Für gewöhnlich ist ein Buch kein Lustobjekt, nicht mal ein Kunstwerk. Ein gutes Buch im landläufigen Sinne ist ein stummer Diener des Wortes: Es sei von außen nett anzuschauen, der Schutzumschlag darf ein wenig werben, aber der Leinenanzug des Buchblocks soll sich unauffällig einreihen in die ehrwürdige Garderobe der Bibliothek daheim. Innen soll das Buch nicht blenden mit grellweißem Papier, der Satz soll nicht zum Blinzeln zwingen, es soll freundlich einladen zum Lesen.Wie frischgefallener SchneeJedes Jahr im November aber und in Hannover wird die Lust am Buch ausgelebt. Dann zeigen wie am vergangenen Wochenende auf der kleinen Buchmesse "Buchlust" zwanzig ausgesuchte Kleinverlage aus Niedersachsen und einem Gastbundesland, diesmal Hessen, ihre bibliophilen Werke ­ oder was man dafür halten soll.Damit der Messebesucher seine Meinung darüber, was denn ein Buch sei, unverzüglich vernachlässige, hatte man an den Eingang im Sprengel-Museum eine Galerie der Buch-Absonderlichkeiten gesetzt: Lehrlinge des Buchbindehandwerks stellten ihre Arbeiten zum Thema "Krimi" aus. Der Einband von "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" war bezogen mit weißem hochflorigen Stoff, der wie frischer Schnee funkelte und in den kleine Schuhtapsen geprägt waren, die sich als Wegspur um das Buch wanden. Ein wenig kalte Landschaft, ein bißchen Versuchung zum Streicheln. Die "Justiz" von Dürrenmatt hatte man in Gitter gebunden, ein anderes Buch war eingelegt in eine Spiegelschatulle und konnte nur im Spiegel gelesen werden, ein weiteres wurde durch ein feines Schachspiel begleitet, auf dem die Züge des Romans mitzuspielen waren. Ein Buch hatte sich sogar die Verwandlung in einen Grabstein gefallen lassen müssen, eines stak in einem sargförmigen Schuber.Als Auftakt stand diese Ausstellung handwerklichen Könnens ganz richtig, denn nach solch einer Belehrung mußte sich manches Werk eines professionellen Ausstellers als naive Bastelei entlarven lassen.Zum Beispiel die Editionen der "Galerie 13" aus Hannover. Sie bot Buchobjekte: originell (aber auch nicht mehr) war der transparente Plastikschlauch mit Ventil, gefüllt mit bedruckten Schnipseln und "Kleine Dichtung" betitelt. Fade die Damenhandtasche mit angehefteten Papierfetzchen: das "Taschenbuch". Das ist alt, schon vor mehreren hundert Jahren waren Bibeln in kleine lederne Säcke eingebunden, um sie besser herumtragen zu können. Und Bücher als Vitrine kennt im Prinzip jeder Krimifreund: Man höhle den Buchblock eines Wälzers mit dem Messer aus, deponiere darin seine Moneten, schlage den Deckel zu, und kein Mensch erahnt die verborgene Notgroschenkasse.Neun Kilo James JoyceDas kleinste Buch maß etwa drei mal drei Zentimeter, gefertigt von Wilfried Bohne, einem Könner: Schriftsetzer, Holzschneider und Graphiker und kein Mann für lärmige Sensationen. Bis auf sein über drei Meter langes Leporello zum Thema Bier, gebunden in blanke Holzdeckel. Aber besonders die Plakatgedichte und Druckgraphiken seiner Osnabrücker "Edition Klopfholz" verrieten handwerkliche und künstlerische Qualität. Die Holzschnitte und -stiche waren meisterlich fein, der Bleisatz sorgfältig, der Druck gestochen scharf auf feinem Echt-Bütten. Übrigens: Klopfholz heißt das Gerät, mit dem die Bleilettern auf eine Höhe geklopft werden, damit beim Druck keine Letter hochsteht und zerquetscht wird oder ein Loch in die Walze bohrt. Das Klopfholz schafft Ruhe in der bleiernen Kolumne ­ und die "Edition Klopfholz" war ein Ruhepunkt der "Buchlust".Neun Kilo wog das größte "Buchlust"-Buch: "Finnegans Wake" von James Joyce, zweisprachig und in einem Format von 30 mal 42 Zentimetern, angeboten vom Frankfurter Verlag Jürgen Häusser.Ein Sammelsurium der optischen und taktilen Verführung bot die "Edition Einstein" von Hans Witte. Der Pädagoge ist kein Druckprofi, aber ein vergnügter Künstler. Graphisch erlaubt er, was Spaß macht. So wirkt die Typographie mitunter laienhaft, der Satz ist typographisch oft fehlerhaft, die Druckqualität wäre jeden Lehrlings der Schwarzen Kunst unwürdig. Trotzdem: Hans Wittes Schwelgerei in der Materie, seine Liebe zum Papier, seine vielfältigen bunten Werke verraten den bibliophilen Genußmenschen, der sich um handwerkliche Konventionen zugunsten des eigenen Vergnügens am Experiment nicht schert. Das muß man einfach mögen.Jörg Bernkopf aus Achtrup macht seine Unwissenheit in handwerklichen Belangen sogar zur Künstlerphilosophie: In seiner "Edition Hundskopf" steht für ihn die Bildende Kunst in Gestalt seiner Holzschnitte vor der Handwerkskunst. So sind seine Bücher satz- und drucktechnisch ungenügend gearbeitet, brachten ihm aber im vergangenen Jahr dennoch den "Buchlust"-Preis des Publikums ein.Die "Buchlust" bot also verschiedene Qualitäten: Manches war verräterisch schlecht, andere, etwa der Göttinger Wallstein-Verlag, präsentierten Erstklassigkeit in modernen Druckverfahren, an denen sich große Verlage ein Beispiel nehmen können. Hier bemerkt der Leser die Typographie gar nicht, er liest störfrei und ohne Anstrengung der Augen, und das ist ein Hinweis auf handwerkliche Brillanz.Die "Buchlust" dokumentierte nicht nur Buchkunst. Es wurde zugleich deutlich, daß mit dem Aussterben traditioneller Handwerksberufe auch Kunstfertigkeit seltener wird. Schriftsetzer und Buchdrucker nach Gutenbergscher Manier findet man kaum. Kunst kommt eben doch nicht nur von Lust.