JENS PETER JESSEN (1895-1944): Für meinen Vater war es eine rein politische Frage

Herr Jessen, Ihr Vater Jens Peter Jessen gehörte zum Kreis der Verschwörer. Sie selbst waren am 20. Juli 1944 19 Jahre alt. Wie haben Sie von dem Attentat erfahren?Ich war Soldat und in einem Schulungslager. Der Kommandeur rief uns zusammen und sagte, dass ein Anschlag gescheitert und unserem Führer glücklicherweise nichts passiert sei.Ahnten Sie da, dass die Bestrafung der Verschwörer auch Ihren Vater treffen würde?Ich befürchtete das. Als er einige Monate später verhaftet wurde, war ich nicht überrascht. Die Ansichten meines Vaters über den Nationalsozialismus waren mir bekannt, besonders weil sich mein älterer Bruder ständig mit ihm bei Tisch stritt. Dass man aber versuchen könnte, Hitler zu beseitigen, das wurde zu Hause nicht besprochen. Ich vermutete das allerdings gleich, zumal ich gewissermaßen verwickelt war in die Sache: Generaloberst Ludwig Beck wohnte hinter meiner Schule, und ich wurde öfters als Bote verwendet, um Nachrichten zu übermitteln.Was haben Sie denn von den Kontakten Ihres Vaters zu anderen Verschwörern mitbekommen?Die so genannte Mittwochsgesellschaft, die gelegentlich auch bei uns zu Hause stattfand, war eine Möglichkeit für die Beteiligten, sich zu treffen - notfalls auch vor oder nach diesen Sitzungen in unserer Küche oder im Keller. Ich habe einen Vortrag, den mein Vater dort halten wollte, für ihn vorbereitet: Es ging um den Niedergang des Römischen Reiches. Aber selbst war ich natürlich nicht beteiligt.Ihr Vater stieß schon vor 1933, als junger Ökonomie-Dozent in Göttingen, zur NSDAP, er verstand sich als Nationalsozialist. Später wurde er zum Gegner. Wie kam das?Gerade weil er zu den hoffnungsvollen Nationalsozialisten gezählt wurde, wurde er 1933 nach Kiel an das Institut für Weltwirtschaft und Seeverkehr berufen. Dort erlebte er, wie Parteiorgane und Geheime Staatspolizei außerhalb der Gesetze handelten. Dagegen hat er sich sofort gewandt. Und dann kam es zu den ersten Konflikten - es gipfelte in einer Hausdurchsuchung bei uns, schließlich wurde er nach Marburg strafversetzt - in Zusammenhang mit einem Schulungslager für den akademischen Nachwuchs. Otto Ohlendorf, der bei meinem Vater Assistent war, hatte ihm berichtet, was da gesagt worden war.Otto Ohlendorf machte Karriere im Sicherheitsdienst und leitete 1941/42 eine Einsatzgruppe in Russland. In Nürnberg wurde ihm der Mord an 90 000 Zivilisten vorgeworfen. Hat ihr Vater von ihm über die Ermordung von Juden erfahren?Ich glaube ja. Ohlendorf ist einmal da gewesen, in Uniform, und ich erinnere mich, dass meine Eltern empört waren. Es gab eine lange, intensive Beziehung zu Ohlendorf. Ich haben ihn noch einmal aufgesucht, als mein Vater verhaftet war, da war Ohlendorf hier im Wirtschaftsministerium. Mir hat besonderen Eindruck gemacht, als er etwas aus seiner Schublade nahm und darin ein Revolver lag. Da dachte ich, das ist ja wie im Kriminalroman! Er hat natürlich gesagt, dass er nichts machen könne.Ihr Vater war Offizier, zuständig für die Ausstellung von Passierscheinen. War der Gedanke, den Mann umzubringen, auf den man vereidigt ist, für ihn eine moralische Last?Es war kein moralisches Problem, sondern eine rein politische Frage, rein rational zu beantworten. Und er war auch emotional so aufgeladen, dass er schon deswegen keine Schwierigkeiten hatte.Haben Sie Ihren Vater nach der Verhaftung noch einmal gesehen?Ich wandte mich an den zuständigen Reichsanwalt und erhielt eine Erlaubnis - mit der Begründung, mit der Steuererklärung müsste was besprochen werden. Wir waren beide sehr gefasst und ich hatte das Gefühl, dass wir uns dann nicht mehr wiedersehen. Nach seinem Tod erhielten wir von der Haftanstalt eine Art persönlicher Verteidigungsschrift. Darin rückte mein Vater - so wie ich das auch gemacht hätte - die Treffen und die Mittwochsgesellschaft in ein wissenschaftliches Licht. Es sei darum gegangen, Vorschläge und Programme für die Regierung zu entwerfen.Wie wurde denn nach Kriegsende über den Tod Ihres Vaters und den 20. Juli gesprochen?Das kam gar nicht zur Sprache. Der 20. Juli wurde nur als Faktum behandelt. Allerdings wurde mein Vater als Folge der Verurteilung jeglicher Beamtenrechte für verlustig erklärt, und noch als die Bundesregierung schon etabliert war, war es ein Problem für meine Mutter, ihre Pension zu bekommen.Es gab in Westdeutschland zunächst starke Vorbehalte gegenüber den Verschwörern. Haben Sie selbst diese Erfahrung gemacht?Natürlich gab es das, und natürlich gab es 1952 den Prozess gegen Major Remer in Braunschweig, der die Leute vom 20. Juli als Landesverräter bezeichnet hatte. Da trat ich als Nebenkläger auf. Es war ein lohnendes Erlebnis, denn der Vorsitzende der Strafkammer war selbst Berufsoffizier und den ganzen Krieg an der Front gewesen. Er bekannte sich absolut dazu, dass es sich nicht um Landesverrat sondern um das Gegenteil gehandelt habe, aber er sagte doch, dass es für ihn als Frontoffizier eine einschneidende Erfahrung gewesen war. Damals war das alles noch, wie man heute sagt, hautnah.Das Gespräch führten Christian Esch und Stephan Speicher.------------------------------ Jens Peter Jessen, geboren 1895, war Professor der Staatswissenschaften in Berlin. Er verkehrte mit Beck, Popitz, Hassell und Goerdeler und anderen. Im Passamt des Generalquartiermeisters des Heeres konnte er Verschwörern Reisemöglichkeiten verschaffen. Seit einem Autounfall im Frühjahr 1944 verletzt, wurde er am 30. November 1944 in Plötzensee hingerichtet.------------------------------ Foto: Uwe Jessen, geboren 1925, Sohn von Jens Peter Jessen.