Jetsun Pema kommt direkt vom Flughafen zum Interview ins Möwenpick-Hotel am Anhalter Bahnhof. Gerade war sie noch in München, um den Dokumentarfilm "10 Fragen an den Dalai Lama" vorzustellen. Jetzt läuft sie durch die Lobby, nickt kurz herüber und zieht sich dann erstmal für eine dreiviertel Stunde auf ihr Zimmer im zurück. Vierundzwanzig Stunden wird sie in Berlin bleiben, ein gewaltiges Programm bis in den späten Abend wartet auf sie. Morgen geht es wieder nach München, dann nach Salzburg, überall Interviews und wichtige Treffen. Jetsun Pema ist das gewohnt. Mehrere Monate reist sie jedes Jahr durch die Welt. Bescheiden, ruhig und gelassen, immer für die Sache Tibets.Frau Pema, Ihr Bruder, der Dalai Lama, mahnt immer wieder, nicht die Wut und den Hass in sich zu nähren, sondern Verständnis zu haben, zu verzeihen und friedliche Wege zu suchen. Aber machen Sie die Vorgänge in Tibet nicht wütend?Doch, natürlich. Aber Wut ist nicht das Gefühl, das überwiegt. Je älter ich werde, desto weniger Aggressionen habe ich. Ich habe eher Gefühle von Traurigkeit und Hilflosigkeit. Das ist zwar auch nicht gerade etwas Positives, aber es ist besser als Hass. Mit Hass und Aggression erreicht man nichts.Spielt denn der Dalai Lama für die Menschen in Tibet überhaupt noch eine große Rolle?Ich glaube, 95 Prozent der Tibeter in Tibet lieben den Dalai Lama.Mehr Menschen als im Exil?Ja, vielleicht. Aber auch die meisten Exil-Tibeter lieben den Dalai Lama. Mit Ausnahme eines Teils der Jugend. Sie sind ungeduldig, sie haben das Gefühl, dass der Weg des Dialogs nicht zum Ziel führt. Sie halten den Dalai Lama für zu milde. Junge Leute sind immer aggressiver. Ich kann sie sogar gut verstehen, aber auch wenn man die Lage gar nicht religiös, sondern einfach nur sachlich betrachtet, bedeutet Gewalt schlicht Selbstmord für die Tibeter. Die chinesische Regierung wird jede Gewaltäußerung grausam niederschlagen. Den Gedanken, dem ein Teil unser Jugend anhängt - dass man mittels Gewalt den Preis für die chinesische Regierung so hochtreiben könnte, bis sie ihn nicht mehr zu zahlen bereit ist - halte ich für absurd. Die chinesische Regierung würde sich das niemals bieten lassen, und sie wird uns Tibet auch niemals zurückgeben. Sie hat die Tibeter zu einer Minderheit im eigenen Land gemacht.Es leben heute rund sechs Millionen Tibeter und 7,5 Millionen Chinesen in Tibet.Und mit der neuen Eisenbahnstrecke nach Lhasa werden im Lauf der nächsten zwei, drei Jahre weitere zwei Millionen Chinesen hinzukommen. Junge Chinesen verstehen Tibet als Teil von China, und sie sehen die neue Verkehrsanbindung als Erschließung, die ihnen einen neuen Besiedlungsraum eröffnet. Die Tibeter sind aber nicht nur eine Minderheit im eigenen Land, sie werden in jeder Hinsicht als Menschen zweiter Klasse behandelt. Auf Dauer wird so unsere gesamte Kultur verloren gehen. Deswegen setzt Seine Heiligkeit auf den Dialog. Er sagt, wir wollen eine Autonomie, die es ermöglicht, innerhalb Tibets unsere Kultur und unsere Religion leben zu können. Wenn unsere Sprache, gesprochen und geschrieben, nicht mehr erhalten wird, dann ist das unser Ende. Es ist das Ende eines jeden Volkes, einer jeden Nation, wenn es seine eigene Sprache verliert. Die Sprache, das ist die Identität.Haben Sie deshalb in Ihrem indischen Exil in Dharamsala eine Betreuung für tibetische Waisen- und Flüchtlingskinder und ein eigenes tibetisches Schulwesen aufgebaut?Ja, wir versuchen Kindern zu geben, was sie in Tibet nicht bekommen - eine moderne Ausbildung, die gleichzeitig tief in ihrer eigenen Kultur und Religion wurzelt. Inzwischen gibt es neun große Tibetan Children's Villages über ganz Indien verstreut. Allein in Dharamsala versorgen wir über 2000 Kinder und Jugendliche. Seit 1979 kommen jedes Jahr aus Tibet zwischen 700 und 1500 Kinder zu uns.Wieso kommen die Kinder nach wie vor? Die Zustände in Tibet sind sicher nicht erfreulich, aber die Grausamkeiten der 60er und 70er Jahre sind doch vorbei.Sie kommen, weil ihre Eltern darin eine Chance sehen. Tibetische Kinder bekommen in Tibet nicht automatisch einen Schulplatz, und viele Eltern sagen auch, dass sie lieber möchten, dass ihre Kinder in Indien als Tibeter aufwachsen, als dass sie in Tibet zur Schule gehen und zu Chinesen umerzogen werden.Aber ist der Preis dafür nicht ziemlich hoch?Die Kinder, die von Tibet kommen, riskieren ihr Leben. Es gibt Führer, die sie über die Grenze nach Nepal bringen, von dort reisen sie dann weiter nach Indien. Die meisten kommen im Winter, sie müssen die chinesischen Grenzkontrollen umgehen und wählen dafür unwegsame und hohe Wege. Viele von ihnen haben erfrorene Finger und Füße, wenn sie ankommen. Sie haben meist ohnehin schon viel gelitten in ihrem Leben. In den ersten zwei Jahrzehnten hatten wir es mit schwer traumatisierten Kindern zu tun, von denen viele mit ansehen mussten, wie ihre Eltern oder andere Verwandte und Nachbarn vor ihren Augen gefoltert oder sogar getötet wurden. Heute ist die Lage in der Regel nicht so dramatisch, aber die Kinder bringen trotzdem schlimme Erfahrungen mit. Oft haben sie erlebt, wie ihre Eltern von den Chinesen geschlagen, die Großmütter herumgestoßen wurden. Sie haben die Ängste und Repressionen des allgegenwärtigen Spitzelsystems erlebt. Die Kinder und die Eltern, die sie schicken, setzen alle Hoffnung in Seine Heiligkeit und in uns, und wir müssen unser Bestes tun, um ihre Wunden zu heilen.Gehen von diesen Kindern wieder welche nach Tibet zurück?Jedes Jahr entscheiden sich zwischen zehn bis 15 Prozent der Jugendlichen, nach Tibet zurückzukehren.Weil sie in Tibet etwas verändern möchten?Sie gehen vor allem zurück, weil sie bei ihren Eltern und Verwandten leben möchten. Wir legen den Kindern das nicht nahe, wir versuchen ihnen zu helfen, ihren eigenen Weg zu finden. Wir wollen sie unterstützen, aber nicht indoktrinieren oder manipulieren.Sie haben Anfang der 70er Jahre in Dharamsala die Montessori-Pädagogik eingeführt, zu einem Zeitpunkt, als man das in Westeuropa auch gerade als Alternative zum herkömmlichen Schulsystem zu entdecken begann. Wie kamen Sie dazu? Zehn Jahre zuvor haben Sie mit Ihrer Familie noch fast wie im Mittelalter gelebt?Sehen Sie, ich habe nicht Pädagogik studiert. Damals haben wir uns auf die Suche begeben, wir haben recherchiert, alle möglichen Pädagogik-Bücher gelesen und uns gefragt, was davon gut für unsere Kinder sein könnte. Montessori schien uns etwas sehr Gutes zu sein. Unsere Kinder wachsen ohne Eltern auf, sie brauchen viel individuelle Aufmerksamkeit. Die Montessori-Pädagogik ist darauf ausgerichtet, Kindern genau diese individuelle Aufmerksamkeit zu geben. Es ist auch ein System, das den Kindern sehr viel Freiheit gibt, ihre eigenen Fähigkeiten und Interessen zu entdecken. Das ist sehr gut für sie, es macht sie seelisch stabil.Sie sind 1959 aus Tibet geflüchtet und leben jetzt seit fast fünfzig Jahren in Dharamsala. Wie muss man sich das Leben dort vorstellen?Es ist sehr unterschiedlich. Im Winter ist Dharamsala sehr leer. Es liegt Schnee, die Temperaturen sind weit unter Null und da wir kaum Möglichkeiten haben zu heizen, sind die Schulen für zwei Monate geschlossen. Viele besuchen dann ihre Familien, aber kurz vor dem tibetischen Neujahr sind alle wieder da. In Dharamsala leben 12 000 Menschen, davon sind 3000 Inder. Von den 9 000 Tibetern sind viele noch sehr jung.Was bedeutet das Exil für Sie nach einer so langen Zeit?Es leben 100 000 Exil-Tibeter in Indien, Nepal und Bhutan, weitere 30 000 leben verstreut im Rest der Welt. Was uns alle miteinander verbindet, ist die Exilregierung in Dharamsala. Der Dalai Lama hat 1961 ein Regierungssystem mit demokratischer Struktur auf den Weg gebracht. Alle Tibeter können alle fünf Jahre ihre Repräsentanten wählen. Wir haben eine Mini-Regierung mit Vertretern aus Kanada, den USA, Europa, sogar aus Lateinamerika. Die Verbindung aus unserer Mini-Regierung und unserem Bildungsauftrag ist es, was uns verbindet. In Indien sind wir in 56 verschiedene Gebiete aufgeteilt. Dharamsala liegt im Norden, aber die meisten Exil-Tibeter leben im südlichen Indien. Aber wir haben Magazine und eigene Zeitungen, und die jungen Leute bringen ihre eigenen Sachen in tibetisch oder englisch heraus. Wir sind ohne Land, aber unsere Bindung aneinander funktioniert.Hat sich im Exil eine akademische tibetische Elite heraus gebildet?Von den Kindern aus den Tibetan Children's Villages absolvieren anschließend cirka 22 Prozent ein Universitätsstudium. Das mag im Vergleich zu westeuropäischen Standards nicht nach sehr viel klingen, aber angesichts unserer Verhältnisse und angesichts dessen, dass viele dieser Kinder aus analphabetischen und kaum alphabetisierten Familien kommen, sind wir auf dieses Ergebnis sehr stolz. Wir haben auch lokale Trainingscenter, um in anderen Berufen auszubilden. Und wir haben uns jetzt entschieden, auch eine eigene Universität aufzubauen.Wird das die erste tibetische Universität überhaupt sein?Nein. Viele der Klöster in Tibet hatten früher ihre eigenen Colleges. Es gab dort natürlich keine moderne Ausbildung, aber es wurde buddhistische Philosophie auf sehr hohem Niveau gelehrt. Dieses hohe Niveau in der buddhistischen Lehre ist ein Teil unserer Geschichte. Um ein tibetischer Doktor zu werden, brauchte es neun bis zehn Jahre des Studiums. Die Klöster haben hoch gebildete Menschen hervorgebracht, nur eben nicht in einem modernen Sinn. Heute haben wir das natürlich, Ingenieure, Architekten, westlich ausgebildete Ärzte und auch hervorragende Handwerker.Die Lebensgeschichte Ihrer Familie hat den Regisseur Martin Scorcese zu dem biografischen Film "Kundun" inspiriert. Mit Brad Pitt in der Hauptrolle wurde "Sieben Jahre in Tibet" über die Freundschaft zwischen dem österreichischen Bergsteiger Heinrich Harrer und dem jungen Dalai Lama gedreht. Tatsächlich mutet die Geschichte Ihrer Familie wie ein exotisches Märchen an. Sie sind als arme Bauernfamilie aufgewachsen, wurden dann zur Regentenfamilie erhoben und haben alles wieder verloren. Sie mussten fliehen und haben mit dieser Flucht gleichzeitig einen Sprung vom Mittelalter in die Moderne absolviert.Es ist wirklich wie ein exotisches Märchen, sogar für mich. Als ich geboren wurde, war der Dalai Lama fünf Jahre alt, er war bereits als Reinkarnation erkannt, und meine Familie lebte bereits in Lhasa. Meine Mutter hat sechzehn Kinder auf die Welt gebracht, von denen sieben die Kindheit überlebten. Meine älteste Schwester war zwanzig Jahre älter als ich, und ich bin mit einer gleichaltrigen Nichte und einem gleichaltrigen Neffen aufgewachsen. Als ich neun Jahre war, wurden wir drei gemeinsam in ein indisches Internat nach Darjeeling geschickt, das war 1949, ein knappes Jahr, bevor die Chinesen in Tibet einmarschierten. Für mich selbst waren die Sprünge also nicht so gewaltig, aber für meine Eltern war das alles unglaublich. Sie waren sehr einfache Bauern in einem kleinen Dorf im Osten Tibets. Sie haben auf dem Feld gearbeitet, sie hatten ein paar Schafe und Kühe, die von meiner Mutter gemolken wurden. Es war ein sehr einfaches Leben. Und dann hat sich alles verändert, nachdem ihr zweijähriger Sohn bei reisenden Mönchen Gegenstände des dreizehnten Dalai Lama erkannte und daraufhin als seine Reinkarnation entdeckt wurde. Meine Eltern waren aus ihrem Dorf zweieinhalb Monate auf den Pferden unterwegs, um Lhasa zu erreichen. Die Regierung gab ihnen dort ein großes Haus und viele Diener und überschrieb ihnen Ländereien. Ihr Sohn lebte fortan im Potala-Palast, er war der Dalai Lama, und sie lebten mit all diesen aristokratischen Familien. Die Aristokratie, das waren die Familien der früheren Dalai Lamas und die Offiziellen der Regierung, sie waren die High Society der Stadt. Meine Mutter war nun ihre First Lady.Wie hat sie das verkraftet?Meine Mutter war eine sehr weise Frau, es ist ihr nicht zu Kopf gestiegen. Sie wusste, wer sie war und was sie wollte. Sie war zwar auf einmal reich, aber sie ist mit all den Dienern in die Küche gegangen und hat mit ihnen gemeinsam gebacken und gekocht, schlicht, weil sie das mochte. Sie hat in der Küche gestanden und Brot gebacken und es dann hoch gebracht zu Seiner Heiligkeit in den Potala-Palast.Waren Sie auch einmal im Potala?Meine Mutter hat mich manchmal mitgenommen. Es war ein sehr anstrengender Weg, man musste Tausende von Stufen emporsteigen. Lhasa liegt am Fuß des Bergs und der Potala auf dem Gipfel, man muss erst die Felsenstufen hinaufsteigen und dann die Stufen des Potala. Es ist ein gewaltiger Palast mit weit über tausend Räumen, und Seine Heiligkeit residierte natürlich ganz oben. Der Potala ist ein unendlich beeindruckendes Gebäude, aber er ist auch sehr düster. Es gibt dort keine verglasten Fenster, sondern nur winzige Ausgucklöcher.Sie haben einmal gesagt, an einem Ort wie dem Potala-Palast hätten Sie nicht einen Moment vergessen können, dass der Dalai Lama Ihr Herrscher ist. Als Bruder konnten Sie ihn erst später im Exil empfinden.Ja, auf einmal haben wir im Exil zusammengelebt. Der Dalai Lama hatte zwei Räume, meine Mutter hatte einen, und meine Schwester und ich jeweils auch. Wir haben nur die Türe aufmachen müssen, und schon waren wir beieinander. Alles hat sich verändert, auf einmal saßen wir wie eine ganz normale Familie zum Essen gemeinsam am Tisch. Ich war allerdings nur für einige Monate dabei, denn dann bin ich auf Familienbeschluss für zweieinhalb Jahre in der Schweiz zur Schule gegangen, um mich weiter zu bilden und französisch zu lernen. Danach war ich für neun Monate in England, um Stenografie- und Schreibmaschinenkurse zu besuchen. Ich war viel zu ungeduldig, um zu studieren, ich war auch nie eine besonders gute Schülerin. Ich wollte praktisch etwas tun, ich wollte als Sekretärin in der Verwaltung seiner Heiligkeit arbeiten. Ich bin noch drei Monate in die USA gereist und ging 1964 nach Indien zurück.Und dort ist alles ganz anders gekommen, als Sie es geplant hatten.Kurz nach meiner Rückkehr ist meine ältere Schwester gestorben. Sie hatte sich in Dharamsala um die Waisenkinder gekümmert, und ich habe ihre Arbeit übernommen. Da war ich 23 Jahre alt. Ich habe insgesamt 42 Jahre mit den Kindern gearbeitet, aber jetzt bin ich Rentnerin.Sie sind Rentnerin? Ich denke, Sie gründen gerade eine Universität.Ich mache fast nur das Fundraising, und das ist wunderbar. Ich kann viel über das Internet erledigen und treffe auf meinen Reisen ein paar Leute. Es ist ein sehr einfacher Job.Sie waren auch die erste weibliche Ministerin in der tibetischen Exilregierung.Ich wurde mit 70 Prozent gewählt. Es war eine große Ehre, aber ich war gar nicht glücklich. Ich bin eine sehr praktische Person und mag die Politik mit dem vielen Gerede nicht. Ich gehe lieber in den Klassenraum und schaue, ob die Kinder einen guten Lehrer haben, prüfe, wie das Essen ist, das man ihnen gibt. Ich gehe in die Küche und schaue, wie gekocht wird. Aber als Minister kann man so etwas nicht tun. Man muss auch alles gut verstehen, damit man eine richtige Entscheidung trifft. Aber das konnte ich nur schwer, da alle Schreiben auf tibetisch waren. Ich habe mich mein ganzes Leben für den Erhalt unserer Sprache und Schriftkultur eingesetzt, aber ich selbst hatte nie Zeit, die Schrift zu erlernen. Ich musste mir also alles übersetzen lassen, und das war keine vernünftige Grundlage. Vier Mal habe ich mein Abschiedsgesuch eingereicht, aber Seine Heiligkeit hat es jedes Mal abgelehnt und gesagt, bleibe noch ein bisschen. Also war ich drei Jahre im Amt, aber zuletzt hat er aufgegeben und meinem Rücktritt zugestimmt.Ihre ganze Familie, Ihre Brüder und Schwester waren maßgeblich am Aufbau des Exillebens beteiligt. Haben inzwischen die Neffen und Nichten das politische Erbe angetreten?Nein, einer meiner Neffen arbeitet für den Dalai Lama, und ein anderer wurde ins Parlament gewählt. Aber meine beiden Kinder und meine Neffen und Nichten gehen ihre eigenen Wege. Wir haben so viele fähige junge Leute, wir müssen ihnen eine Chance geben. Es ist besser, im Hintergrund mitzuwirken. Es wäre falsch, wenn die Familie des Dalai Lama die Verantwortung übernähme, die Menschen selbst übernehmen die Verantwortung. Nur so kann es für alle auf eine gute Weise weitergehen. Die Kinder und jungen Leute, die im Exil aufgewachsen und auf unsere Schulen gegangen sind, sie sind jetzt Mitglieder des Parlaments, sie sind Regierungsbeamte und leiten unsere Geschicke.Sie sind jetzt eine moderne Exil-Demokratie, allerdings mit dem Dalai Lama als Oberhaupt. Glauben Sie noch an Dinge wie die Reinkarnation?Ich hatte einen Bruder, der jung gestorben ist, und der Lama sagte, verbrennt seinen Körper nicht, bewahrt ihn auf, denn er will wiederkommen. Der Lama hatte mit einer Bürste etwas Yakbutter auf den Rücken meines toten Bruders gestrichen, und als mein jüngster Bruder geboren wurde, hatte er genau an dieser Stelle ein von der Form her sehr ähnlich aussehendes Mal. So sagen wir also, dass mit ihm der tote Bruder wiedergekommen ist. Wir haben ihn damit manchmal auch aufgezogen. Aber alle Buddhisten glauben an Reinkarnation, glauben daran, wiedergeboren zu werden. Wenn man in diesem Leben als Mensch auf die Welt kommt, heißt es nicht, dass es im nächsten auch passieren wird. Als Mensch geboren zu werden, ist ein großes Privileg. Ich kann auch als Insekt, als Tier wiedergeboren werden.Im Buddhismus heißt es, wer ein gutes Leben führt und anderen Gutes tut, verbessert damit auch die eigenen Chancen auf eine bessere Reinkarnation. Ist das nicht ein etwas billiges Geschäft?Heißt es nicht im Christentum auch: Du wirst ernten, was du gesät hast?Trotzdem handelt es sich doch um eine etwas fragwürdige Form der Selbstlosigkeit.Wenn man das Glück hat, als menschliches Wesen geboren zu werden, dann sollte man dieses Leben sinnvoll leben. Und ganz sicher sollte man nicht Gutes tun, um später eine bessere Wiedergeburt zu haben. Das wäre selbstsüchtig. Und wer weiß denn schon, was kommt? Nein, man sollte das tun, wovon man glaubt, dass es das Richtige ist. So sollte man das verstehen. Das Karma meines nächsten Lebens, ich weiß nicht, was es werden wird. Keiner weiß es, leider!Nur der Dalai Lama weiß schon jetzt, was er werden wird.Ach nein, er weiß es auch nicht. Er ist auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut. Obwohl er natürlich besonders ist. Manchmal habe ich das Gefühl, er kann meine Gedanken lesen. Er kann sagen, woran ich denke, bevor ich es ausspreche. Einmal war sich meine Schwägerin unsicher, ob sie ihn wegen eines Traums um Rat fragen sollte, und als sie den Raum betrat, sagte der Dalai Lama: Und, was für einen Traum hast du gehabt? Manchmal ist er so.Sie meinen, der Dalai Lama kann Gedanken lesen?So direkt könnte ich das auch wieder nicht sagen. Aber er ist eine sehr klare, pure Seele, und all die Meditation, all das Lernen ist noch dazugekommen. Ich glaube schon, dass er eine besondere Intuition hat, eine, die wir nicht haben.Ist es richtig, dass vor allen wichtigen Entscheidungen Astrologen befragt werden?Nein, keine Astrologen, aber ein Orakel. Die tibetische Regierung hat ein staatliches Orakel, und das wird bei Entscheidungen auch befragt. Das tun wir fast alle. Es funktioniert oft.Sie fällen keine wichtigen Entscheidungen ohne eine Weissagung?Nein, so ist es nicht. Bei allem, was mit meiner Arbeit beim Tibetan Children Village zusammenhängt, diskutiere ich mit meinen Kollegen, und aufgrund dieser Diskussionen treffen wir unsere Entscheidungen. Ich halte mehr davon, die Dinge zu analysieren und auf dieser Grundlage eine Entscheidung zu treffen, der Buddhismus ist eine sehr analytische Religion. Wenn man durch eigene Überlegungen die Lage überschauen kann, sollte man nicht ein Orakel befragen, denn es kann nicht alles sehen. Es ist immer besser, wenn man die Dinge selbst versteht und sich mit seinen Kollegen verständigt. Aber wenn ich zum Beispiel beim Arzt bin und in Frage steht, ob eine Operation notwendig ist, dann hole ich mir eine zweite Arztmeinung ein. Fällt die anders aus als die erste, kann ich nicht allein feststellen, welche die bessere für mich ist. Dann gehe ich zu einem Lama, lege ihm dar, was die Ärzte gesagt haben, und frage ihn.Und halten Sie sich dann an seine Antwort?Ja, das tue ich!------------------------------Zur PersonJetsun Pema wurde 1940 in Lhasa geboren. Ihre Mutter brachte insgesamt sechzehn Kinder zur Welt, von denen sieben die Kindheit überlebten. Pema ist das sechste dieser Kinder, sie ist fünf Jahre jünger als ihr Bruder Choekyong Tsering, der im Alter von zwei Jahren als Reinkarnation des Dalai Lama anerkannt wurde.Nach einem Collegeabschluss im indischen Darjeeling und Schulbesuchen in der Schweiz und England war Jetsun Pema seit 1964 maßgeblich am Aufbau der Tibetan Children's Villages beteiligt. Heute umfassen die TCV Projekte fünf Children's Villages mit angegliederten Schulen, sieben Residential Schools, sieben Tagesschulen, zehn Tagesbetreuungscenter, vier Berufliche Training Centers, vier Jugendhostels und vier Altersheime. Die TCV betreut über 15 000 Kinder und Jugendliche.Jetsun Pema ist zum zweiten Mal verheiratet. Mit ihrem ersten Mann hatte sie zwei Töchter und einen Sohn, eine Tochter starb vor drei Jahren an einer Gehirnblutung.Tibet wurde 1950/51 unter Mao Tse-tung von China besetzt. Als 1959 ein Aufstand gegen die Besatzer misslingt, flieht der 14. Dalai Lama nach Indien und gründet in Dharamsala eine Exilregierung. Im Rahmen der maoistischen Kulturrevolution werden ab 1966 tausende von Tempeln und Klöstern, zum Teil im 8. Jahrhundert erbaut, zerstört, die buddhistische Religion wird verboten. 1989 kommt es zu neuen Aufständen, im gleichen Jahr erhält der Dalai Lama den Friedensnobelpreis. Bei den Unruhen in Tibet ab März dieses Jahres sollen 130 Menschen ums Leben gekommen sein. Weltweit bekundeten Menschen ihre Solidarität mit Tibet. Der Fackellauf der Olympischen Spiele geriet zum Desaster für China, das sich daraufhin zu Gesprächen bereit erklärte. Sie verliefen bislang ergebnislos.