Mehr war nicht drin. Wolfgang Grossmann hat 200 Postkarten in Kneipen ausgelegt, 100 Flyer verklebt, viele E-Mails geschrieben, um Werbung für eine Sechziger-Jahre-Party zu machen. Beginn 21 Uhr, Eintritt 4 Euro, "Gäste in stilechter Verkleidung sind maximalwillkommen". Er steht eine Stunde vorher in der KOMBINAT-Lounge in Berlin-Mitte und legt seine alten Platten auf. Um die Anlage glühen bunte Lämpchenschnüre. Über der Tanzfläche hängen in Folien Mode- und Kosmetikfotos, Titelseiten der Bravo, Auszüge aus Versandhauskatalogen - alles in der Optik von damals.Wolfgang Grossmann geht vor die Tür. Kein Andrang. Auch später betreten nur wenige Besucher zögernd die Location - alle schön zurechtgemacht, aber unverkleidet. Fast alle sind Frauen. Sie unterhalten sich an ihren Tischen und realisieren, dass auch heute kein Abenteuer auf sie warten wird. Wer zwei Cocktails trinkt, muss nur einen bezahlen - das ist das Entgegenkommen des türkischen Betreibers.Grossmann vermutet, dass es an diesem Freitagabend was Interessantes im Fernsehen gibt, vielleicht sind auch die Sechziger gerade nicht angesagt. Er hat gelernt, mit Enttäuschungen zu leben. Wenn ein Plan misslingt, macht er einen anderen. In jeden neuen Tag geht er hinein wie ein unverdrossenes Stehaufmännchen.Die Sechziger-Jahre Partys, die er ab und an veranstaltet, sind ein wackliges Bein seiner wackligen Existenz, die er auf kleinste Ansprüche zurückgefahren hat. In seiner sonnenarmen Wohnung - Zimmer, Küche, Bad - trägt jeder Gegenstand die Patina langen Gebrauchs. Kleidung hängt an einer Stange, der übrige Besitz liegt in Körben, Containern und Schüben. Sein Bett steht auf Holzstelzen, darunter Koffer, Taschen und das Sockenregal. Die optische Fülle seines Lebensraums kommt aus kindlicher Sammlerlust. Überall hängt was, liegt was. Emailleschilder, LPs, Setzkästen mit Püppchen, Eulen und Indianern, Kinderspielzeug, Fotos, meistens von den Beatles und den Stones. Er hängt an jedem Stück und kann nichts wegwerfen. Alles ist gut, sagt er. Nur hätte er gerne öfter Besuch. Männer, die kein Geld haben, sind oft allein.Wolfgang Grossmann, zweimal verheiratet, dreimal getrennt, ist gebürtiger Dresdner, ein Lehrerkind, DDR-sozialisiert. Zuerst stolpert er ohne tiefere Gründe in ein Journalistikstudium. "Ich war angepasst. Ein richtiges Zonenheinzchen." Bald begreift er, dass er kein Journalist sein will. Im Studententheater spielt er in "Kohlhaas" mit, ein Stück von Stefan Schütz, das seine Ziele verändert. "Ich will jetzt Schauspieler werden. Basta!", sagt er seinen Eltern. Er enttäuscht sie mit dem Beschluss, zumal er auch noch bei seiner Bewerbung an der Schauspielschule in Berlin durchfällt. Im Theater der Jungen Generation in Dresden nimmt er eine Stelle in der Öffentlichkeitsarbeit an. Er robbt sich in seinen Traumberuf über ein externes Schauspielstudium.Er lernt den Freundeskreis um den Maler Penck kennen und macht Musik in einer Punkband: "Zwitschermaschine." Die ist Ende der Siebziger von der Malerin Cornelia Schleime und dem Maler Ralf Kerbach gegründet worden. Der Dichter Sascha Anderson kommt dazu. Wolfgang Grossmann spielt Schlagzeug. Die Gruppe schmuggelt über westdeutsche Diplomaten Tonaufnahmen in den Westen, mit Hilfe von Anderson, also mit Wissen der Stasi. Die illegale Platte erscheint im Frühjahr 1983 im Westen und heißt "eNDe".Der Drummer geht 1984 nach Anklam ans Theater. Da arbeitet Frank Castorf, aber der holt sich seine wichtigen Darsteller aus Berlin - Henry Hübchen oder Silvia Rieger.Grossmann darf 1986 eine Tante in Pinneberg besuchen. Er bleibt im Westen, "die beste Entscheidung meines Lebens".Berühmt wird er nicht, aber er bewegt sich durch die Theater. Osnabrück, München, Braunschweig, Düsseldorf. In Köln lernt er Fernsehleute kennen und spielt in Serien - einen Angestellten bei "Tach, Herr Dokter", einen Polizisten in "Familie Heinz Becker" und "Der Pfundskerl", einen Pfarrer in der "Lindenstraße". Diese kleinen Auftritte verschickt er mit einer Bewerbungskassette, wahrscheinlich waren sie seine größten. Immerhin hat er einen Fuß in der Tür, hinter der etwas Sicherheit beginnt.Im Jahr 2000 erleidet sein Vater einen Schlaganfall. Er wird nur noch sechs Monate leben, heißt es. Wolfgang Grossmann geht nach Dresden und pflegt den Vater sechseinhalb Jahre lang, bis zu dessen Tod.Seitdem lebt er in Berlin und ist nur mit einer Sache beschäftigt. "Ich versuche, Jobs zu kriegen."Er trinkt morgens im Bistro einen Kaffee und liest Zeitungen, wegen der Annoncen. Die Informationen notiert er. Danach geht er in ein Internetcafé und schreibt Bewerbungen. Er informiert sich, wer in der Stadt ist. Wenn zum Beispiel Wim Wenders zwanzig Jahre "Der Himmel über Berlin" feiert, geht Wolfgang Großmann da hin, macht ein Foto und versucht, es bei einer Zeitung unterzubringen.Mittags isst er Schrippen, abends kocht er sich was mit Nudeln und trinkt Wasser. Bekannte nehmen ihn manchmal zu Veranstaltungen mit. "Ich freue mich dann riesig. Da gibt es was zu trinken. Und vielleicht finde ich jemanden, der Lust hat, sich mit mir zu unterhalten. Ich erzähle was von mir und hoffe, dass mein Gesprächspartner jemanden kennt, der mir Arbeit gibt." So steht Wolfgang Grossmann bei den Empfängen herum - freundlich, auf dem Sprung, aber nie aufdringlich, mit seinen Werbepostkarten in der Jackentasche, die er verteilt, wenn er denkt, dass es passt.Alle Wege in der Stadt erledigt er zu Fuß, auch die weitesten, wie vom Olympiastadion bis Berlin-Mitte. "Ich habe ja Zeit." Hin- und Rückfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln würden 4,20 Euro kosten. "Dafür arbeiten manche eine Stunde oder mehr. Ich muss nur laufen." Er legt seine Postkarten in Kneipen aus, geht später nachsehen und freut sich, wenn welche weg sind. Er hat einen Fotobetrieb in Holland gefunden, der ihm für einen Hunderterpack seiner Postkarten nur die Portokosten berechnet. Er weiß nur nicht, ob dieser Betrieb das noch lange mitmachen wird.Über ein Inserat ist Wolfgang Grossmann zum Standartenführer, Komparsennummer 3038, in "Valkyrie" von Tom Cruise geworden. Den Star hat er nicht gesehen, aber die amerikanischen Maskenbildner waren von seinem, Grossmanns deutschen Kopf begeistert und riefen: "Was für ein Schädel!" Er wurde zwei Drehtage gebraucht, zweimal 110 Euro. Sehr gut. "Und ich bin im Trailer!" Sogar Leute aus Dresden haben den im Kino gesehen und angerufen. Dummerweise ist der Filmstart ungewiss.Vorletzte Woche stand Wolfgang Grossmann als Komparse für die Doku-Serie "Die Abzocker" in Berlin-Mitte auf der Straße. Er spielte einen betrogenen Geschäftsmann, was ihm 75 Euro einbrachte. Demnächst wird er Platten in einem Altenpflegeheim auflegen, vielleicht spricht sich das rum, und andere Heime melden sich.Zu gern würde er einfach mal ins Berliner Ensemble spazieren, Herrn Peymann Guten Tag sagen und sich als Schauspieler vorstellen. Aber so etwas traut er sich nicht. Dafür ist er zu schüchtern. Obwohl er ja eigentlich nichts zu verlieren hätte.Wolfgang Grossmann hat seinen Stolz. "Ich bin freischaffend. Ich bin gewissermaßen Mittelstand. Ich hätte gerne mehr Aufträge, aber ich bin auch so zufrieden. Hartz IV - das wäre für mich das letzte Rettungsseil, das allerletzte. "Er wartet auf eine Chance. Das muss keine große Rolle sein, nein, gar nicht. Es muss nur irgendwie weitergehen in kleinen Münzen. Er wäre eine sehr gute Nummer zwei, sagt er, der Mann hinter den Hauptdarstellern. Er könne auch jeden Soldaten, Wächter oder Pfleger spielen. "Das sehe ich alles."Über sein Alter spricht er nicht, das macht man nicht in dem Beruf. "Aber mit sechzig werde ich berühmt. Dann bin ich das neue unverbrauchte Gesicht!" ------------------------------Foto : Der Schauspieler Wolfgang Grossmann. Seine Jacke ist dem Bühnenkostüm der englischen Band "The Who" nachempfunden.

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