematisch zu beobachten und zu denken anfingen, interessierten sie sich für Ägypten. Mitte des 5. Jahrhunderts behandelte Herodot im zweiten Buch seiner Historien Ägypten erstmals umfassend. Er beschrieb die jährliche Nilüberschwemmung, die dem Land seine wunderbare Fruchtbarkeit bescherte, und forschte nach ihrer Ursache. Doch Ägyptens Priesterschaft, Hort der Weisheit, konnte ihm nicht helfen; ihre Theorie kam ihm fabelhaft vor, rechnete sie doch mit zwei Strömungsrichtungen des Nils. Die Erklärungen griechischen Ursprungs, die er in seinem Werk diskutiert, treffen zwar auch nicht zu. Doch beruhen sie bereits alle auf Naturbeobachtung und bemühen sich um wissenschaftliche Begründung. Herodots Gastgeber hingegen waren zu seinem Entsetzen an dieser Art Wissen gar nicht interessiert. Eine umgekehrte Geschichte lässt sich aus dem 6. Jahrhundert, aus der Zeit vor Herodot, erzählen: Auf seiner Ägyptenreise kam der griechische Aristokrat Hekataios von Milet auch nach Theben. Dort rechnete er den Priestern seinen Stammbaum bis zum sechzehnten Ahn, einem Gott, vor; nur so, durch mündlich überlieferte Abstammungskunde, konnten die Griechen dieser Zeit ihre Vergangenheit ausloten, und nach wenigen hundert Jahren stießen sie an die Grenzen des Mythos. Da zeigten die Priester dem Hekataios im Tempel 341 Statuen, die Reihe der Oberpriester, die immer einer dem anderen nachgefolgt waren, und führten mit diesen steinernen Zeugnissen ihrem ausländischen Gast die Lächerlichkeit seiner eigenen Berechnungen vor Augen. Die ägyptischen Königslisten reichten zweieinhalb- bis dreitausend Jahre zurück. Im Angesicht dieses schriftgestützten Gedächtnisses waren die Griechen Kinder, die sich ihrer Vergangenheit nur im Märchen vergewissern konnten. Dies sind nur zwei Episoden aus der Begegnung Griechenlands mit Ägypten, die Jan Assmann in seiner gedrängten und umfassenden, gelehrten und hochspannenden Studie "Weisheit und Mysterium. Das Bild der Griechen von Ägypten" erzählt. An den Beispielen erkennt man schon, dass unterschiedlicher zwei benachbarte Kulturen kaum sein können. Doch zogen sie einander an. Ob es um Theologie und Priestertum ging, um die Verfasstheit von Staat und Gesellschaft, um den Umgang mit Vergangenheit und Geschichte, um das Medium der Schrift oder um das Verhältnis zu Tod und Ewigkeit: Assmann zeigt, dass Griechen und Ägypter sich austauschten, einander umwarben, missverstanden, sich voneinander abgrenzten. Immer war der Ort der Begegnung Ägypten, das seit Alexander dem Großen auch griechisch beherrscht war; die Griechen reisten, die Ägypter nicht. Die Dialogsprache war Griechisch. Die Neugier auf das Andersartige lag vor allem bei den Griechen; nicht zuletzt deshalb blieben sie den Ägyptern am Ende suspekt. Zur indiskreten Wissbegier der Griechen kam ihre Neigung hinzu, sich vieles Ägyptische mehr oder weniger vorlagengetreu anzuverwandeln. Die in der Nachfolge Alexanders des Großen über das Land herrschenden Ptolemäer boten "das kontinuierliche Schauspiel eines von griechischen Akteuren in ägyptischen Kostümen gespielten Ägyptendramas". Sie erkannten etwa die staatstragende Funktion der Religion in Ägypten und schufen darum mit Serapis eine neue Gottheit, Symbol der Reichseinheit und Verkörperung aller Regionalgötter. Aber in keine ägyptische Inschrift hat Serapis den Weg gefunden - ebenso wie die sich über die ganze griechische Welt verbreitenden Isis-Mysterien streng vom ägyptischen Isis-Kult unterschieden blieben. Ägyptisch war an Serapis, neben der Idee einer Reichsgottheit, auch das Prinzip, immer die eigene uralte Kultur für die andere Seite zu adaptieren, selbst jedoch nichts Fremdes zu übernehmen - außer der vermittelnden Sprache. Bewahrung und Kontinuität zeichnen die ägyptische Kultur aus, das ist das Bild, das sie von sich weitergeben wollte, über all ihre großen historischen Krisen hinweg. Griechenland dagegen besann sich in Krisen neu. Auch dafür taugte die Beschäftigung mit Ägypten. In der politischen Verunsicherung nach dem Peloponnesischen Krieg ließen sich der Philosoph Platon und der Redner Isokrates in Athen, das die Demokratie erfunden hatte, ausgerechnet von der religiös fundierten Pharaonenherrschaft und dem immobilen Ständesystem Ägyptens zu ihren Entwürfen eines zukunftsfähigen Gemeinwesens inspirieren. Jan Assmann:Weisheit und Mysterium. Das Bild der Griechen von Ägypten. C.H. Beck Verlag, München 2000. 92 S., 24 Mark.