Das Abendjournal des ORB-Fernsehens bietet ein Allerlei aus den brandenburgischen Landen, stellt Leute mit ulkigen Hobbys vor und gibt Ausflugstipps. Mitunter stößt der Zuschauer hier auf einen bekannten Autoren: Jan Carpentier. Etwa d e r Jan Carpentier? Jener Reporter, der sich im Herbst 1989 als erster zur Politbüro-Siedlung nach Wandlitz wagte, dessen Beiträge für das Jugendmagazin Elf99 damals Tagesgespräch in der DDR waren und der zur historischen Figur wurde? Im ZDF-Dokudrama "Deutschlandspiel" schlüpfte sogar ein Schauspieler in die Rolle des Jan Carpentier. Es ist tatsächlich der "Held von Wandlitz", der heute im ORB von Kahnpartien aus dem Spreewald berichtet. Was hat den populären Reporter in die zweite Reihe verschlagen? Eine aktuelle Publikation, das Buch "Umbruch im Fernsehen, Fernsehen im Umbruch" von Thomas Schuhbauer, beweist noch einmal, welch herausragende Rolle Jan Carpentier im historischen Herbst gespielt hatte. Der Autor zählt ihn zur "Avantgarde der DDR-Fernsehrevolution", wertet seinen ersten Ausflug an die Tore von Wandlitz als "Meilenstein in der Geschichte des DDR-Fernsehens". Zeit der DenunziantenJan Carpentier will heute eigentlich nicht mehr über Wandlitz reden, doch es lässt sich einfach nicht umgehen: "Ich hätte nie geglaubt, dass die Berichte solch eine Wirkung auslösen würden." Er wollte über die Siedlung auf leichte Weise berichten, gab sich nicht empört ob der biederen Villen der Politbürokraten, sondern erklärte, als er mit dem Pulk Journalisten durch ein leer stehendes Haus geführt wurde, er fühle sich wie ein "Voyeur" und "Spanner". Doch er war machtlos gegen die Bilder: Die Kamera zeigte westliche Küchengeräte und Badarmaturen, und die Republik empörte sich. Den Volkszorn zur Wallung brachte das Politbüro-Mitglied Kurt Hager, der Carpentier erklärte, er habe hier in einem "Getto" gelebt. Schließlich wollte die Chefin der Verkaufsstelle in Wandlitz dem Elf99-Mann weismachen, das Angebot gleiche den Läden in der übrigen DDR, worauf der Reporter lakonisch konterte: "Mit Bananen und Ananas sieht es gerade ein bisschen schlecht aus in der Republik."Der Ruf Jan Carpentiers war Ende 1989 legendär. Er bekam Tausende Briefe mit der Bitte, mit der Kamera vorbeizukommen und Missstände publik zu machen. Ihm war diese Rolle unheimlich: "Ich habe später die Kisten mit den Briefen gar nicht mehr aufgemacht. Die Leute dachten wohl, ich sei Gott. Außerdem waren viele billige Denunziationen darunter." Carpentiers Vorreiter-Rolle im DDR-Journalismus beschränkte sich nicht auf seine Wandlitz-Reportagen. Er gehörte zu den ersten Fernseh-Journalisten, die den Konflikt mit der Leitung probten, eigenmächtig Kommentare veränderten. Mancher wunderte sich damals über diesen Mann, schließlich galt er als besonders linientreu, war sogar im Gespräch als Nachfolger des Chefkommentators Karl-Eduard von Schnitzler. Doch Michael Albrecht, der als letzter Intendant des DFF und Fernsehdirektor des ORB die Entwicklung Carpentiers verfolgt hat, sieht keinen Bruch: "Jan Carpentier war immer ein besonders engagierter Journalist - auch vor der Wende. Er versuchte, als Korrespondent der Aktuellen Kamera die steife Routine aufzubrechen, andere Akzente zu setzen. In der Wende hat er einfach die Freiräume konsequent genutzt." Dass Carpentier alles andere als ein "Wendehals" war, bewies er schon Ende 1989. Da bekam das Jugendmagazin Elf99 einen "Bambi", vor allem wegen der Reportagen von Jan Carpentier. Doch der wehrte sich gegen die schnelle bundesdeutsche Umarmung und weigerte sich, zur Preisverleihung zu fahren. In der Fernsehzeitung "FF Dabei" verwies er fast trotzig auf seine SED-Vergangenheit: "Das, was ich bin, kann ich nicht geworden sein im Zuge welcher Wende auch immer. Ich komme aus dem Gestern und schleppe es mit mir ins Heute." Carpentier verabschiedete sich schnell vom Jugendmagazin, das seiner Meinung nach auf "Glamour und Klamauk" setzte und ging als Korrespondent des Deutschen Fernsehfunks nach Bonn. Waigels WutanfallAuch hier versuchte er, die Grenzen auszuloten - und lief gegen Mauern, die härter waren als das Tor von Wandlitz. In einem Interview erinnerte er Finanzminister Theo Waigel an die ursprüngliche Zusage der Bundesregierung, die DDR-Mark im Verhältnis 1:1 in D-Mark zu tauschen. Waigel bekam einen Wutausbruch, beschimpfte ihn als "Agitator" und brach das Interview ab. Als Carpentier seinen Beitrag im WDR-Studio schnitt, wunderte er sich über die Reaktion der Kollegen: "Ich habe noch nie so viele versteinerte Mienen gesehen." Dass seine Verdienste aus dem Herbst 89 kein Bonus, sondern eher eine Hypothek waren, zeigte seine Arbeit beim ORB. Der neu gegründete Sender hatte zunächst viele Kollegen aus Adlershof übernommen, um überhaupt senden zu können. Doch Jan Carpentier fühlte sich in die "linke Ecke" gedrängt, durfte zwar für die Frühausgabe der "Tagesschau" berichten, nicht aber für die Hauptausgabe um 20 Uhr. Er kündigte und ging als Bonn-Korrespondent zum Sender Vox, der damals noch Ambitionen hatte und ein "Ereigniskanal" sein wollte. Seit Vox sein Profil radikal änderte und nur noch Abspielstation ist, arbeitet Jan Carpentier als freier Journalist für mehrere ARD-Sender, vor allem für den ORB. Er sagt, es tue ihm wohl, dass er in seinen Porträts keine Leute verreißen muss: "Ich warte auch nicht mehr stundenlang auf Politiker, die von meinen Steuern bezahlt werden und mir doch keine Antwort geben." Doch wenn er gefragt wird, ob er sich abgefunden mit seiner Arbeit in der zweiten Reihe, spürt man schnell, dass der Mann eigentlich mehr will. Ich kann mich eben nicht verkaufen", meint er und wird sarkastisch. "Vielleicht hätte ich Bambi doch einsacken und bei jedem Bewerbungsgespräch auf den Tisch knallen sollen." Seine Beiträge stechen immer noch heraus aus dem bunten Allerlei. So porträtiert er ein Brandenburger Pärchen, dass als Duo "Anton und Antonia" durch die Bierzelte tingelt. Er macht sich nicht über sie lustig, sondern skizziert ihre soziale Lage, zeigt die beiden Arbeitslosen bei Umschulungsmaßnahmen, die keinen neuen Job versprechen, und sagt: "Zu viele junge Brandenburger haben schon ihre Koffer gepackt. Vielleicht hält die beiden ihr kleiner Traum in der Heimat." Und auch Jan Carpentier hat einen Traum: "Einmal wie Gerd Ruge unterwegs sein, wochenlang im kleinen Team in einem andern Land." Carpentier weiß, dass er das könnte.Fernsehen im Umbruch // Jan Carpentier, Jahrgang 1955, studierte Journalistik in Leipzig. Zunächst war er Korrespondent der "Aktuellen Kamera" in Halle, ab Sommer 1989 Reporter und Moderator des neuen Jugendmagazins Elf99. 1990/91 ging er als Korrespondent des DFF nach Bonn, 1992 war er Reporter für den ORB, danach für Vox. Seit 1997 ist er freier Fernsehjournalist.Literatur: Mit der Rolle des Jugendmagazins Elf99 im Wendeherbst 1989 beschäftigt sich auch ein Buch von Thomas Schuhbauer. Der Titel: "Umbruch im Fernsehen, Fernsehen im Umbruch. Die Rolle des DDR-Fernsehens in der Revolution und im Prozess der deutschen Vereinigung am Beispiel des Jugendmagazins Elf99". Das Buch erscheint im Logos Verlag Berlin.BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER Jan Carpentier kann gute Filme machen. Sich verkaufen kann er nicht.