Was der Direktor des polnischen Instituts des Nationalen Gedenkens (IPN), Leon Kieres, vergangene Woche in Warschau mitzuteilen hatte, wurde von der polnischen Öffentlichkeit mit Spannung erwartet. Seit Monaten ermittelt das IPN, das Verbrechen der Besatzungszeit und der sozialistischen Ära ahndet, zum Pogrom von Jedwabne. In dem ostpolnischen Städtchen waren am 10. Juli 1941 fast sämtliche jüdischen Einwohner von ihren christlichen Nachbarn ermordet worden. Es hätten sich keine Hinweise darauf ergeben, dass an dem Massaker auch die Deutschen - die das seit 1939 sowjetisch beherrschte Gebiet kurz zuvor erobert hatten -, direkt beteiligt waren, sagte Kieres. Zwar handelt es sich hier um einen Zwischenbescheid; das umfassende Weißbuch des IPN zu Jedwabne soll im Frühjahr erscheinen. Dennoch dürfte der Befund zum Ende einer heftigen Diskussion beitragen.Es war das Buch "Nachbarn" des polnisch-amerikanischen Soziologen Jan T. Gross, das - zuerst in Polen erschienen - vor eineinhalb Jahren die erbittertste Geschichtsdebatte der jungen polnischen Demokratie auslöste. Gross hatte Augenzeugenberichte von Überlebenden sowie die Aussagen polnischer Täter und Zeugen aus zwei Gerichtsverfahren von 1949 und 1953 ausgewertet. Seine Ergebnisse schockierten: Aus freien Stücken haben in Jedwabne gewöhnliche Polen ihre jüdischen Nachbarn zusammengetrieben, geschlagen und gequält, viele getötet und zuletzt alle übrigen in einer Scheune verbrannt. Gross hat den Vorgang knapp und nah an den Quellen beschrieben, und er führt die Brutalität der Täter in mitunter verstörender Deutlichkeit vor Augen. Zugleich lässt er es nicht bei der Rekonstruktion des Pogroms bewenden. Vielmehr bettet er den empirischen Gehalt der Studie in essayistische Betrachtungen ein, etwa zum Zusammentreffen von Täter- und Opferrolle oder zur kollektiven Verantwortung einer Nation für die Verbrechen Einzelner. Vor allem geht es ihm um die historischen Voraussetzungen des Massakers. Im Zentrum steht dabei das Totalitarismusmodell: Gross erklärt den Gewaltausbruch von Jedwabne mit den gesellschaftlichen Deformationen, die zunächst der Stalinismus, dann der Nationalsozialismus in Ostpolen bewirkte. Der polnische Nationalismus - das wiederum mag zu denken geben - bleibt in dieser Sichtweise weitgehend ausgeklammert.Das traditionelle polnische Geschichtsbild traf das Buch dennoch im Kern. Bislang hatten sich die Polen - die unzweifelhaft mit am stärksten unter deutscher Besatzung zu leiden hatten - ausschließlich als Opfer gesehen, der Antisemitismus in der christlichen Bevölkerung blieb ausgespart. Während Staatspräsident Kwasniewski sich am 60. Jahrestag des Pogroms offiziell bei den Juden entschuldigte und dabei einen großen Teil seiner Landsleute hinter sich wusste, äußerte die nationalkonservativen Presse Zweifel an Gross Thesen. Nach Erscheinen der deutschen Ausgabe des Buches hat sich die Kontroverse auf die deutsche Presselandschaft ausgeweitet. Dafür sorgte vor allem die Kritik, die Thomas Urban, der Polen-Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung", an der Studie übte. In drei zentralen Punkten, so der Vorwurf, seien die Ergebnisse von Gross unhaltbar: hinsichtlich der Zahl der Opfer, der Zahl der Täter und eben der Frage, ob in Jedwabne nicht doch Deutsche die Haupttäter waren. Weithin einig ist man sich, dass die von Gross - auch noch in der deutschen Ausgabe - genannte Zahl von 1 600 Pogromopfern überhöht ist. Exhumierungsarbeiten in diesem Frühjahr ergaben, dass es 250 bis 400 Leichen waren, die in Massengräbern im Umfeld der Scheune verscharrt wurden (was zugleich die Frage aufwirft, wo und wann der große Rest der Juden von Jedwabne zu Tode kam). Er verurteile pauschal die christlichen Einwohner Jedwabnes, warf man Gross vor, wenn er schreibe: "An einem Tag im Juli 1941 ermordete die eine Hälfte der Bevölkerung eines osteuropäischen Städtchens die andere Hälfte." Was gemeint ist, präzisiert der Autor an anderer Stelle. Seiner Zählung nach nennen die Quellen 92 Personen, die an dem Pogrom beteiligt waren, sei es als Mörder oder etwa als Wachen rund um den Marktplatz, auf dem die Juden zunächst versammelt wurden. Dies entspreche einem Anteil von fast 50 Prozent aller nichtjüdischen erwachsenen Männer Jedwabnes. In einer solchen Rechnung wäre die Täterzahl selbst dann noch erschreckend hoch, wenn Kritiker wie Thomas Urban recht hätten, die von "vier Dutzend" polnischen Angreifern ausgehen.Am schwersten wog jedoch der Zweifel an Gross These, die Deutschen hätten sich an dem Massenmord nicht direkt beteiligt. Gross zufolge tauchte lediglich vor dem Pogrom eine Gruppe von Gestapo-Beamten auf, die sich mit den neuen Stadtherren von Jedwabne besprachen; die wenigen deutschen Gendarmen im Ort assistierten nur bei der Rekrutierung polnischer Helfer. Für Aufmerksamkeit sorgten daher Anfang September die Recherchen von Urban, der nachweisen konnte, dass sich zum fraglichen Zeitpunkt das Einsatzkommmando von SS-Hauptsturmführer Hermann Schaper in der Gegend aufhielt. Diesem wies Urban die Haupttäterschaft für das Massaker zu. Zwar sei in dem vorhandenen Archivmaterial kein eindeutiger Beleg zu finden, dass die Deutschen auch in diesem Ort die entscheidende Rolle gespielt hätten. Als Beweis für die deutsche Federführung müssten aber jene 100 Patronenhülsen gelten, die bei der Exhumierungsaktion auf dem Gelände der Scheune gefunden wurden, laut Urban "Munition aus deutschen Mauser-Karabinern sowie von einer Walter-Offizierspistole".Die Untersuchungsergebnisse des IPN, das sich auf Analysen polnischer Experten und eine Expertise des deutschen Bundeskriminalamts stützt, sprechen eine andere Sprache. Es gebe keine Hinweise, so Direktor Kieres, dass bei dem Massaker überhaupt Schusswaffen benutzt worden seien. Frappierend der Befund, den der ermittelnde Staatsanwalt Radoslaw Ignatiew bekannt gab: Ein Teil der Munition stamme vermutlich aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, ein anderer sei erst 1942 hergestellt worden. Ein anderes Resultat hätte neue Fragen aufgeworfen. Zum Beispiel, warum nicht einmal diejenigen polnischen Täter, die sich kurz nach Kriegsende vor Gericht verantworten mussten und allen Grund hatten, nach Mitschuldigen zu suchen, sich auf schießende Deutsche beriefen.Jan T. Gross: Nachbarn. Die Ermordung der Juden von Jedwabne. Aus dem Englischen von Friedrich Griese. C. H. Beck Verlag, München 2001. 196 S. , 36,03 Mark.