Der Sibirier Jewgeni Jewtuschenko ist Schamane im Hauptberuf. Diesen Beruf auszuüben, war freilich nicht leicht im Rußland dieses Jahrhunderts. Zwar projizierte die dort länger herrschende Ideologie das Glück und die Erlösung weit hinaus in eine leuchtende, geradezu jenseitige Zukunft, aber insgesamt ging es doch eher materialistisch und atheistisch zu. Jewtuschenko ergriff die Profession des Dichters und konnte - nicht immer unbedrängt - weiter seinem Hauptberuf frönen. Er tut es bis heute. Und wie er mit seinem tranceartigen Tanz-Sprech-Gesang zuerst sich selber und dann den Saal des Berliner Ensembles in Schwingungen versetzte, war ein Beleg dafür, daß seine schamanische "Maniefähigkeit" seit den 60er Jahren - als er anläßlich seiner "Lesungen" Stadien füllte - nicht abgenommen hat. Nur die Knochen, das gab er zu, waren früher elastischer. Stuntman für Juhnke Sein Gesprächspartner Heiner Müller, Metaphysischem ebenfalls nicht abgeneigt, geriet darüber so in Entzücken, daß er weniger reden, und schon gar nicht vorlesen wollte. Zumal er sich nur als "Stuntman für Harald Juhnke" auf dem Podium sah. Und damit es "dem großen Künstler Harald Juhnke" recht bald besser gehen möge, wurden die Gläser auf sein Wohl erhoben. Müller - na, klar - zischte da wohl den ersten Whisky des Abends, Jewtuschenko trank standesgemäß Wodka. Ansonsten beschränkte sich der BE-Hausherr vor allem aufs Zuhören, warf nur gelegentlich eine Anekdote ein (wie etwa Chruschtschow und Ulbricht in einer Berliner Klozelle erwischt wurden, als sie ungestört reden wollten) und hin und wieder ein Sprengsel MarxFoucaultBaudrillardSchmitt. Von Funke zu Funke Es war ein überaus unterhaltsamer und spannender Abend, und das lag wohl vor allem daran, daß die beiden Gesprächspartner weitgehend aneinander vorbeiredeten. Was gibt es Öderes als ein aufgeregtes Streiten, bei dem keiner ein Jota von seiner Position abweicht, oder den Austausch tiefsinniger Reflexionen, die nur ein stummes Nicken zulassen? Jewtuschenko und Müller warfen sich von unterschiedlichen Ebenen die Gedanken zu, und ein jeder antwortete nicht eigentlich, sondern griff sich heraus, was er als Anregung brauchen konnte. Die Repliken entzündeten sich an einem Funken und verselbständigen sich dann. Und einer hörte dem anderen beinahe andächtig zu.Andreas Christoph Schmidts zurückhaltende Moderation und Übersetzung war sehr angenehm und behinderte nicht. Müller über seine Schwierigkeiten, in Kalifornien Havannas zu erstehen - Jewtuschenko über den jungen Castro, die heutige Kuba-Krise, Revolution, Fanatismus, den jungen Lenin und die Möglichkeiten der Entspannung. Feindvernichtung schafft neue Feinde und neues Blut, lautet Jewtuschenkos Conclusio, und Müller bestätigt: Das sei wie mit Grass' neuestem Buch. Die Schläge, die der Autor einstecken müsse, seien letztlich ein Resultat des Untergangs der DDR und des ganzen Ostblocks. Ein Vakuum sei entstanden, aber noch immer sei man fixiert auf einen Feind, lauere verdeckt hinter einem Baum, und plötzlich kommt der ahnungslose Grass mit einem neuen Buch daher Das fällt wieder Jewtuschenko ein: Es gehe aber auch mit der großen Geste des Ausgleichs. Wie auf jenem Moskauer Empfang mit Ronald Reagan während der Gorbatschow-Zeit. Ein sowjetischer Literaturfunktionär spricht Reagan mit "Genosse" an und nennt die beiden Friedenskönige "einen kollektiven Jesus Christus". Und Reagan, angesprochen auf seinen spektakulären Radioauftritt, in dem er das "Reich des Bösen" identifiziert hatte, wischt das mit versöhnlichem Lächeln vom Tisch: "Ach, Ihr Lieben, das waren doch nur Dummheiten, nicht der Rede wert."So spricht man sich durch die Jahrhunderte, vom Bauernkrieg zur Französischen Revolution, vom Gulag zum Zweiten Weltkrieg, von den Revolutionen zur Buchproduktion, von der Kulturpflicht des Staates zum "Kapitalismus mit menschlichem Antlitz". Bruderküsse Irgendwann erwacht in Müller wieder die Lust an der schamanischen Theatralik, und er nötigt Jewtuschenko freundlich, mal wieder ein Gedicht vorzutragen. Der tut's, Sergej Gladkich übersetzt tapfer vom Blatt, und Jewtuschenko legt nach. Diesmal mit einem feurigen Poem, bei dem es ihn nicht mehr auf der Bühne hält, sondern in den Zuschauerraum zieht. Am Ende gab es viel Applaus, herzliche Umarmungen und: endlich mal wieder Bruderküsse! +++