JAVA. Ein indonesisches Sprichwort sagt: Wer einmal einen Heiratsantrag ablehnt, findet keinen Mann mehr. Und ohne Mann, das bläuen die Mütter ihren Töchtern früh ein, ist eine Frau nichts wert. Nicht zu heiraten gilt in Indonesien als Schande, Kinder zu haben als Verpflichtung und großes Glück.Aber die 15 Jahre alte Ririn hatte gar keine Wahl, als ihre Mutter Sukinah voller Erleichterung den ersten Heiratsantrag für ihre Tochter annahm. Er kam von einem zehn Jahre älteren Reisbauern aus der Nachbarschaft. "Wir hatten kaum genug zu essen, ich war froh, die Sorge los zu sein", sagt Sukinah. "Sie war alt genug, um zu heiraten." Ririns Vater war vor Jahren gestorben, die Mutter zog das Mädchen alleine groß. Die Tochter fügte sich in die Ehe, weil es sich so gehört.Ririn und ihre Mutter leben in Tegaldowo, einem Dorf mit 200 Einwohnern in Zentraljava. Im kleinen Tempel am Dorfrand verheiratete der Imam das Mädchen vergangenen August. Ririns rundes Teenagergesicht war weiß geschminkt, ihre Lippen rot. Sie trug ein traditionelles langes Gewand und Silberschmuck. Die Mutter hatte ihr zuvor tagelang unermüdlich aufgezählt, was eine gute Ehefrau zu beachten hat: "Weine nicht und sei demütig!" Und: "Stelle keine Fragen!" Doch Ririn konnte die Tränen nicht zurückhalten. Die weiße Schminke verschmierte.Überhaupt hat sie viel geweint seitdem. "Ich fühle mich nicht bereit für die Ehe, immer noch nicht", sagt sie. "Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll, was er von mir erwartet."Zwar dürfen Mädchen in Indonesien offiziell erst mit 16 Jahren eine Ehe eingehen, doch nach Schätzungen wird mindestens jedes dritte früher verheiratet. Die Eltern fälschen die Geburtsurkunde oder bestechen einen Beamten. Manche Ehen werden nach islamischem Recht geschlossen, ohne standesamtliche Registrierung. "Kinderheiraten sind in Indonesien ein großes Problem", sagt Bekti Andari vom Kinderhilfswerk Plan International, das in Tegaldowo ein Projekt gestartet hat, um Mädchen vor früher Verheiratung zu schützen. "Schuld sind Armut und Tradition: Die Großeltern haben das ja auch schon gemacht - früh zu heiraten ist Teil der Kultur", erklärt Bekti Andari. "Für die Eltern fallen Kosten für Schule, Essen und Kleidung weg, sie bekommen außerdem einen Brautpreis. Und die Mädchen sagen Ja, weil sie ihren Eltern gehorchen müssen." Zwar wissen die meisten Eltern, dass ihnen Gefängnis drohen könnte - bis zu 15 Jahre Haft. Doch Traditionen sind auf dem Land stärker als Gesetze.Nach der Hochzeit zog der Ehemann zu Ririn und ihrer Mutter in das gelb-blaue Holzhaus, in dem das Mädchen aufgewachsen ist. Es besteht aus einem großen Raum mit Tisch, Bank und Bett. Neben der Tür schlafen die Kuh und die beiden Ziegen. Der Ehemann schlief hinter einem Vorhang auf dem Boden. Ririn spürte nichts, wenn sie ihren Mann ansah. Sie redete, um ihre Verzweiflung zu überspielen. Er schwieg. Sie schlief weiter im Bett ihrer Mutter und weigerte sich, bei ihm zu liegen. Nach drei Tagen zog er aus Protest wieder aus. Ririns Mutter schimpfte mit der Tochter, schlug sie, bedrohte sie. Ririn lenkte ein. Der Mann kam zurück.Sie legte sich zu ihm, zumindest in diesem Punkt konnte ihre Mutter ihren Willen brechen. Aber Liebe? Achtung? Respekt? Ririn schaut aus dem Fenster, ihr Blick ist leer. Ihr Mann redet bis heute nicht mit ihr. Das Schweigen verunsichert sie. Macht sie alles richtig? Jeden Morgen um vier steht sie auf, verrichtet ihr Morgengebet, macht Wasser heiß für den Tee, bereitet sein Frühstück. Bis sieben Uhr wäscht sie die Wäsche und putzt das Haus. Nachmittags kocht sie Essen für ihren Mann, der vor Sonnenuntergang von den Reisfeldern zurückkommt. Was will er denn noch?Schlimm sei ihr Neid auf andere Mädchen, sagt Ririn. Ihre Freundinnen gehen weiter zur Schule, sie nicht. Sie darf nicht mehr an den Dorfversammlungen teilnehmen, nur zusammen mit ihrem Ehemann. Doch der hat meist keine Lust nach den harten Tagen auf dem Feld. Sie fühlt sich ausgeschlossen, einsam. Welchen Sinn hat ihr Leben noch? Ihre Chancen auf einen Beruf sind bei null, dabei wäre sie gerne Lehrerin geworden.Heimlich verhütet sieOft langweilt sie sich. Sie möchte wieder mit ihren Freundinnen spielen, sich keine Gedanken mehr machen über die Feindseligkeit ihres Mannes. Klar, sie wird Kinder bekommen, irgendwann. Aber auch dafür fühlt sich Ririn noch zu jung. Sie erzählt, wie ein anderes Mädchen aus dem Dorf eine Fehlgeburt hatte. Alle drei Monate geht sie daher heimlich zu Suharti, einer Mitarbeiterin des Kinderhilfswerks, und holt sich eine Dreimonatsspritze um zu verhüten. Ihr Mann und ihre Mutter dürfen nichts davon erfahren. "Bevor ich 18 bin, will ich keine Kinder haben", sagt Ririn. Denn, das hat ihr Suharti erklärt, junge Mütter haben oft Probleme bei der Geburt, weil ihr Körper noch nicht robust genug ist für die Strapazen. Viele sterben sogar.Zwar propagiert Indonesiens Familienplanungsbüro, dass Frauen nicht vor 22 heiraten sollen. Man will die Geburtenrate senken. Doch Verstöße gegen die seit 1974 geltende Altersgrenze von 16 Jahren werden kaum verfolgt. Hoffnung macht ein Urteil vom Herbst 2010: Ein Gericht in Ungaran in Zentraljava verurteilte erstmals einen Moslem wegen sexuellen Missbrauchs zu sechs Jahren Haft, weil er ein zwölfjähriges Mädchen nach islamischem Recht geheiratet hatte. "Ein Bewusstseinswandel braucht Zeit", sagt Bekti Andari von Plan. Das Hilfswerk wolle mit Aufklärung dazu beitragen, in der Verwaltung wie in den Gemeinden. In vielen Dörfern wurden Kinderschutzkomitees gegründet.Die 15 Jahre alte Atik arbeitet in einem der Komitees gegen Kinderheirat mit. Sie kommt aus Dowan, dem Nachbarort von Tegaldowo, und geht in die 8. Klasse. In ihrem Dorf, erzählt sie, sind viele Mädchen ihres Alters schon verheiratet. Oft kämen Männer an die Schule, auf der Suche nach einer Ehefrau. Finden sie eine passende, verhandeln sie mit den Eltern den Brautpreis. Viele ihrer Mitschülerinnen sind schon einem Mann versprochen. Atik will, dass sich die Mädchen zu wehren beginnen. "Weil wir uns die Zukunft verbauen, wenn wir früh heiraten und die Schule abbrechen", sagt sie.Für Ririn kommt diese Aufklärung zu spät. Eine Scheidung erlaubt ihre Mutter nicht, eine Klage vor Gericht würde sie in ihrem Dorf zu einer Ausgestoßenen machen. Das Kinderhilfswerk will jetzt Gespräche mit der Mutter aufnehmen, ihr einen Mikrokredit anbieten, damit sie ein kleines Geschäft eröffnen und finanziell auf eigenen Füßen stehen kann. Der nächste Schritt wäre dann vielleicht die Scheidung, wenn die Mutter nicht mehr auf das Geld des Schwiegersohnes angewiesen ist. "Alles", sagt Ririn, "wirklich alles ist besser als mein jetziges Leben."------------------------------Foto: Die 15-jährige Ririn wäre gerne Lehrerin geworden.