Darüber, ob das Recht wirklich eine Wissenschaft sei, war man schon öfter geteilter Meinung. Julius Hermann von Kirchmann stänkerte vor rund 150 Jahren über "Die Wertlosigkeit der Jurisprudenz als Wissenschaft". Kirchmann nutzte den polemischen Titel, um die Missstände der damaligen Praxis zu kritisieren. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts endet auch Jan Schröders nun erschienenes Buch über "Recht als Wissenschaft", und sein Titel ist ebenso programmatisch. Womit die Gemeinsamkeiten beider Autoren schon enden. Denn Schröder interessiert sich nicht für die Praxis, sondern für die Theorie der Jurisprudenz. Seine Botschaft lautet: Das Recht ist eine Wissenschaft, und was für eine!Der Tübinger Rechtshistoriker zeigt, wie sich die Rechtswissenschaft im Verlauf der Geschichte entwickelte. Sie profitierte vom Dialog mit benachbarten Disziplinen wie der Theologie und Philosophie. Sie emanzipierte sich aber auch und entwickelte autonome Deutungsmuster. Schröder brilliert darin, diese fundamentalen Wandlungen über dreieinhalb Jahrhunderte nachzuzeichnen und den Leser über den Erfindungsreichtum längst vergessener Autoren staunen zu lassen. Dabei hat er die großartige Leistung vollbracht, diese historische Theorie des Rechts vollständig aus den zeitgenössischen Quellen zu rekonstruieren: Er hat Traktate, Dissertationen und Lehrbücher aus der Zeit zwischen 1500 und 1850 gelesen. Die meisten von ihnen sind in Latein verfasst, und selten haben sie hohe Auflagen erreicht. Viele gerieten für Jahrhunderte in Vergessenheit.Zu zahllosen Einzelfragen, die Schröders Buch abhandelt, gab es kaum Vorarbeiten außer jenen akribischen und systematischen Aufsätzen, die er selbst in den vergangenen fünfzehn Jahren verfasst hat. Auf ihnen aufbauend, hat er die hochgelehrte frühneuzeitliche Theorie, einen barocken Eisberg von Literatur, abgetaut und in schlanken Kapiteln portioniert: Dieses Buch ist eine der wichtigsten rechtswissenschaftlichen Neuerscheinungen der letzten Jahre.In dem Buch werden drei zeitliche Zäsuren gezogen. Der erste Teil schildert die Fortsetzung der mittelalterlichen Tradition und erste Neuerungen (1500-1650). Darauf folgt die Entdeckung der konstruktiven Vernunft und der Geschichte im Zeitalter des Rationalismus und des säkularen Naturrechts (1650-1800). Am Ende steht die Begründung der positiven Rechtswissenschaft (1800-1850). Allen drei Epochen widmet Schröder sich präzise mit der gleichen Seitenzahl und klopft sie systematisch mit den gleichen Fragen ab. Die Verdichtung der ungeheuren Menge an historischem Material gelingt ihm, weil er nicht nach einzelnen Werken oder Autoren sortiert. Stattdessen folgt seine Darstellung teils jenen Aspekten, die die zeitgenössischen Autoren diskutierten, teils systematisiert er sie nach den Grundfragen moderner Rechtstheorie.Der juristisch vorgebildete Leser hat beim abschließenden Teil über die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts gewiss noch am ehesten Wiedererkennungserlebnisse. Faszinierender sind jedoch die Abschnitte über die ältere humanistische und barocke Wissenschaft, gerade weil sie aus moderner Sicht so fremd erscheinen. Schon der Rechtsbegriff, den Schröder aus den Quellen rekonstruiert, weicht fundamental von unserem modernen Verständnis von "Recht" ab. Recht wird bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts materiell und wertbezogen verstanden. Nur jene obrigkeitlichen Anordnungen, die dem "Gerechten" und "Guten" entsprechen, werden als "Recht" definiert: Das Recht stimmt inhaltlich weitgehend mit der Ethik überein.Zugleich muss die humanistische Rechtswissenschaft auf eine zunehmende Normsetzungstätigkeit reagieren. Denn der frühmoderne Staat konstituiert sich auch als Gesetzgebungsstaat. Er "positiviert" Recht, das heißt Fürsten und Amtleute setzen ihren politischen Willen millionenfach in rechtliche Ge- und Verbote um. Diese Gesetze lassen sich nicht mehr auf hehre Gerechtigkeitsvorstellungen zurückführen, sondern zunehmend auf bloße Zweckmäßigkeit. Neben dem Gesetz gibt es noch das Gewohnheitsrecht, und über beidem schwebt noch die "Billigkeit", die die Lücken im System ausfüllt. Also versuchen die gelehrten Juristen Theorien zu entwickeln, wie man mit diesem Rechtsquellenpluralismus umgeht.Weil "Deutschland" in der Frühen Neuzeit ein bunter Flickenteppich vieler Herrschaften mit eigenen Rechten und Normsetzungsansprüchen ist, multiplizieren sich die Konkurrenzfragen: Stadtrecht trifft auf Landrecht und Reichsrecht, Deutsches Recht auf das "gemeine römische Recht", welches seit dem Mittelalter gilt. Nach 1648 kommen noch die Regelungen des Westfälischen Friedens hinzu. Das Bestreben der Juristen ging dahin, diese Normen so zu ordnen, dass das System in sich schlüssig war und in der Praxis vernünftige Ergebnisse erbrachte. Keine leichte Aufgabe, denn dieses Gefüge darf man sich ähnlich kompliziert vorstellen wie die EU mit ihrem Kompetenzwirrwarr.Neben dieser so genannten "Rechtsquellenlehre" steht die Wissenschaft vom Recht noch auf einem zweiten Standbein: der juristischen Methodenlehre. Sie umfasst die juristische Argumentationstheorie und die Theorie der Gesetzesinterpretation. Ihre Fragen beschäftigen uns bis heute: Im modernen Strafrecht etwa ist die Analogie verboten, das heißt, wenn im Gesetz X steht, darf man die Vorschrift nicht auf Y ausdehnen. Doch wann wird die Grenze von der erlaubten Auslegung zur verbotenen Analogie überschritten? Die Auskünfte, die die frühneuzeitlichen Juristen geben, sind so abwägend wie jene, die ein gewissenhafter Anwalt auch heute seinen Mandanten erteilt. Damals freilich spiegelten sie eine vormoderne Wirtschafts- und Sozialordnung wider. Deren Mitglieder wollten wissen, ob das Warenausfuhrverbot, das für Transporte per Esel erlassen worden war, auch für Pferde galt.Kritisch zu vermerken ist, dass Schröder einen Wissensdurst weckt, den sein Buch selbst nicht stillt. Denn über die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Motive, die die Wandlungen auslösten oder auch nur beeinflussten, sucht man in seiner hoch differenzierten Ideengeschichte vergeblich Auskunft. Zu gern hätte der Leser doch gewusst, ob einschneidende Ereignisse wie der Dreißigjährige Krieg, die Französische Revolution und die Industrialisierung auch auf Hermeneutik und Interpretationstheorie ausstrahlten. Oder war sich die Wissenschaft in jenen dreieinhalb Jahrhunderten der Vormoderne tatsächlich selbst so sehr genug, wie man es bei Schröder herausliest?Schröders Buch endet mit einem Ausblick auf die wissenschaftliche Rechtsfindung des neunzehnten Jahrhunderts und den Juristen Friedrich Carl von Savigny. Die Prinzipien-, Begriffs- und Systembildung hat einen Höhepunkt erreicht, von dessen Erbe wir immer noch zehren. Das Recht wird nun als ein lückenloses inneres System begriffen, das aus sich selbst heraus Neues produzieren kann. Das Naturrecht spielt keine Rolle mehr.Der politisch interessierte Leser weiß freilich, dass es wieder in die Rechtswissenschaft zurückkehren wird, wenn diese die Erschütterungen der Diktaturen und Systemwechsel des 20. Jahrhunderts verarbeiten muss. Schröder hat einen zweiten Band angekündigt, der seine Geschichte des Rechts als Wissenschaft in die Gegenwart fortführen wird. Man darf jetzt schon darauf gespannt sein.Jan Schröder: Recht als Wissenschaft. Geschichte der juristischen Methode vom Humanismus bis zur historischen Schule. Verlag C. H. Beck, München 2001. XIV, 327 S. , 128 Mark.