Jette Steckel inszeniert "Caligula" in der DT-Box: Die Menschen sterben, und sie sind nicht glücklich

Irgendetwas hat Caligula, den jungen Kaiser, aus der Bahn geworfen. Nackt, in eine schmierig gelbe Decke gehüllt, trottet er wie ein gestrandeter Fitzgeraldo mit Kinski-Mähne und irrem Blick in die kleine, dunkle Box des Deutschen Theaters ein und verkriecht sich gleich wieder hinter die Zuschauerreihen. Ein junger Turnschuhlakai aus seinem jugendlichen Hofstaat eilt hinterher, entdeckt ihn und entlockt dem Kauernden erste Bekenntnisse: Nach dem plötzlichen Tod seiner Geliebten (und Schwester) Drusilla hat Caligula eine grausame Wahrheit entdeckt: "Die Menschen sterben, und sie sind nicht glücklich".Camus selbst nannte diese Wahrheit eine Binse. Das Grausame ist: eine andere gibt es nicht. In späteren Schriften wird Camus "absurdes Klima" dazu sagen und eine ganze Philosophie darauf bauen. Die Welt ist nicht so, wie man sie sich denkt und erst recht nicht, wie man sie sich wünscht, erkennt der Kaiser. Der Tod kommt, wann er will und alle Ordnung ist zeitlich begrenzt, so sehr sich der Mensch auch nach Gültigkeit sehnt. Widersprüche herrschen, doch will sich Caligula nicht beherrschen lassen, weshalb er von nun an alles höhere Schicksal und alle irdische Ordnung in seine eigenen Hände nimmt, um das Unmögliche möglich zu machen. Der erste Befehl lautet: den Mond herbei schaffen. Die zweite: alle Patrizier zugunsten des Staates enterben und sie rasch umbringen.Wer Caligula für einen Verrückten hielte, der irrt allerdings. Der 25-jährige Albert Camus, Schauspieler, Regisseur und Autor seines eigenen kleinen Theaters in Algier, hat sich die Rolle des Tyrannen 1938 selbst auf den Leib geschrieben. Gespielt hat er ihn nie, doch verstand er den Caligula als Denkfigur. Man muss ihn als einen unglücklichen Vorläufer des "absurden Menschen" begreifen, den Camus später als glücklichen Sisyphos beschreibt. Caligula hat zwar erkannt, dass alle Sinnstiftungen nur Trostpflaster sind. Völlig dunkel aber bleibt ihm noch, wie und nach welchem Maß soll man in einer sinnlosen Welt leben?Caligula wird dieses Maß nie finden, sondern wüten und morden und an der gleichgültigen Sinnleere zugrunde gehen. Seine Erkenntnis wird zum Todesurteil für viele, wofür Regisseurin Jette Steckel und Bühnenbildner Florian Lösche ein ungeheuer sprechendes Bild gefunden haben: Unerbittlich summt ein alter Kopierapparat vor sich hin. Er ist Spiegel und Guillotine für den Gewaltherrscher zugleich und schillernder Dreh- und Angelpunkt ihrer spannungsreichen Inszenierung einer "Tragödie der Erkenntnis". Fast jeder, auch jeder Zuschauer, wird an diesem Abend einmal sein Gesicht auf das Gerät gelegt und ein Bild von sich produziert haben, das später an der Hinterwand hängt in einer gespenstigen Galerie lebendig toter Gesichter. Und seine Untertanen führt Caligula zum Kopierer wie zum Schafott.Der Tod bringt Caligula zum Denken, und die Tyrannei des Caligula scheucht seine Untertanen auf. Das ist das Experiment, mit dem Camus die gewohnheitsmäßig eingerichtete Wertewelt einreißt. Steckel geht einen Schritt weiter und lässt das Publikum durch die hauchdünnen Zivilisationsmasken ihrer eigenen Gesichter blicken, indem sie deren kopierte Negativportraits wie Totenmasken von der Bühne zurück starren lässt. Die Vergänglichkeit ebnet alle Hierarchien ein und an die Stelle der Tiefe tritt eine Vielzahl von Fratzen.Im Maskenspiel zwischen dem Todesengel Caligula und seinem heuchelnden, rebellierenden Hofstaat erweist sich der feinnervige Mirco Kreibich als Meister der Verstellungen: größenwahnsinnig, kleinlaut, bübisch, zynisch ist sein Kaiser. Und trotz mancher Slang-Billigkeit, die sich einschleicht, blitzt in seiner "falschen Freiheit" auch der Keim auf, der wahr spricht.------------------------------Caligula, 17. September, 20.30 Uhr in der DT-Box, Tel.: 28 44 12 25------------------------------Foto: Nackter Kaiser auf Sinnsuche - Alwara Höfels und Mirco Kreibich.