Das Ganze ist Bewegung. Alles bewegt sich. Das ganze Sein bewegt sich und nichts ist in Ruhe. Alles schreitet voran und nichts wartet. Denn niemals aber ist nichts, immer wird etwas. Alles fließt, nichts ist fest. Das All fließt nach Art eines Flusses. Alles Wahrnehmbare fließt immer. Dadurch, dass das Sein alles im Fließen und Umwandeln hält, hat nichts des Wahrnehmbaren Standort und Ziel " Jeder Satz beschreibt einen hohen Bogen, jede Pause ist das Wasser, das langsam unter dem Bogen hindurchfließt.Die Stimme von Bernhard Minetti klingt so, als sei sie schon immer da gewesen. Ein Jahr ist es her, dass er gestorben ist: am 12. Oktober 1998. Am Dorotheenstädtischen Friedhof liegt er begraben. Aber seine Stimme, diese so gerne nachgemachte Stimme mit ihrem wegwerfenden Ton, sie ist noch lebendig, sie spricht von einem unsichtbaren Ort. Töne vom Band, ein Geist in der Unendlichkeitsschleife. Wer die Videoinstallation "Pantha Rhei" besucht ("50 Minuten 4 Monitore 4 Bänder") findet sich in einem leeren Theater wieder. Allein in einem Hinterhofraum an der Hasenheide in Kreuzberg."Ich bin der Nebel." Das waren, sehr aushauchend gesprochen, die Worte, die der 93-jährige Schauspieler zuletzt auf der Bühne gesagt hat, im "Ozeanflug" auf einem Stuhl sitzend. Bei der Trauerfeier hörte man sie wieder, und kürzlich wieder, als durch die Baustelle BE geführt wurde.Im Stükke Theater ist die Stimme von Minetti die Stimme von Heraklit. Ihr verleiht Minetti Gestalt. Und die Stimme von Heraklit ist die Stimme von Minetti. Ihm verleiht Heraklit Gehalt. 2 500 Jahre ist es her, dass er gestorben ist und auch begraben wurde. Aber seine Stimme ist Schrift geworden, sie lebt zwischen den Stimmen des Alltags: Keiner steigt zwei Mal in denselben Fluss. Keiner liest zwei Mal in demselben Buch. Bernhard Minetti liest am Anfang Heraklit und am Ende Epikur. In der Mitte liest Jutta Lampe Empedokles. Und unter den Stimmen liegen die Laute der Natur: Wind, Gewitter, Regen, fließendes Wasser, Wind Die Laute stehen für den Kreislauf, der in sich selbst kreist. Alles Einzelne verwandelt sich und hat doch Teil an einem wandellosen Sein. Und das spricht auch aus den Bildern. Der Drehort ist Rom. Die Kamera fährt langsam an den Aquädukten entlang, die früher das Wasser in die Stadt brachten. Dann an der Aurelianischen Mauer, die am Tevere südlich von Rom beginnt und nördlich von Rom am Tevere endet. Zwei Filme zeigen jeweils die Innen- und die Außenseite der Bauwerke, die zwei Filme werden auf vier Bildschirmen gezeigt, je einmal zeitversetzt um drei Sekunden. So wird auch die Bewegung der Bilder zu einem langsamen Strom, der den Zuschauer mit sich führt.Die Gedanken entstehen jetzt ganz sanft. Man kann sich treiben lassen, muss nicht verstehen wollen, sondern kann frei das eine durch das andere sich ergänzen lassen. Das Blut kreist, der Atem staut sich und verströmt in der Stimme, im gebauten Rhythmus der Sprache. Der Strom der Bilder ist eingebettet in einen Tag, entspringt beim ersten Licht und mündet in die Nacht. Durch die Brückenbögen immer wieder der Blick auf die ewige Stadt, den Verfall der ewigen Stadt und das Wachstum. Durch die Mauern sind Straßen gebrochen, Autos fahren so gleichmäßig wie die Kamera fährt, der Kopf eines alten Mannes gleitet vorüber, die Büste eines Kaisers, in Stein gehauen, zwischen den Bäumen, der blühende Oleander, Wäscheleinen, schlafende Menschen im Park, Museen, Snackbars, Verkehrsinseln. Jede Erscheinung taucht auf und verschwindet wieder. Alle Erscheinungen sind seltsam gleichberechtigt.So wie Mann und Frau, Schmerz und Lust, Liebe und Hass, Werden und Vergehen, Leben und Tod, Ewigkeit und Augenblick. Und weil von diesen unzertrennlichen Gegensätzen in Bildern die Rede ist, wird man still. Jedes Wort ist sozusagen ein Gewinn an Stille. Vergessene Philosophie, anzutreffen in Jakobine Engels Videoinstallation, in einer der wenigen dieser Art, wo das Mittel nicht schon der Zweck ist.Panta Rhei, 12., 19. Oktober um 20.00, 20.45, 21.30 Uhr, Stükke-Theater Hasenheide 54. 17-31. Oktober, Kunstfaktor Rheinhardtstraße 36