Qais Sedki aus Dubai ist 33 Jahre und ein Pionier. Er hat den wohl ersten Manga in arabischer Sprache geschrieben. "Suar al Dhahab", "Der Goldene Ring", gezeichnet von dem japanischen Duo Akira Himekawa, erzählt die Geschichte des Jungen Sultan, der mit seinem Falken an einem Wettfliegen teilnimmt und gegen Gegner antritt, die mit allen Tricks kämpfen. Mit Hilfe der Weisheit eines Wüstenscheichs und einigen geheimen Kniffen der Beduinen gelingt es ihm schließlich, den goldenen Ring zu gewinnen. Falken, Leoparden und Wüstenfüchse tummeln sich zwischen Sanddünen, die Figuren tragen die traditionelle Tracht der Golfbewohner und sprechen feinstes Hocharabisch. Erstaunlicherweise passt alles zusammen. Wir haben den Autor in Dubai getroffen und ihn gefragt, warum Manga eine gut für die arabische Jugend sind.Manga-Scheichs, das ist ja erst einmal etwas gewöhnungsbedürftig. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?Das ist ein alter Traum von mir. Ich liebe Computer-Spiele und bin ein absoluter Manga-Fan. Das ist meine Welt. Ich lebe in Dubai und bin in japanischen Comics zu Hause. Das geht vielen so. Ich habe bisher im IT-Bereich gearbeitet. Das ist okay, aber echt nicht meine Leidenschaft. Ich wollte immer so sein wie Michael Jordan und mit dem, was ich am liebsten mache, viel Geld verdienen. Das ist mein Ideal. Zugleich will ich etwas machen, was verantwortungsvoll ist: Ich will etwas für die Gesellschaft tun.Sie wollen mit Manga Ihr Land verändern?In gewisser Weise ja: Es gibt bei uns eine große Frustration, dass alles Gute, qualitativ Hochwertige aus dem Ausland importiert werden muss. Das führt dazu, dass die Leute hier denken, dass die Emiratis - oder sagen wir: die Araber insgesamt - nicht dazu in der Lage sind, etwas Ordentliches zu produzieren. Ich will beweisen, dass das doch möglich ist. Außerdem will ich die Kinder und Jugendliche zum Lesen animieren. Und Manga zu lesen, ist fast so wie Bücher zu lesen.Viele Eltern - zumindest in Europa - rümpfen die Nase, wenn ihre Kinder Manga lesen und würden weder sagen, dass es qualitativ hochwertig ist, noch mit dem Lesen eines Buches gleichzusetzen ist.Na, man muss die Kinder da abholen, wo sie sind. Die lieben nun einmal die Manga. Aber bei uns lesen die Kinder die Bücher meist auf Englisch oder als schlechte Übersetzung ins Arabische. Das führt zu einer Entfremdung von der eigenen Kultur und Sprache. Mein Buch ist in klassischem Arabisch geschrieben. Für viele Kinder ist diese Sprache gleichbedeutend mit Langeweile in der Schule. Dadurch, dass ich ihnen aber eine Manga-Geschichte in dieser Sprache erzähle, bekommen sie einen anderen Zugang. Plötzlich ist klassisches Arabisch nicht mehr öde und die Eltern müssen ihre Kinder nicht mehr dazu anhalten, darin zu lesen. Sondern sie wollen lesen, weil es tolle Geschichten sind.Naja, aber als hohe Literatur wollen Sie Manga wohl trotzdem nicht bezeichnen, oder?Stimmt. Manga sind oft brutal und voller obszöner Sprache. Das ist meiner aber nicht. Ich habe ja das Glück, dass ich der erste bin hier in diesem Markt. Da brauche ich meinen Manga nicht durch Gewalt oder schlechte Sprache nach vorne zu puschen. In Japan hätte ich mit dieser sehr gemäßigten Geschichte keine Chance, mich gegen die Konkurrenz durchzusetzen. Ich versuche ja außerdem, die Werte unserer Gesellschaft zu vermitteln und den Jugendlichen eine positive Botschaft mitzugeben.Welche Botschaft ist das denn?Dass man sich anstrengen soll, dann wird man belohnt. Viele Jugendliche bei uns denken, dass es nicht gottgewollt ist, dass man sich um etwas sehr stark bemüht. Wenn Gott wollte, dass sie eine bestimmte Sache bekommen, dann würde er sie ihnen geben. Das ist eine sehr schlechte Einstellung. Man kann sagen, dass die Geschichte davon, wie ich es geschafft habe, dieses Buch zu machen, genau zu der Botschaft passt.Dann ist es wohl auch kein Zufall, dass der junge emiratische Scheich im Buch ihnen ziemlich ähnlich sieht?Das sagen viele, aber in Wirklichkeit bin das gar nicht ich, sondern mein Schwager. Er war das Vorbild für diese Figur. Er wusste gar nichts davon, aber ich habe ihn immer wieder fotografiert und den Zeichnerinnen seine Bilder als Vorlage geschickt.Und dann?Na, als er sich gesehen hat, war er erst geschockt. Jetzt gefällt es ihm. Er hat schließlich eine sehr gute Rolle bekommen.Wie war denn die Zusammenarbeit mit Akira Himekawa?Das ist ja das Pseudonym für zwei international sehr bekannte Zeichnerinnen, die Nintendos "Legend of Zelda" als Manga umgesetzt haben. Ich hatte Glück, dass sie bereit waren, meine Geschichte zu zeichnen und dass sie so viel Spaß an den Tieren hatten. Ich habe dann die Zeichnungen bekommen und immer wieder etwas korrigiert. Ich musste viel erklären, damit sie die Details unserer Kultur richtig hinbekommen. Zum Beispiel, mit welcher Hand man Kaffee einschenkt und wie genau die Leute hier aussehen. Sie schienen das auch ein interessantes Experiment zu finden, die japanische und die arabische Kultur zu mixen. Ich hätte es natürlich noch besser gefunden, wenn sie hergekommen wären, aber dazu reichte die Zeit nicht.Aber Ihre Botschaft kommt trotzdem rüber?Ja, das glaube ich. Ich finde es dabei ganz wichtig, dass die Bücher eben nicht den Eltern, sondern den Kindern gefallen sollen. Arabische Kinderbücher haben oft eine sehr deutliche pädagogische Botschaft. Das finden Kinder lästig. Bei mir kriegen sie die Werte und Tugenden eher nebenbei vermittelt.Ihnen geht es darum, eine arabische Geschichte zu erzählen: dass die Jugendlichen hier stolz auf ihre eigene Kultur sein sollen. Warum haben Sie dann nicht einen arabischen Zeichner gesucht, der arabische Bilder zeichnet? Wäre das nicht authentischer als ausgerechnet Manga?Vielleicht, aber Manga ist etwas, was die Kinder kennen und lieben; und wenn ihre eigene Kultur und ihre eigenen Werte in der Manga-Welt gut dargestellt werden, dann ist das sehr überzeugend.Das Gespräch führte Julia Gerlach.------------------------------Foto: In "Der Goldene Ring" erzählt Qais Sedki von den Abenteuern des jungen Sultans (l.). Gezeichnet wurde der Manga von dem japanischen Duo Akira Himekawa; erschienen ist er in Qais Sedkis Verlag Pageflip Publishing in Dubai.Auf www.goldring.ae gibt es einen drolligen Trailer mit einer Art japanisch-arabischem Soundtrack.Foto: Manga-Autor Qais Sedki

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