Die Leute von Aum Shinrikyo waren noch schlimmere Giftmischer als bisher gedacht. Gestern wurde bekannt, daß der Kult ein Nervengas produziert hat, das weit giftiger ist als das beim Anschlag auf die Tokioter U-Bahn eingesetzte Sarin.Der Innenminister der Sekte, Tomomitsu Niimi, hat bei einem Verhör zugegeben, man habe mit dem Gas VX, das in den Labors am Fuji-Berg gemischt wurde, zwei oder drei abtrünnige Gefolgsleute ermordet. VX ist eine nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte Chemiewaffe, die tödlich wirkt, schon wenn einige Milligramm die Haut berühren.Ebenfalls gestern wurde die Frau des inhaftierten Sektenchefs Shoko Asahara, Tomoko Matsumoto, festgenommen. Sie steht im Verdacht, an der Ermordung eines abtrünnigen Sektenmitglieds im vergangenen Jahr beteiligt gewesen zu sein.Auch biologischer Terror der "Höchsten Wahrheit" wird jetzt bekannt. Mehrere Austritt neigende Aum-Leute - so steht es in konfiszierten Notizbüchern - wurden von den Kult-Fanatikern für bakteriologische Versuche mißbraucht. Ihren Mahlzeiten sollen Mikro-Organismen zugesetzt worden sein. Seit dieser Behandlung sind sie spurlos verschwunden. Mindestens 20 Abtrünnige gelten heute noch als vermißt.Untersucht werden derzeit mehrere Fälle, bei denen Patienten in Hospitälern der Sekte nach extremen Behandlungen in heißem Wasser oder nach Drogen-Injektionen verstorben sind, der Sekte aber zuvor ihr Eigentum vermacht hatten. Immer klarer zeichnet sich ab, daß die Endzeit-Sekte ihre wahnwitzigen Ziele konsequent verfolgte. Die Anhänger von Hitlerverehrer Asahara, der die Vereinigung 1987 gründete, hatten der gesamten japanischen Gesellschaft den Kampf angesagt. Er sagte in seinen Schriften voraus, nach dem Dritten Weltkrieg, den nur Aum-Leute überleben könnten, werde ein tausendjähriges Reich unter seiner Führung erblühen. Diese Prophezeiung wie auch der fehlende Halt in der Konsum-Gesellschaft lockte vor allem junge Leute an.Wegen der Giftgas-Attacke im März sitzen bereits 38 Aum-Leute in Untersuchungshaft. Zwölf sind wegen Mordes oder Mordversuches angeklagt. Sieben weitere Top-Männer werden noch gesucht. Der Prozeß gegen den fast blinden Sektenchef Asahara soll im Herbst eröffnet werden. Wenn die Befürchtungen der Justiz stimmen, kann er sich 10 oder gar 20 Jahre in die Länge ziehen.