Die Begriffe scheinen zusammenzugehören: Schönheit und Glück. Wer schön ist, darf sich glücklich schätzen. Wer schön ist, hat oft auch Erfolg, also Glück. Und bedeutet nicht ein hässliches Äußeres das Unglück schlechthin? Da mag man noch so viel von inneren Werten reden, eine dicke Warze im Gesicht zieht alle Blicke auf sich. Das nach eigener Aussage mit 18 Kliniken in Deutschland führende Schönheitsinstitut, Medical One, wünscht nun die Probe aufs Exempel. Es hat eine wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben mit dem Titel: "Machen Schönheitsoperationen glücklich?"Natürlich rechnen die Auftraggeber mit einem satten Ja. Sie verdienen am Schönheitsstreben der Menschen - mit mehr als 25 000 Operationen allein im Jahr 2006 - und sind überhaupt daran interessiert, dass das Thema Schönheitschirurgie in Deutschland mit mehr Selbstverständlichkeit betrachtet wird, so wie in den USA oder in Spanien."Sieht ganz natürlich aus"Eine wie Christiane K. aus Stuttgart, die sich vor einem Monat die Brüste vergrößern ließ, ist hier zu Lande eher selten. Sie gibt bereitwillig am Telefon Auskunft: "Ich steh dazu, man soll es ja auch sehen. Ich hatte nie viel Busen und durch den Sport ist es noch weniger geworden. Jetzt habe ich richtig schöne Brüste." Sie arbeitet, wie sie sagt, in der Fitnessbranche und hat zwei Jahre für die Brustvergrößerung gespart. "Aber nicht, dass Sie glauben, ich hätte mir so'n Amibusen machen lassen! Es sieht ganz natürlich aus, meine neue Körbchengröße ist zwischen B und C. Und ich bin superglücklich." Frau K. hat ihre ersten Fragebögen für die Glücks-Studie schon ausgefüllt. Die Teilnehmer werden vor dem Eingriff und zu drei verschiedenen Zeitpunkten danach befragt.Man sagt, Deutschland steht an sechster Stelle, wenn man die Zahl der Operationen auf die Bevölkerungszahl umrechnet. Man sagt auch, dass die Zahl steigt, vor allem bei Männern. Aber es ist schwierig, konkrete Angaben dafür zu finden. Ästhetisch-plastische Chirurgen und andere, die wie Hals-Nasen-Ohren- oder Augenärzte ebenfalls optische Korrekturen vornehmen, sind in verschiedenen Verbänden organisiert, die eigene Statistiken führen. Ulrich Renz spricht in seinem Buch "Schönheit. Eine Wissenschaft für sich" von rund 450 000 schönheitschirurgischen Behandlungen in Deutschland im Jahr 2004. "Die meisten Kunden sind nach den entsprechenden Studien mit dem Ergebnis zufrieden", schreibt Renz. Und er fragt: "Ob sie danach auch mit ihrem Leben zufriedener sind?"Darauf zu antworten, ist nun der Part von Jürgen Markgraf, Psychologieprofessor an der Universität Basel. Er hat den Fragebogen für die Glücks-Studie entwickelt. Weil das Glück als solches so schwer zu fassen ist, wird nach Wohlbefinden, Zufriedenheit und ähnlichen Kriterien gefragt. Auf einer Skala von eins bis zehn geben die Menschen an, wie sehr oder wie wenig Aussagen zutreffen. Außerdem werden sie gefragt, ob sie hinsichtlich des Merkmals, das sie verändert wünschen, unter Leidensdruck standen - also wegen kleiner Brüste, einer schiefen Nase oder zu dicker Beine. Der Psychologe sagt: "Wenn schöne Menschen erfolgreicher sind, wie es oft heißt, dann könnte man das ja durch eine OP beeinflussen. Das ist unser Thema."Vielleicht muss man aber langfristigere Zeiträume beobachten. Ulrich Renz verweist in seinem Schönheits-Buch auf eine schwedisch-niederländische Untersuchung, derzufolge Frauen mit Brustimplantaten in den Jahren nach der Operation "eine um das Dreifache erhöhte Selbstmordrate" aufwiesen. Und sogar Axel Neuroth, Chef der Düsseldorfer VIP-Ästhetik-Klinik, warnt: "Schönheit und Glück sind enge Geschwister und dennoch keine Garantie füreinander." Obwohl auch seine Klinik "enorme Jugendlichkeit, Frische und Dynamik" verspricht. Immerhin regt sich, je mehr öffentlich von Schönheitsoperationen gesprochen wird, auch eine Gegenbewegung, die Models mit Falten und Pölsterchen zeigt. Aber wer würde denen nacheifern wollen? Es sind die Jungen, Schönen, Schlanken, die akzeptiert sind.Oliver Wagner, Vorstand der Medical One, betont, nicht schuld daran zu sein, dass die aktuelle Studie eigentlich heißen müsste: "Machen Schönheitsoperationen bei Medical One glücklich?" Denn sämtliche etwa 1 000 Teilnehmer der Befragung werden beziehungsweise wurden in einer Klinik seines Unternehmens operiert. Konkurrierende Institute waren eingeladen, sich zu beteiligen, lehnten aber ab. Nun wird in jedem Bericht über die Studie dieses eine Unternehmen genannt - was mittelbar vielleicht die Kosten der Studie wettmacht. Nicht nur die Uni wird bezahlt, auch jeder Teilnehmer wird mit bis zu 350 Euro für seine Mitarbeit entschädigt.Jürgen Margraf, der die Wahrnehmung des Äußeren bisher nur bei seinen Forschungen zu Essstörungen untersucht hat, ist jedenfalls neugierig auf seine Arbeit: "Die psychologischen Auswirkungen eines selbst bestimmten Eingriffs zu untersuchen, finde ich sehr interessant", sagt er. Im Herbst des nächsten Jahres wird man mehr wissen. Dann soll die Studie abgeschlossen sein.------------------------------An Haut und HaarEine Statistik der Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie besagt, dass nach Angaben ihrer 445 Mitglieder im Jahr 2005 in Deutschland rund 150 000 Schönheitsoperationen durchgeführt wurden. Es gibt jedoch auch andere Zahlen.Die gefragtesten Eingriffe sind bei Männern und Frauen identisch: Es handelt sich um laserchirurgische Eingriffe im Gesicht, Fettabsaugungen und Lidplastiken. Bei Männern erfreuen sich Haartransplantationen wachsender Beliebtheit.Eine Umfrage aus dem Jahr 2004 ergab, dass 70 Prozent der Deutschen keine Einwände mehr gegen Schönheitschirurgie haben.Vor einer Operation sollte man sich vor allem gründlich beraten lassen und mehrere Meinungen einholen. Discountangebote verlocken zu vorschnellen Entscheidungen.Der Autor Ulrich Renz bietet auf seiner Internetseite viele zusätzliche Informationen zum Thema:www.schoenheitsformel.de------------------------------Foto: Für die Schönheit unters Messer: letzte Vorbereitungen auf eine Operation.

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