BERLIN. Jean Kaiser hat in den vergangenen Wochen mit vielen Handballfunktionären über Hassan Moustafa gesprochen, den Präsidenten des Weltverbandes IHF. Er ist auf knackige Meinungen gestoßen: "Viele Leute sagen: Er hat uns jahrelang an der Nase herumgeführt. Er hat uns belogen. Es reicht jetzt. Der kann uns nicht länger so verarschen." Der Luxemburger Kaiser will Moustafa ablösen, er kandidiert beim IHF-Kongress in Kairo am Freitag für den Posten, auf dem der Ägypter seit dem Jahr 2000 sein Unwesen treibt. Moustafas Verfehlungen sind legendär: seine Korruptionsverstrickungen, sein weichgespülter Antidoping-Kampf, seine Selbstbedienungsmentalität und sein Führungsstil, der ihm den Beinamen Pharao eingebracht hat. Trotzdem sieht es nicht so aus, als habe Kaiser gegen ihn eine Chance.Gefügige Wähler"Ich befürchte, dass Moustafa mit großer Mehrheit wiedergewählt wird", sagt Gerd Butzeck. Er kennt sich aus in der Szene, er ist der Geschäftsführer der Group Club Handball (GCH), der Interessenvertretung der großen Vereine. Er glaubt, dass viele Kongressteilnehmer aus kleinen Ländern, in denen Handball kaum entwickelt ist, über die Missstände unter Moustafa zu wenig informiert sind - oder dass sie sie für nebensächlich halten.Tatsächlich ist zu vermuten, dass der Präsident Mittel und Wege findet, sich seine Wähler gefügig zu machen. Im März schrieb er mit Verweis auf den Kongress in Kairo alle Mitglieder des IHF-Rates an: Sie wüssten doch, dass es einige ärmere Verbände gebe. Für den Fall, dass sie die IHF um finanzielle Unterstützung bitten, sollten die Mitglieder ihn, den Präsidenten, und den Schatzmeister Miguel Roca ermächtigen, über das Konto des Weltverbandes zu verfügen. "Im Voraus" dankte Moustafa in dem Schreiben für das Verständnis der "lieben Kollegen" - und wurde dann deutlicher: "Wenn Sie nicht innerhalb einer Woche reagieren, bedeutet das, dass Sie mit unserem Vorschlag einverstanden sind." Die Stimmen von derart unterstützten Delegierten aus Afrika, Asien und Südamerika dürften dem Amtsinhaber also schon mal sicher sein.Das weiß auch Gudmundur Ingvarsson. Der Isländer hat seine Kandidatur um die IHF-Präsidentschaft vor Wochen zurückgezogen. Er sagt, er habe viele Gerüchte darüber gehört, wie Moustafa die Wahl manipulieren wolle. Fest stehe: "Er hat sich sehr gut um seine Mehrheiten gekümmert." Für eine weitere Amtszeit des Ägypters spricht zudem die Tatsache, dass nicht einmal die europäischen Verbände geschlossen hinter seinem Rivalen Kaiser stehen - obwohl sie wissen, was falsch läuft. Der Klubfunktionär Butzeck sagt: "Ich bin sehr enttäuscht, dass die großen Nationen, speziell die Deutschen, denen die Dinge bekannt sind, nicht einschreiten." Ulrich Strombach etwa, der Präsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB), verlange, man solle ihm "doch mal konkrete Dinge vorlegen", so Butzeck. Dabei seien viele Fehltritte Moustafas hinreichend dokumentiert. Der Kandidat Kaiser hält eine Unterstützung von Seiten Strombachs ohnehin für illusorisch: "Ich werde ihn nicht bitten, für mich zu stimmen - denn das wird er eh nicht tun." Kaiser findet, auch die Spitze des europäischen Verbandes, der EHF, stelle sich nicht entschlossen genug gegen Moustafa. Der EHF-Präsident Tor Lian und sein Stellvertreter Jean Brihault seien vom Weltverbandsboss längst vereinnahmt worden. So sehr, dass Kaiser sich frage: "Haben die Leute ihre eigene Meinung verloren? Haben die Angst? Kleben die mit ihren Hintern an den Sesseln?"Unangenehme FragenEin wenig verzweifelt hört sich Kaiser an. Er hat prominente Handballer für seine Kandidatur werben lassen, den Deutschen Erhard Wunderlich, den Franzosen Jackson Richardson und den Jugoslawen Zlatko Portner, er hat seine Position oft und scharf in der Öffentlichkeit vertreten. Aber jetzt muss er fürchten, dass sich alle Bemühungen als vergeblich erweisen. Moustafa will ihm in Kairo noch nicht einmal Zeit geben, sich und seine Pläne vorzustellen. Das ist einigermaßen lächerlich, angesichts der Tatsache, dass den Kongressteilnehmern ein ganzer Tag zur Besichtigung der Cheops-Pyramide zur Verfügung steht. Kaiser merkt an: "Wir sind ja nicht hier, um Tourismus zu machen."Fünf Minuten, sagt er, würden ihm für seine Präsentation schon genügen. Aber Moustafa stelle sich stur. An diesem Donnerstag, beim Meeting der EHF, wird Kaiser "die Frage stellen, ob wir uns alles gefallen lassen als Europäer". Er will sich nicht zum Schweigen bringen lassen: "Ich werde reden, egal wie. Da müssen sie mich hier mit der Polizei rausführen." Wenn Moustafa ihm als Kandidat das Wort verbiete, werde er sich als Vertreter Luxemburgs melden. Wenn der Präsident ihn auch dann nichts sagen lassen wolle, kündigt Kaiser an, "dann werde ich sehr unangenehm. Dann wird er auf verschiedene Fragen Rede und Antwort stehen müssen. Dann werde ich in die allerunterste Schublade greifen und da den Mist rausholen." Klingt nach großem Kino.------------------------------Foto: Seine Gegner sollen schweigen: Hassan Moustafa, IHF-Präsident.