Jeder Goldgräber am Fluss Tuul hofft auf den großen Fund. Dafür riskiert er sein Leben. Leichter haben es russische Bagger: Der Mongolen-Schatz

ULAN BATOR. Es ist eine Mondlandschaft. So weit der Blick reicht, ist der Steppenboden aufgerissen, von unten nach oben gekehrt, zu kleineren und größeren Hügeln aufgehäuft. In den älteren Löchern haben sich Tümpel voll grünem, fauligem Wasser gebildet. Zwei Bagger graben an den Rändern des hundert Meter breiten Tagebaus, erweitern ihn stetig. Von Zeit zu Zeit dröhnt ein riesiger Lastwagen aus koreanischer Produktion vorbei ."Wir sind die Schafe, die sind die Wölfe", sagt Bata, den Blick auf das Tagebaugelände gerichtet. Er ist ein ruhiger und bestimmter Mann um die vierzig. Über der linken Augenbraue hat er eine Narbe und die Tätowierung am Hals lässt auf einen längeren Gefängnisaufenthalt schließen. Er ist der "Ataman", der gewählte Führer einer kleinen Gruppe von "Ninjas", wie man in der Mongolei illegale Goldgräber nennt. "Wir", das sind Batas Leute. Mit den "Wölfen" ist die russisch-mongolische Minengesellschaft "Altan Durnot" gemeint. Die Gruppe um Bata arbeitet neben dem Tagebau auf einem Gelände, das eigentlich dem Unternehmen gehört. Altan Durnot schickt in regelmäßigen Abständen private Sicherheitsmänner, um die Goldgräber zu vertreiben. Sie kommen immer wieder zurück.Das Wasser wird vergiftetDas Schürfgebiet von Altan Durnot zieht sich mehr als zwanzig Kilometer den Fluss Tuul entlang, derselbe Fluss, der auch durch die 300 Kilometer entfernte Hauptstadt Ulan Bator fließt. Vor dem Tagebau ist der Tuul ein klares Gewässer, dahinter eine trübe Brühe, die die Tiere der Nomaden, die in diesem trockenen Land jeden Tropfen Wasser schätzen, langsam vergiftet. Aber das interessiert die Regierung in Ulan Bator wenig. Man will das "gute Investitionsklima", das Bergbaugesellschaften aus aller Herren Länder in den letzten Jahren in die Mongolei gezogen hat, nicht stören. Die Belange einiger Nomaden ohne Lobby spielen keine Rolle.Größere Probleme bereiten die illegalen Goldgräber, deren Zahl in den letzten Jahren so rasant wie die Zahl der Tagebauflächen gestiegen ist. Allein im Norden und im Zentrum der Mongolei gibt es mittlerweile mehr als hundert davon und in ihrer Umgebung haben sich überall illegale Goldgräber niedergelassen. Mindestens 50 000 sollen es in der gesamten Mongolei sein.Den größten Tagebau, wie auch die größte Ansammlung von Goldsuchern, findet man hier, entlang des Flusses Tuul. Wohin das Auge blickt - überall in der hügeligen Steppenlandschaft stehen kleine Gruppen weißer Jurten, den kuppelförmigen mongolischen Filzzelten. Festere Bebauungen gibt es hier nicht, selbst Holzhütten sucht man vergebens. Die Gegend liegt tief in der reinen, baumlosen Steppenzone.In manchen Jurten leben ganze Familien, die selbst im Winter, wenn die Temperaturen unter vierzig Grad minus fallen, Gold auswaschen. Es sind entwurzelte Nomaden dabei. Studenten aus der Hauptstadt, die sich im Sommer etwas hinzuverdienen wollen, findet man unter den Goldsuchern, vor allem aber die Verlierer der Privatisierungen nach dem Ende der sozialistischen Ära. Dazu kommen Abenteuerlustige aller Art, angelockt von möglichen Verdiensten. Ein großes Goldstück und man hat ausgesorgt, so geht die Mär. In Wahrheit jedoch erzielen die meisten kaum zehn Euro am Tag - immerhin das Mehrfache dessen, was ein ungelernter Arbeiter in der Hauptstadt Ulan Bator verdienen kann.Insgesamt 5 000 Goldgräber sollen sich am Fluss Tuul niedergelassen haben. Ihnen sind kleine Lebensmittelgeschäfte gefolgt, die gleichfalls in Jurten untergebracht sind, Schnapsverkäufer und Prostituierte, Werkzeughändler und mit großen, Glitzerketten behängte Goldaufkäufer, die sich nur von einer Leibwache begleitet in die Nähe der Jurten wagen. Im Sommer kommen von weither Nomaden dazu, um den Goldsuchern Fleisch und vor allem Kumiss, das Nationalgetränk aus gegorener Stutenmilch zu verkaufen.Die Jurten stehen zwar alle in gehöriger Entfernung zum Tagebau, doch gearbeitet wird ganz in der Nähe der Bagger. Es geht um das Gold, das der Fluss hier in Jahrmillionen abgelagert hat. Lange wagten sich die Ninjas sogar auf das eigentliche Tagebaugelände von Altan Durnot, wenn sie genug Leute zusammen hatten - bis vor zwei Jahren die Situation außer Kontrolle geriet. Immer mehr Illegale strömten herbei, bis sich tausend Ninjas genau auf dem goldreichsten Abschnitt des Tagebaus niedergelassen hatten. Die Firma forderte die Regierung in Ulan Bator zum Eingreifen auf. Aber die zögerte. Die Mongolei ist dünn besiedelt, irgendwie ist fast jeder mit jedem weitläufig bekannt oder verwandt, man versucht, Konflikte friedlich zu regeln. Und dass es am Tuul nicht ohne Gewalt gehen würde, war klar.Schließlich schaltete sich die Minengesellschaft aus Moskau ein und drohte mit Konsequenzen. Kurz darauf rückten mehrere Hundertschaften Sonderpolizei an den Tuul. Auch das nützte nichts. Die Ninjas kehrten zurück, als die Polizisten weg waren. Doch dann erschoss der firmeneigene Wachschutz von Altan Durnot im Frühsommer vergangenen Jahres einen der Illegalen. Seither halten sich die Ninjas von den Baggern fern.Für Goldgräber wie Bata und seine Leute sind die guten Zeiten damit vorbei. Sie können nicht wie die Bagger einfach die oberen Bodenschichten abräumen, um an das Gold zu gelangen. Ihre Methode ist ungleich gefährlicher. "72 Stunden haben wir dafür gebraucht", sagt Enche, ein ehemaliger Mechaniker und Batas bester Freund, und zeigt auf eine Öffnung im Boden, die kaum mehr als sechzig mal hundert Zentimeter groß ist. Aber ein solches Loch kann bis zu dreißig Meter tief sein, und es gibt hier Dutzende solcher Löcher. Ein falscher Schritt und man ist tot.Graben ohne SicherheitJeweils nur ein Mann kann in der Grube graben, ein zweiter zieht die gefüllten Eimer mit einer primitiven Winde hinauf. Mit derselben Winde wird auch die Ablösung nach unten gelassen. Man klammert sich an das Hanfseil und hofft, dass sich nirgendwo eine Faser abgespult hat. Je tiefer das Loch, desto häufiger muss abgewechselt werden: In einer Tiefe von zwanzig Metern ist die Luft so schlecht, dass es keiner länger als eine halbe Stunde aushält. Gegraben wird so lange, bis entweder eine Goldschicht erreicht ist oder aber das Loch zu gefährlich wird. Abgestützt wird hier nichts, Holz ist in der Steppe viel zu teuer.Ist die Goldsohle erreicht, wird ein enger horizontaler Stollen gegraben: nicht mehr als einen halben Meter hoch und genauso breit. Er reicht gerade aus, um darin zu knien. Der Abraum wird an einen zweiten Mann weitergereicht, der den Eimer füllt. Jetzt zählt die Erfahrung. Ein Ninja muss spüren, wenn es aus der Decke über ihm mehr als gewöhnlich zu rieseln beginnt. Dann muss man sich sofort herausziehen lassen.Richtig gefährlich wird es, wenn einer auf Gold stößt. "Die Leute drehen durch, beginnen wie verrückt zu kratzen und vergessen alles um sich herum. Sie sehen nur noch Gold", sagt Enche. Die Ninja-Veteranen wissen ihre Gier zu zügeln. Meist sind es die Jungen und Unerfahrenen, die unter Tage ihr Leben lassen. Wie viele umkommen weiß niemand. Der Staat hat sich längst zurückgezogen. Doch fast jeder hier ist schon Zeuge von tödlichen Unfällen geworden.Es ist nicht viel Geld, für das die Ninjas ihr Leben riskieren, manchmal vergehen Wochen ohne Verdienst, manchmal findet sich so viel, dass an jeden hundert Dollar verteilt werden können. - lächerliche Summen im Vergleich zu dem, was Altan Durnot herausholt. 30 Millionen Dollar hat die Gesellschaft 2006 mit dem Tagebau verdient. Wenn das Gold alle ist, wird die Gegend am Tuul viele Jahrzehnte einer Wüste gleichen.------------------------------Karges weites LandDer Zusammenbruch des Sozialismus Anfang der 90er-Jahre führte auch in der Mongolei zu radikalen Umwälzungen. Zahlreiche Kollektivbetriebe, vor allem in der Landwirtschaft, gingen pleite, das Vieh wurde privatisiert. Frühere Angestellte verloren ihre Arbeit und fanden keinen Ersatz.Einige neue Verdienstmöglichkeiten entstanden im Bergbau. Die Weltmarktpreise für solche Metalle, die für die Stahlveredlung gebraucht werden, steigen seit 2000 - vor allem für Kupfer, Nickel und Molybdän. Diese Metalle findet man in der Mongolei, hektische Bergbautätigkeit begann - ähnlich wie in den Goldminen.Sehr dünn besiedelt ist das Steppen-, Wüsten- und Hochgebirgsland Mongolei: Es ist viereinhalb mal so groß wie Deutschland, hat jedoch nur zweieinhalb Millionen Einwohner. Nur zehn Prozent der gesamten Landesfläche sind bewaldet.------------------------------Karte: Schürfgebiet Altan Durnot------------------------------Foto: Ein Mann allein kann in diesen Goldlöchern graben - es ist lebensgefährlich. Frauen waschen später das Gold aus.------------------------------Foto: "Ninjas" heißen die Leute, weil sie mit den Goldwasch-Schüsseln auf dem Rücken an die "Ninja Turtles" aus dem Kinderfilm erinnern.