INTERVIEW: WIEBKE HOLLERSEN UND MARIN MAJICA (TEXT) UND GERD ENGELSMANN (FOTO)Herr Wales, stimmt es, dass Sie deutsch sprechen?Ein bisschen, nicht gut.In Ihrem Wikipedia-Nutzerprofil steht, dass Sie Deutsch lernen.In letzter Zeit bin ich nicht oft dazu gekommen. Ich habe alle Lektionen von meinem Audio-Sprachkurs gemacht. Wenn Leute langsam mit mir reden, kann ich etwas verstehen. Deutsch ist eine sehr schwierige Sprache.Warum lernen Sie sie dann?Ich weiß auch nicht.Sie wissen es nicht?Ehrlich gesagt, wegen Wikipedia. Deutsch ist bei uns die zweitwichtigste Sprache, Wikipedia war in Deutschland immer sehr erfolgreich und in der Wikipedia-Community gibt es jede Menge Deutsche. Ich habe vor ein paar Jahren beschlossen, dass ich nicht so ein schrecklicher Amerikaner sein will, der nur Englisch spricht. In der Schule hatte ich Latein, ich wollte noch eine Sprache lernen. Allerdings bin ich nicht mehr sicher, ob Deutsch eine besonders praktische Sprache ist. Fast jeder Deutsche, den ich treffe, spricht perfekt Englisch.Die nächste Frage ist ein bisschen persönlich: Wann haben Sie eigentlich Geburtstag?Ich wurde am 7. August 1966 geboren.Das steht auch in der englischsprachigen Wikipedia. Im deutschen Eintrag heißt es, dass Sie am 7. oder am 8. August geboren sind.Es gibt verschiedene Quellen. Mein offizieller Geburtstag ist der 8. August, weil dieses Datum auf meiner Geburtsurkunde steht. Aber wenn Sie meine Mutter fragen, wird sie sagen, dass ich am 7. geboren wurde. Spät nachts, gegen halb zwölf. Als der Arzt die Formulare ausfüllte, hat er einen Fehler gemacht.Die deutschsprachige Wikipedia hat nach der englischsprachigen die meisten Einträge, sie gilt als die akkurateste. Stimmt das?Ich kann nicht besonders gut Deutsch lesen, aber ich höre das oft. In gewisser Weise hat die englische Version von Wikipedia die höchste Qualität, weil sie viel mehr Einträge hat als jede andere. Aber ich habe auch das Gefühl, dass die deutsche Community schon immer mehr Wert auf Qualitätskontrolle legt. Die Deutschen sind nicht so anarchisch.Haben Sie eine Erklärung dafür?Wenn ich in Deutschland danach gefragt werde, sage ich immer: Das liegt daran, dass die Deutschen so klug sind.Und in Amerika, was sagen Sie da?Ich sage: In Deutschland gibt es eine lange Geschichte großartiger Enzyklopädien, das ist hier ein Teil der Kultur. Und, das ist ein Klischee, aber ich glaube, da ist etwas dran: Deutsche sind sehr an Qualität interessiert. Ich meine, Sie stellen den Mercedes her, wir den Chevrolet.Die deutsche Abteilung von Wikipedia hat gerade ein Jahrbuch herausgebracht. Es ist das erste Wikipedia-Buch auf der Welt.Oh ja, sie haben es mir gezeigt.Es sieht aus wie ein traditionelles Lexikon. Was halten Sie davon?Das ist wirklich cool. Aufregend. Ich habe schon ziemlich früh gesagt, es wäre toll, eine gedruckte Ausgabe für das Regal zu haben. Das Buch, das es jetzt gibt, ist ziemlich dick und schwer. Ich bin gespannt, was die Leute mit diesem Buch anstellen, wozu sie es benutzen. Ich glaube, es gibt Gründe für ein echtes, physisches Buch. Es kann bequem sein, es auf dem Schreibtisch stehen zu haben, um etwas nachzuschauen. Na ja, ehrlich gesagt, ist es ziemlich bequem, auf die Wikipedia-Website zu gehen.Viel bequemer.Das Buch ist vielleicht einfach etwas, was man gern besitzt. Ich habe mal mit einem Chefredakteur der Encyclopedia Britannica gesprochen, der sagte mir: Wir waren uns immer bewusst, dass wir mit zweierlei handeln - mit Wissen und mit Möbelstücken.Stellt ein Wikipedia-Buch die Idee des Online-Lexikons nicht auf den Kopf ?In gewisser Weise schon. Es wäre interessant zu sehen, ob ein Buch in Gegenden Erfolg hätte, wo es keine Computer und keinen Internetzugang gibt. So ein Buch würde man allerdings nicht in deutscher Sprache benötigen. Wenn es Französisch oder Englisch wäre, könnte man es in afrikanischen Schulen verteilen.Das Buch soll jedes Jahr erscheinen und die zehntausend jeweils am häufigsten aufgerufenen Einträge enthalten.Ein Grund, es sich als Schnappschuss der Geschichte zuzulegen. In zwanzig Jahren kann man sehen, was wir mal für Barbaren waren, für was für Zeug wir uns interessiert haben.Jeden Tag benutzen Millionen Menschen auf der ganzen Welt Wikipedia. Was ist das für ein Gefühl?Großartig. Wenn ich reise, und besonders, wenn ich junge Leute treffe, erstaunt es mich immer wieder. Letztes Jahr war ich in Indien, ich habe auch einen Slum in Delhi besucht. Dort habe ich einen jungen Mann getroffen, der mir erzählte, er habe Wikipedia benutzt, um sich auf seine Abschlussprüfungen in der Schule vorzubereiten. Und er hat bestanden. Wir standen da mitten im Schlamm, zwischen Kühen, in einer Siedlung, in der die Lebensbedingungen schwierig sind. Aber er kam irgendwie an einen Computer mit Internetanschluss und fand Wikipedia. Das sei sehr nützlich gewesen, sagte er. Er hat mir auch erzählt, dass er Wikipedia benutzt hat, um nach Anmachsprüchen zu suchen.Hatte er damit auch Erfolg?Ich habe ihn gefragt, ob es geklappt hat, aber sein Vater stand neben ihm und sah verärgert aus. Ich habe später mal nachgeguckt: Es gibt gar keine Anmachsprüche auf Wikipedia. Aber einen guten Link.Fühlen Sie sich persönlich für Wikipedia verantwortlich?Bis zu einem gewissen Punkt. Aber eigentlich ist Wikipedia ein Produkt dieser wunderbaren Community und die Community trägt die Verantwortung. Meine Verantwortung ist es, weiterhin über die Werte zu sprechen, die für uns wichtig sind. Qualität, Gemeinschaft, Offenheit, Vielfalt, Neutralität.Was ist Ihre Definition von Wahrheit?Wahrheit ist, die Fakten der Realität anzuerkennen. Für mich ist Wahrheit etwas Objektives. Das mag einige Leute überraschen, die glauben, dass ich an Wahrheit als ein soziales Konstrukt glaube. Das tue ich aber nicht. Es gibt Fakten, die wir kennen können. Aber wir erkennen sie nicht automatisch. Das ist tatsächlich ein sozialer Prozess. Dialog, Diskussion und Debatte - das ist der beste Weg, um das zu testen, was wir zu wissen glauben. Nur weil hundert Menschen etwas behaupten, ist es nicht wahr. Aber wenn hundert Wikipedianer etwas behaupten, könnte es lohnen, sich das mal genauer anzusehen.Wer ist dann ein Experte für Sie?Auch da habe ich eine eher traditionelle Meinung. Ein Experte ist für mich jemand, der weiß, worüber er redet, dem man anmerkt, dass er sich in der Materie auskennt, nicht nur oberflächlich, sondern auch mit den tieferen Zusammenhängen. Weniger traditionell bin ich, was den Glauben an herkömmliche Zeugnisse und Titel betrifft. Sie reichen nicht aus, um Expertentum zu belegen. Es ist überraschend, wie viele Leute ziemlich viel über Dinge wissen, ohne dass sie irgendetwas formal als Experten ausweist.Können Sie ein Beispiel nennen?Wer sind die Experten für die Popmusik der Achtzigerjahre? Nun, vermutlich keine Professoren mit einem Abschluss in diesem Fach. Sondern Amateure, die sich mit dieser Musik beschäftigen, ohne dafür ausgebildet zu sein. Sie lieben diese Musik einfach und kennen sich damit aus. Ein anderes Beispiel: Ornithologie, also Vogelkunde. Das ist ein Forschungsgebiet, in dem die ernsthaften, akademischen Wissenschaftler schon immer auf die Amateure angewiesen waren, auf die Vogelbeobachter. Es gibt zu wenige Wissenschaftler auf diesem Gebiet, um alle Vögel auf der Welt zu beobachten. Die Leute, deren Hobby das ist, nehmen Daten auf und an Studien teil. Unter der Woche sind sie Büroangestellte, am Wochenende sind sie Vogelkundler.Es lebe der Amateurforscher.In anderen Gebieten haben Leute, die das Fach nicht studiert haben, tatsächlich wenig Ahnung, wovon sie reden. Physik ist ein klassisches Beispiel. Im Internet gibt es ziemlich viele Verrückte, die über Physik schreiben, aber keinerlei Ahnung haben. Die sind nicht besonders hilfreich.Wenn Sie nicht an Zeugnisse und Titel glauben, wie finden Sie dann heraus, ob jemand ein Experte ist oder ein Verrückter?Es gibt keine magische Antwort. Zeugnisse und Titel können ein Hinweis sein. Aber vor allem ist es ein sozialer Prozess. Wenn es eine Gruppe von Menschen gibt, die gern über Vögel schreiben, und sie lernen sich über Wikipedia kennen, dann können diese Menschen schnell einschätzen, was die anderen so wissen. Es gab den Vorschlag, ein Bewertungssystem bei Wikipedia einzuführen. Man könnte dann ein Fünf-Sterne-Autor sein, oder nur ein Zwei-Sterne-Autor, je nachdem, wie die anderen dich beurteilen. Wir wollten das aber nicht. Unser Verständnis von der Qualität der Arbeit eines Menschen geht viel weiter. Sie würden wahrscheinlich auch nicht gern zur Arbeit gehen, wenn Sie einen Anstecker tragen müssten, auf dem steht, wie viele Sterne Sie für Ihren Schreibstil von den anderen bekommen haben.Es heißt, Wikipedia mache Wissen demokratisch.Kommt darauf an, was man unter demokratisch versteht. Dass jeder einfachen, schnellen Zugang zu Wissen hat? Dann stimmt es. Bei uns können außerdem viel mehr Menschen an der Produktion von Wissen teilhaben, als das früher der Fall war. Was man auch als Demokratisierung von Wissen betrachten kann, ist, dass bei Wikipedia nicht nur bestimmte Themen für würdig befunden werden. Klar, wenn man den Brockhaus herausgibt und nur eine begrenzte Seitenzahl hat, kann man nicht alle Themen behandeln, dann lässt man die weg, die nicht als seriös gelten.Wikipedia hat unendlich viel Platz. Muss deswegen jeder Quatsch einen Eintrag bekommen?Wenn wir einen Eintrag über jedes Album von David Hasselhoff haben wollen, können wir das machen. Das ist auch eine Form von Demokratisierung: Anstatt eine Auswahl von Wissen vorzugeben, das in irgendeiner Form als elitär gilt, haben wir alles, was irgendjemanden interessiert.Das klingt in der Tat demokratisch. Die Gemeinschaft der Autoren.Wir haben kein Wahlsystem, das gehört ja normalerweise zu einer Demokratie. Wir haben Konsenselemente, ein wenig Demokratie, man kann über Seiten abstimmen, es gibt aber auch ein wenig Aristokratie.Sie haben mal gesagt: Es gibt Idioten, die nicht auf Wikipedia schreiben sollten. Wen meinen Sie damit?Leute, die irgendeine verrückte Magnetismus-Theorie vertreten, die angeblich auf ihren eigenen physikalischen Untersuchungen beruht. Wir müssen diesen Leuten sagen: Vielen Dank für eure Arbeit, aber ihr müsst sie erstmal einer Fachzeitschrift vorlegen. Wenn die euch veröffentlichen, könnt ihr bei uns auch einen Eintrag bekommen. Manche Leute haben starke Meinungen und schreiben auch gute, polemische Essays. Diese Leute sollten Blogger werden, da können sie versuchen, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Wikipedia-Einträge müssen ausgewogen sein.Machen Sie selbst Einträge?Sehr selten. Ich kümmere mich eher um Konfliktlösung in den verschiedenen Communitys, vor allem in der englischsprachigen, aber auch in anderen Sprachen. Heute morgen bekam ich eine lange Mail von jemandem aus der griechischen Wikipedia-Gemeinschaft, der mir ein Problem beschrieb, das sie dort haben. Ich habe ihm ein paar Tipps gegeben. Jeder erfahrene Wikipedianer könnte das, manchmal sind es banale Dinge, etwa, dass alle versuchen sollten, nett zueinander zu sein.Sie greifen nicht stärker ein?Ganz selten korrigiere ich mal etwas in einem Eintrag, wenn ich einen Fehler sehe, oder etwas mehr über das Thema weiß.Warum schreiben Sie nicht selbst?Ich will nicht über kontroverse Themen schreiben. In dem letzten Artikel, den ich selbst angestoßen habe, ging es um einen Vogelkundler. Es gibt da eine Vogelart, den Elfenbeinspecht, es hieß, er sei ausgestorben, dann wurde er wiederentdeckt. Unter anderem durch diesen Wissenschaftler. Er war in den Schlagzeilen und sah nett aus, also begann ich einen Eintrag über ihn. Ich dachte, ein Vogelkundler, das kann nicht kontrovers sein. Nun ja, ob dieser Vogel wirklich wieder da war oder nicht, darüber gibt es heiße Diskussionen.Interessieren Sie sich für Vögel?Nein, überhaupt nicht.Warum schreiben tausende Menschen in ihrer Freizeit Wikipedia-Artikel und arbeiten unbezahlt für Sie?Da liegt ein Missverständnis vor. Was ist unbezahlte Arbeit? Überlegen Sie mal, wie viele Leute am Wochenende im Park mit ihren Freunden Fußball spielen. Man könnte sich das ansehen und sagen, wow, all diese Leute spielen unbezahlt! Und dieser, wie heißt er noch, David Beckham, bekommt dafür Millionen! Für Wikipedia leisten die Leute nicht unbezahlte Arbeit, sie verfolgen ein Hobby, es ist eine Aktivität, die ihnen lohnend erscheint.Was gefällt den Leuten daran?Dass wir eine gemeinnützige Einrichtung sind und diese große Version haben von einer Welt, in der jeder freien Zugang zum Wissen der Menschheit hat. Ich kenne zum Beispiel ein paar Leute, die an einer Wikipedia-Version in Suaheli arbeiten. In Deutsch gibt es jede Menge Enzyklopädien, Wikipedia ist nur eine weitere, aber in Suaheli ist das die erste Enzyklopädie, die jemals geschrieben wurde. Es macht aber auch einfach Spaß. Wenn man sich für ein spezielles Gebiet interessiert, lernt man vielleicht zum ersten Mal Leute kennen, die sich auch dafür interessieren. Die Debatten können anregend sein, außerdem werden sie recht respektvoll geführt.Das klingt alles ziemlich idealistisch.Es funktioniert nicht immer, aber wenn man Wikipedianer fragt, was sie an dem Ganzen schätzen, dann reden sie über solche Sachen.Geht es nicht auch um Eitelkeit?Eitelkeit ist ein negatives Wort, das besser zu Bloggern passt. Hier ist mein Foto, hier sind meine Meinungen. Um es positiv auszudrücken: Man bekommt eine gewisse Anerkennung. Im englischsprachigen Wikipedia werden Sterne vergeben, bei den Deutschen übrigens Gummibärchen.Wikipedia hat also die Welt besser gemacht - und Sie reich und berühmt?Ach, mir geht es gut, ich kann nicht klagen. Ich werde in schicke Hotels eingeladen und darf Preise entgegennehmen. Aber Wikipedia ist berühmt. Ich bin ein klein wenig berühmt, in der Computerwelt. Das reicht mir bei Weitem, mehr muss nicht sein, Berühmtsein hat bekanntlich unangenehme Folgen.Ihre Tochter Kira ist sieben Jahre alt. Benutzt sie Wikipedia?Ja, manchmal. Es ist nicht wirklich für Kinder geschrieben. Zu wissenschaftlich, nicht das, wonach ein Kind suchen würde. Zum Beispiel in dem englischen Artikel über Kohle - ein Kind würde das vielleicht interessieren - gibt es jede Menge chemische Formeln. Aber der Artikel über das Brandenburger Tor sollte nicht zu technisch sein. Oh, da ist es ja, das Tor! Direkt vor unserem Fenster hier im Adlon! Den Artikel sollte meine Tochter jedenfalls verstehen können. Ich muss dazu sagen, dass sie eine sehr begabte Leserin ist, sie liest nicht wie eine Siebeneinhalbjährige, eher wie eine Zwölfjährige.Glaubt Ihre Tochter alles, was sie im Internet liest?Ich weiß nicht. Nein, ich glaube nicht. Wir reden darüber.Haben Sie ihr beigebracht, skeptisch zu sein?Das versuche ich. Sie ist noch ziemlich jung, sie fängt gerade erst an, verschiedene Informationsquellen zu benutzen. Ich glaube, eins der wichtigsten Dinge, die wir unseren Kindern heute beibringen müssen, ist Medienkompetenz. Zu verstehen, welche Stärken und welche Grenzen verschiedene Medien haben. Wir müssen Kindern mehr als je zuvor beibringen, dass nicht alles, was irgendwo steht, automatisch richtig ist.Wie erklärt man Kindern das?Wenn Kinder in der Schule Wikipedia benutzen, dann sollte der Lehrer als erstes eine Übung machen, in der sich die Kinder mit der Entstehung eines Eintrages beschäftigen. Wie sah dieser Eintrag einen Tag zuvor aus? Vor einem Jahr, vor zwei Jahren, vor fünf Jahren? Der Lehrer sollte mit den Kindern die Diskussionsseite lesen, die es zu jedem Eintrag gibt. Er sollte erklären, wo Wikipedia herkommt. Es ist nicht plötzlich auf der Erde gelandet. Menschen wie du und ich haben es geschrieben, sie könnten Fehler gemacht haben.Was sollten Kinder heutzutage noch auswendig lernen? Müssen sie noch alle Bundesstaaten der USA im Kopf haben?Ich glaube, vieles von dem, was wir früher gelernt haben, sollten Kinder auch weiterhin lernen. Manche Leute sagen möglicherweise, ach was, man kann schließlich alles jederzeit nachschlagen. Es reicht, wenn man weiß, wo. Das Problem ist, dass man keine Informationsquelle richtig nutzen kann, dass man eine Menge Dinge nicht richtig tun kann, wenn man überhaupt keine Fakten kennt. In den USA haben Kinder diese große Prüfung in der vierten Klasse, für die sie alle Bundesstaaten und Hauptstädte lernen müssen. Ich nehme an, dass es etwas bringt.Mussten Sie diese Prüfung auch machen?Oh ja. Ich glaube, ich weiß immer noch alle fünfzig Staaten und Hauptstädte.Sie haben eine kleine, freie Schule besucht, die ihre Mutter und Großmutter betrieben. Dort wurde also auch auswendig gelernt?Es war ziemlich alternativ, das stimmt, aber es gab auch ein paar traditionelle Dinge, die wir Kinder tun mussten. Wir hatten aber auch jede Menge freie Zeit, um im Lexikon zu lesen.Hatte Ihre Familie ein Lexikon zu Hause?Als ich klein war, hatte ich ein World Book. Das ist ein Kinderlexikon, das ziemlich gut ist. Es erfüllt wohl immer noch einen Zweck, den Wikipedia nicht erfüllt. Wenn ein Kind etwas über Kohle lernen will, wird es dort einen Eintrag finden, den es versteht. Es ist für Kinder geschrieben, nicht für Erwachsene mit Chemiekenntnissen.Ihr Lieblingseintrag im Kinderlexikon?Lassen Sie mich nachdenken... Ich erinnere mich an eine Sache. Die Ausgabe, die wir hatten, hatte meine Mutter gekauft, als ich noch ein Baby war, sie stammte aus dem Jahr 1966 oder 1967. Die erste Mondlandung war 1969. Jedes Jahr schickte der Verlag eine Aktualisierung für das Lexikon per Post, es gab ein Jahrbuch und Aufkleber, die man in das eigentliche Lexikon kleben sollte. Neuer Artikel über den Mond im Jahrbuch 1969, stand da. Also schlug ich das Buch auf und klebte den Sticker zu dem alten Mond-Artikel. Man konnte sich danach die verschiedenen Versionen ansehen. Wie bei Wikipedia. Der Mond, die Raumfahrt, das interessierte mich.Haben Sie alles geglaubt, was in Ihrem Kinderlexikon stand?Wahrscheinlich alles. Aber wir hatten nicht nur ein Lexikon, wir hatten mehrere, also habe ich manchmal eine Sache überall nachgeschlagen - und Widersprüche gefunden. Warum haben sie in dem einen Lexikon etwas weggelassen? Warum gab es Unterschiede? Darüber habe ich schon als Kind nachgedacht.Haben Sie heute ein Lexikon zu Hause?Nein, ich habe keins. Ich sollte. Über die, die wir früher hatten, gibt es Streit zwischen meiner Mutter, meinem Vater und mir. Wo sind sie hin? Ich würde das gern wissen, vielleicht könnte ich sie verkaufen und das Geld für Wikipedia spenden. Meine Mutter sagt, sie habe sie längst verkauft.Bei Ebay?Bei einem Garagenflohmarkt. Mein Vater sagt, die Lexika müssen noch im Schuppen hinter dem Haus sein. Ich müsste mich bloß mal durch den ganzen Müll im Schuppen in Alabama wühlen.Haben Sie überhaupt noch Bücher? Oder lesen sie längst alles elektronisch?Ehrlich gesagt, habe ich gerade ziemlich viele Bücher aussortiert. Ich habe einfach immer alle aufgehoben, die ich jemals gekauft habe. Es war auch eine Menge Quatsch dabei. Populärwissenschaftliche Wirtschaftsbücher, unzählige Computerbücher. Habe ich alles weggeworfen.Sie könnten ein E-Book kaufen.Ja, vielleicht. Ich glaube, die Technologie eines Buchs aus Papier ist schwer zu schlagen. Das Papierbuch ist eine perfekte Erfindung. Es funktioniert immer, die Batterie ist niemals leer, man kann es in die Badewanne fallen lassen. Vielleicht ist es dann hinüber, aber man kann günstig ein neues kaufen. Ich habe keine Ahnung, was so ein E-Book kostet. Ich mag Papierbücher wirklich. Ich mag Lesezeichen und ich schreibe gern etwas in meine Bücher. Wenn ich ein Wort nicht kenne und es nicht sofort nachschlagen kann, schreibe ich es vorne in das Buch, später schaue ich nach, was es bedeutet.Bei Wikipedia?Nein, im Wörterbuch. Wenn es ein E-Book geben würde, in das schon das Oxford Dictionary eingespeist ist, und man kann beim Lesen Wörter nachschlagen - das wäre ziemlich cool.Sind Sie eigentlich manchmal nicht im Internet? Für einen ganzen Tag?Vor Kurzem war ich in China, unsere Seite war dort fast drei Jahre gesperrt und jetzt ist sie wieder frei zugänglich. In China wurde mein Computer gestohlen. Ich hatte ein großes Problem, bis ich nach England weiterreiste und einen neuen Computer kaufen konnte. Ich bin immer noch dabei, mein Leben aus Backups zu restaurieren. Da war ich mal eine Weile offline.Und, wie war es?Es war schwierig. Wegen der Arbeit, der E-Mails, mein Kalender fehlte mir. Ich weiß nicht, was ich ohne meinen elektronischen Kalender machen soll. Zum Glück hatte ich noch eine Version auf meinem i-Pod. Und meine Tochter hat mir erklärt, wie ich E-Mails von meinem i-Pod schicken kann.Wo hat sie das denn gelernt?Ich habe ihr den i-Pod gegeben, als ich ihn gekauft habe, damit sie ihn sich ansehen kann. Fünf Minuten später hat sie eine E-Mail an mein Telefon gesendet. Sie stand da und kicherte vor sich hin.------------------------------Jimmy WalesGeboren wurde Wales 1966 in Huntsville im US-Bundesstaat Alabama. Nach der Schule studierte er Finanzwissenschaft und arbeitete als Händler an der Chicagoer Börse.Bomis, eine Internetfirma für werbefinanzierte Web-Foren, gründete Wales 1996 mit Partnern.Ein Lexikon im Internet entwickelte Wales ab 1999 unter dem Namen Nupedia. 2001 wurde daraus Wikipedia.Finanziert wird Wikipedia von Spenden, getragen von der 2003 gegründeten Stiftung Wikimedia, deren Vorsitzender Wales bis 2006 war. Heute ist Wales, der in New York lebt, Ehrenvorsitzender von Wikipedia.In Berlinerhielten Wales und die Community von Wikipedia vor einer Woche die Auszeichnung "Quadriga" für visionäre Ideen.