Als im Frühjahr bekannt wurde, dass Polen im Irak eine eigene Besatzungszone erhält, staunte die deutsche Öffentlichkeit. Polen als selbstbewusstes Mitglied einer siegreichen Koalition - das widerspricht der Vorstellung von der polnischen Geschichte als einer Kette tragischer Niederlagen. Dass Polen schon 1945 in Westdeutschland eine eigene Besatzungszone verwaltete, ist dagegen weitgehend vergessen. An dies unbekannte Kapitel der deutsch-polnischen Beziehungen erinnert der Krakauer Historiker Jan Rydel. Zu den Armeen, die im Frühjahr 1945 Deutschland eroberten, gehörten auch polnische Verbände, die der Exilregierung in London unterstanden. Mit den alliierten Truppen rückten etwa 19000 polnische Soldaten nach Nordwestdeutschland vor. Im Emsland, der ländlich-katholischen Region an der holländischen Grenze, wiesen die Briten ihnen eine eigene Besatzungszone zu, die rasch ein Magnet für die befreiten polnischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter wurde. Die Hoffnung auf eine autonome Enklave im Gebiet zwischen Bentheim und Cloppenburg erwies sich als Illusion. Die polnische Exilregierung war ein unbequemer Verbündeter geworden, nachdem die Westalliierten in Jalta Stalins Hegemonialansprüche in Mittel- und Osteuropa sanktioniert hatten. Neben dem diplomatischen Druck der Sowjetunion und ihres volkspolnischen Vasallen sahen sich die Briten mit Protesten der deutschen Bevölkerung konfrontiert. Von der "Rache der Opfer" (Hirsch) blieben die Emsländer verschont, doch allein die Aussiedlung einzelner Ortschaften - wie Haren, das zu Ehren des Generals Stanislaw Maczek in Maczków umbenannt wurde -, die Einrichtung polnischer Schulen und Kirchen und die demonstrative Präsenz des Militärs galt den Einheimischen als Zumutung. Die politische Entscheidung über die polnische Besatzungszone fiel unter Ausschluss der Exilregierung. Als Verbündeter hatten die polnischen Streitkräfte an Wert verloren, da der Kalte Krieg nicht wie von ihnen erhofft in eine militärische Konfrontation umschlug. Eine "Repatriierung" ins neue Volkspolen war für die Mehrheit der Soldaten und ihrer Angehörigen nicht möglich. So mussten sie nach der Auflösung der polnischen Enklave 1947 - die die deutsche Bevölkerung mit Dankgottesdiensten feierte - erneut ins Exil gehen. Die polnische Besatzung in Westdeutschland blieb eine Fußnote der deutsch-polnischen Geschichte, ein "Experiment", das "nicht gelungen ist". Das Urteil fällte Rydel, heute Mitglied des diplomatischen Korps Polens in Berlin, noch vor dem Einmarsch der polnischen Streitkräfte in den Irak.Jan Rydel: Die polnische Besatzung im Emsland 1945 - 1948. Aus dem Polnischen von Isabel Röskau-Rydel. Fibre Verlag, Osnabrück 2003. 400 S. , 35 Euro.