Der Besuch beim Frauenarzt war für Monika F. ein Schock. Ohne Beschwerden, nur zur Kontrolle, war sie zu ihm gekommen. Doch dann mußte sie erfahren, daß sich in ihrer Gebärmutter (Uterus) zwei tennisballgroße Myome gebildet hatten. "Das sind zwar gutartige Geschwülste aus Binde- und Muskelgewebe", erklärte der Gynäkologe. "Sie sind aber so groß, daß ich Ihnen dringend zur sofortigen Entfernung der Gebärmutter rate." Sein Hauptargument: Man wisse nicht, wie rasch die Myome gewachsen seien und ob sich daraus nicht in Kürze ein bösartiger Tumor entwickeln würde. Doch die Sechsundvierzigjährige hat ihre Gebärmutter vorerst behalten. Auf Anraten einer Bekannten ließ sich Monika F. von einem zweiten Gynäkologen untersuchen. Und dieser befand, der Ultraschallbefund gebe keinen Anlaß, eilig zu handeln. Man könne durchaus einen Monat abwarten und dann nachsehen, ob die Myome weiter gewachsen seien.Jedes Jahr lassen sich hierzulande rund 150 000 Frauen die Gebärmutter entfernen. Bei fast jeder zweiten von ihnen ist der Grund für die Operation ein Myom. Die Ursachen dieser gutartigen Wucherungen, die meist bei Frauen zwischen 35 und 55 Jahren auftreten, sind unklar. Bekannt ist nur, daß weibliche Hormone, Östrogene, das Wachstum von Myomen fördern. Manchen Frauen bereiten diese Geschwülste keinerlei Beschwerden. Bei anderen verursachen sie jedoch starke und lang anhaltende Regelblutungen, krampfartige Unterleibsschmerzen oder Probleme mit der Verdauung und der Blase. In seltenen Fällen kann daraus aber auch Krebs entstehen. "Bei einem bösartigen Tumor in der Gebärmutter gibt es keine Alternative zur Operation", sagt die Beauftragte für Frauenheilkunde der Berliner Ärztekammer, Regina Lutterbeck. Die Gynäkologin ist jedoch der Ansicht, daß die Gebärmutter hierzulande auch oft dann entfernt wird, wenn es gar nicht sein müßte. "Nur neun von hundert dieser Patientinnen leiden an einem bösartigen Tumor. Bei weiteren zehn Prozent ist die Operation aus anderen Gründen nötig." In allen anderen Fällen jedoch gingen die Meinungen von Experten darüber, ob die gesamte Gebärmutter entfernt werden muß, weit auseinander. Oft werde über schonendere Alternativen einfach nicht nachgedacht.Dies belegt eine aktuelle Befragung unter Berliner Chefärzten, die der gesundheitspolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen, Bernd Köppl, gemeinsam mit Lutterbeck und Vertreterinnen des FeministischenFrauenGesundheitszentrums (FFGZ) in Berlin vergangene Woche der Presse vorstellte. Wie die Sozialpädagogin Brigitte Sorg und die Politologin Monika Fränznick vom FFGZ berichteten, fragen viele Frauen vor der Operation gar nicht nach, ob die Gebärmutterentfernung (Hysterektomie) überhaupt nötig ist. Dabei gibt es, außer bei Tumoren, oft Alternativen zu dem massiven chirurgischen Eingriff, der nicht nur Schmerzen zur Folge haben kann (siehe Kasten). Manche Frauen haben danach wenn auch meist nur vorübergehend Probleme, den Harn zurückzuhalten oder den Darm richtig zu entleeren. Zudem ist bisher durch keine Studie belegt, daß die Operation die Lebensqualität deutlich verbessert. Ein Teil der Patientinnen leidet danach sogar unter depressiven Verstimmungen, vor allem dann, wenn kaum Zeit blieb, sich innerlich auf den Gebärmutterverlust einzustellen. Zudem ist der Eingriff nicht ungefährlich: Eine von 1 000 operierten Frauen stirbt an den Folgen der Operation.Um zu erfahren, wann führende Gynäkologen in Deutschland eine Gebärmutterentfernung für nötig halten, hatten sich die FFGZ-Mitarbeiterinnen Fränznick und Sorg an die 23 Chefärzte der gynäkologischen Abteilungen in Berliner Krankenhäusern gewandt. 15 von ihnen beteiligten sich an der Umfrage, in der sie zum Beispiel auch angeben sollten, unter welchen Umständen die Eierstöcke der Patientin mitentfernt werden sollten und ob sie für eine psychologische Betreuung der Patientinnen sorgen.Die Befragung zeigt, wie sehr das Schicksal der Patientinnen von der Einstellung der Mediziner abhängt: So berichtete ein Chefarzt, daß er von einer bestimmten Myomgröße an die Gebärmutter grundsätzlich herausoperiert. Einige seiner Kollegen hingegen lassen nichts unversucht, um den Eingriff zu umgehen. Ein Spezialist rät bei Beschwerden durch Myome stets zur Entfernung der Gebärmutter ein anderer empfiehlt in dieser Situation, statt des gesamten Organs nur die Wucherungen zu beseitigen. Für manchen Chefarzt ist auch eine starke Beckenbodensenkung Grund genug für eine Gebärmutterentfernung. Bei diesem Leiden sind Gewebe und Muskulatur im Unterleib so erschlafft, daß unter anderem Inkontinenzprobleme auftreten. Ziel der FFGZ-Mitarbeiterinnen ist es, die Zahl unnötiger Gebärmutterentfernungen zu verringern und möglichst schonende Verfahren durchzusetzen. Sie fordern rechtsverbindliche, medizinisch geprüfte Standards zur Qualitätssicherung dieses Eingriffs. Zum Beispiel solle vermieden werden, daß gesunde Organe wie die Eierstöcke dabei gleich mitentfernt werden, nur weil in diesen irgendwann Krebs entstehen könnte. Zudem wünschen sich Fränznick und Sorg einen Strukturwandel in den Chefetagen der Gynäkologie: Sie wollen einen stärkeren Einfluß von Frauenärztinnen im Krankenhaus bisher ist etwa unter den 23 Berliner Chefgynäkologen keine einzige Frau. Daß eine weibliche Sicht der Dinge erheblichen Einfluß auf die Therapiewahl haben kann, zeigte eine Schweizer Studie: Demnach raten Ärztinnen nur halb so oft zur Hysterektomie wie ihre männlichen Kollegen. Fränznick und Sorg fordern auch, daß Frauen vor einem Eingriff umfassender informiert werden sollten. Nicht nur, weil Frauen den Gebärmutterverlust dann besser verarbeiten. Eine Informationskampagne im Schweizer Tessin habe zudem gezeigt, daß die Zahl der Hysterektomien danach um ein Drittel zurückging. Für besonders wichtig halten die FFGZ-Beraterinnen auch, die Meinung eines zweiten Arztes einzuholen. "Man sollte dies zumindest in jenen Fällen zur Pflicht machen, wo der Arzt, der die Diagnose gestellt hat, als Belegarzt selbst operiert", ergänzte Köppl.Immerhin, so betonte der Politiker, sorge eine neue Ausbildungsregelung für Frauenärzte dafür, daß die Zahl der Gebärmutterentfernungen nicht mehr künstlich hoch getrieben wird. Inzwischen ist nämlich in fast allen Bundesländern eine Empfehlung der Bundesärztekammer umgesetzt, wonach nicht mehr jeder angehende Gynäkologe für die Facharztprüfung eine feste Anzahl selbst ausgeführter Hysterektomien vorweisen können muß. Jetzt genügt es, wenn die Frauenärzte in spe bei 100 Operationen "mitgewirkt", also assistiert, haben. Wer später selbst operieren will, muß heute eine zweijährige Zusatzausbildung anhängen.