CHARLOTTENBURG-WILMERSDORF. Mit 16 musste sie die Schule verlassen, Geld verdienen. Mit 17 Jahren leitete sie ein kleines Kulturhaus im Brandenburgischen. Mit 18 ging sie über die Grenze, wohnte fortan in Hildesheim. Sie heiratete. Mit 19 kam das erste Kind, mit 20 das zweite. Als sie 27 Jahre alt war, wurde sie zum dritten Mal Mutter. Einige Jahre später zog sie mit Mann und Kindern nach West-Berlin. Im Alter von 35 Jahren ließ sie sich scheiden und zog die Töchter und den Sohn allein groß. Vier Jahre später holte sie ihr Abitur im zweiten Bildungsweg nach, studierte Soziologie, Psychologie und Philosophie. Als sie 50 Jahre alt wurde, feierte sie ihre Promotion. Jetzt ist Marianne Suhr 68 Jahre alt und hat ihr viertes Buch fertig. Das erste, der Erzählungsband "Männergeschichten", veröffentlichte sie 2004 - in einem Alter, in dem sich andere zur Ruhe setzen.Doch ein stilles Rentnerdasein ist nichts für die agile Frau, die fünf Jahre an der TU lehrte und bis zum Jahr 2000 in der Senatsbauverwaltung arbeitete. Auch deshalb sitzt Marianne Suhr seit 1999 für die Sozialdemokraten in der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf, seit 2001 ist sie deren Vorsteherin. Doch trotz des politischen Engagements und trotz ihrer zweiten Eheschließung 2001 mit einem Architekten - etwas fehlte, merkte sie. Also erfüllte sie sich einen Traum: Sie begann zu schreiben. Schon als Kind hatte sie gern Geschichten verfasst, als junge Frau konnte sie sogar eine Erzählung an eine Illustrierte verkaufen. Doch dabei blieb es zunächst - später veröffentlichte die Soziologin Forschungsarbeiten und Fachaufsätze.Nun schreibt sie Belletristik. Auf "Männergeschichten" folgte "Hermann", eine traurig-schöne Novelle über einen Ost-Berliner Rentner, dem auf einer Reise das Fremde näher kommt. Fertig ist auch "Trasimeno", benannt nach dem See in Mittelitalien. Dabei geht es um ein spätes Coming-out. Und "Kein Abel" ist ein Roman über zwei Brüder. Über die Veröffentlichung verhandelt die Autorin noch mit Verlagen. Dabei arbeitet sie bereits am nächsten Werk, in das auch Autobiografisches aus ihrer Jugend in der DDR einfließen soll.Männer sind ihre bevorzugten Protagonisten. Warum, begründet sie mit ihrer langjährigen Erfahrung als Soziologin: "Über Männer zu schreiben, ist unkomplizierter. Die lassen sich etwas leichter durchschauen als Frauen."------------------------------Foto: Marianne Suhr, seit 2004 auch Autorin.