Wieder hatte Boris Jelzin den "richtigen" Zeitpunkt gewählt. Er empfing gerade Israels Premier Benjamin Netanjahu im Kreml, als sein Entschluß verkündet wurde, die Regierung zu entlassen. Bis auf Premier Viktor Tschernomyrdin und dessen neuen Ersten Stellvertreter Anatoli Tschubais müssen nun alle Kabinettsmitglieder den Hut nehmen. Tschernomyrdin hat innerhalb einer Woche seine neue Mannschaft vorzustellen. Die Auflösung des Kabinetts war bereits in der vorigen Woche Thema von Spekulationen in den russischen und ausländischen Medien. Doch die wichtigsten Tageszeitungen in der Hauptstadt Moskau mußten sich nach dreitägiger Frauentagspause gestern zunächst einmal mit der Ernennung Tschubais' zum Vizepremier befassen, die Jelzin - ebenfalls zeitlich geschickt - Freitag am späteren Abend bekanntgeben ließ. Ein Blatt, "Sewodnja", strafte das Ereignis in seiner gestrigen Ausgabe gar mit Nichtachtung. Beobachter vermuten darin ein erstes Anzeichen für eine neue Eskalation des Machtkampfes. Denn hinter "Sewodnja" steht der mächtige Moskauer Bankchef Gussinski, der sich persönlicher Protektion durch Bürgermeister Juri Luschkow erfreut. Dem waren in der Vergangenheit immer wieder Aufstiegs-Ambitionen nachgesagt worden. So ging die Wochenzeitung "Argumenty i fakty" vor kurzem noch davon aus, daß Luschkow Regierungschef werden und von dort aus als Jelzins Nachfolger an die Landesspitze aufsteigen könnte. Diese Perspektive scheint nun in weite Ferne gerückt. Denn seit gestern steht fest, wer künftig im Land das Sagen hat: Jelzins bisheriger Stabschef Tschubais. Ihm wird auch maßgebliche Ko-Autorenschaft an jener Rede zur Lage der Nation unterstellt, mit der Jelzin am vergangenen Donnerstag die bevorstehenden Veränderungen verbal einleitete. Mit scharfer Kritik hatte sich der Präsident sowohl gegen die beiden Kammern des Parlamentes als auch gegen die Regierung gewandt und sie für die Krise in nahezu allen Bereichen der russischen Gesellschaft verantwortlich gemacht. Dafür, daß Tschernomyrdin sowohl diese Kritik als auch die Ernennung Tschubais' recht ruhig hinnimmt, sieht die "Njesawissimaja gasjeta" nur einen Grund: Dem Premier sei garantiert worden, daß er Jelzin auf dem Präsidentenstuhl beerben werde, vermutete die Zeitung gestern. Zum endgültigen Feldzug gegen die "roten Direktoren" sei Tschubais nun angetreten, will die "Njesawissimaja gasjeta" wissen. Damit ist jene Gruppe ehemaliger sozialistischer Kombinatsdirektoren gemeint, die jetzt großen Aktiengesellschaften vorstehen. Das Blatt sieht mit Tschubais' Rückkehr in die Regierung die nunmehr "dritte große Veränderung der russischen Gesellschaftsordnung": Als Privatisator habe Tschubais 1991 die Eigentumsverhältnisse verändert, als Chefanalytiker in Jelzins Wahlkampfstab konnte er 1996 eine linke Renaissance verhindern, und jetzt wolle er schließlich die Vorherrschaft der alten Wirtschaftsnomenklatura brechen. Die neu zu bildende Regierung werde Tschubais dabei nur als höriges und flexibles Instrument dienen. Das befürchtet auch Grigori Jawlinski, Chef der "Jabloko"-Fraktion in der Staatsduma und im vorigen Sommer selbst Präsidentschaftskandidat. Er und andere Mitglieder der Fraktion lehnten bereits das Angebot ab, in der neuen Regierung mitzuarbeiten. Bei einem Gespräch mit Tschubais, so Jawlinski, habe er begriffen, daß er ins Kabinett gehen solle, um dort den Kurs Tschernomyrdins und seines neuen Ersten Stellvertreters auszuführen, "also jenes Programm, das uns auch in die jetzige Sackgasse geführt hat". Lauter werden unterdessen die Forderungen nach einer "Regierung der Nationalen Einheit", wie sie bereits nach der Präsidentenwahl im vergangenen Sommer diskutiert worden waren. Duma-Chef Gennadi Selesnjow (Kommunistische Partei) forderte von Minsk aus, zur Kabinettsbildung Konsultationen mit allen Fraktionen seines Unterhauses zu führen. Alexej Schochin, einer der Stellvertreter Selesnjows und Parteigänger Tschernomyrdins, erklärte in Moskau, die neue Regierung müsse sich auf eine breite soziale Basis stützen können. Er kritisierte gleichzeitig die Ernennung Tschubais' zum Vizepremier. Jetzt werde es die Kommunistische Opposition in der Duma leichter haben, ein Mißtrauensvotum gegen die ganze Regierung anzustrengen. In Moskau begannen indes Spekulationen über die Zusammensetzung der neuen Regierung. Alexej Kudrin, bisher Tschubais' Stellvertreter in der Präsidialverwaltung, könnte Alexander Liwschiz als Finanzminister ablösen. Außenminister Jewgeni Primakow äußerte sich dagegen zuversichtlich, daß er selbst im Amt bleiben werde. +++