Wer ihn ansah, ihm zuhörte, seine exzentrische Art bewunderte, sich in weiche Lederstiefelchen und Jacken zu kleiden als sei er Pierre Brice, und sich Brillen an weißen Kettchen aufzusetzen, die es damals in der DDR in keinem Laden zu kaufen gab, der ahnte, das müsse ein Mann sein, der sich unabhängig fühlt. Einer, der nicht unbedingt macht, was die Kulturfunktionäre von ihm fordern. Von Jo Jastram, dem Bildhauer von der Ostseeküste, hatte man den Eindruck, all die Bevormundung der Künstler in der DDR, diese schwerblütige Diktion "Kunst-ist-Waffe", hatte mit ihm kaum etwas zu tun.Gleichwohl galt er als Instanz - in der Bildhauer-Sektion des Verbandes Bildender Künstler, als Professor der Kunsthochschule Weißensee, wo er auch studiert hatte. Als Ende der Siebziger in Gera ein Kulturpalast gebaut werden sollte, hatten dort engstirnige Bonzen unerträglich pathetisch-realistische Wünsche für die Kunst am Bau. Auch die Verfasserin dieser Zeilen, damals Einwohnerin von Gera, befürchtete Schlimmes. Die ostthüringischen Künstler baten Jastram um Mentorenschaft. Er warf sich in die Debatte - und siehe da, das ersehnte Kunsthaus bekam eine erstaunlich moderne, abstrakte Innengestaltung, die bis heute ihre künstlerische Kraft beweist. Schon damals warnte Jastram couragiert davor, den Realismus zum "Maß aller Kunst" zu machen. Entscheidend sei "ob ein Werk Vielfalt, Reichtum, Phantasie, Bewegung und Nachdenklichkeit" ins Leben bringe.Falsches Pathos war Jo Jastram, geboren 1928 in Rostock, ein Greuel. Der weite Blick aufs Meer, zum unendlichen Horizont, hat seine Kunst wohl beeinflusst. Es ging ihm um Erweiterung, darum, Möglichkeitskunst zu machen, nicht illustrative Wirklichkeitskunst. Am Freitag nun ist der Bildhauer, wie seine Frau, die Grafikerin Inge Jastram im nordvorpommerschen Kneese mitteilte, unerwartet gestorben; er war 82 Jahre alt. Jastram hatte noch täglich im Atelier gearbeitet, bei seinen hochgereckten Figuren, den mythischen metallenen Segelbooten, den mongolischen Reitern, den schreienden oder stürzenden Pferden, diesen "Kreatürlichen", die für ihn "Welthaut" darstellten, "Kraft und Ohnmacht". Er hat sich seine künstlerischen Mittel nicht bei den Sowjetbildhauern, sondern in der Auseinandersetzung mit der mittelalterli- chen Skulptur, mit der Skulptur Barlachs, mit der modernen Formensprache der italienischen Futuristen Marinetti und Manzu und der existenziellen, reduzierenden Formensprache Giacomettis erarbeitet. Der "leichthändige und leichtfüßige Spaß" hat Jastram in der Kunst zu DDR-Zeit oft gefehlt, er hat das wider alle Verbissenheit geäußert. Vor allem aber hat er es in seiner Kleinplastik zum Wirken gebracht, die ihm, wenn auch recht spät, nämlich erst hoch in den Neunzigerjahren begeisterte Anhänger im deutschen Westen einbrachte, so in der Person des Hamburger Kritikers Hans Platschek.Ermuntert und bestätigt von Meistern wie Drake und Grzimek an der Kunsthochschule Weißensee, formte Jastram seine Figuren im Kontext zum umgebenden und bestimmenden Raum nicht nach inhaltlichen Vorgaben. So kam es zu seiner zwar realistischen, jedoch immer antinaturalistischen und sinnlich abstrahierenden Formauffassung. Die so eigenwillige wie pralle Interpretation des Lebens, das war nie zu übersehen, hatte es ihm angetan. "Ich habe ein leidenschaftliches Verhältnis zu den Dingen", so begründete er noch ihm Alter seine heftigen Formungen.Jastram war Mitglied der Akademie der Künste Berlin bis Mitte der Neunziger. Dann schied er aus. Die Tatsache, dass zu dieser Zeit im neuen Deutschland die Kunst des Westens als "freie", die des Ostens als "unfreie", durchweg unterwürfige herabgewürdigt wurde, machte ihn wütend. Diese Wut aber lenkte er in Kunst, die Dynamik und Widerspruch eint - als entspannte Balance zwischen Monumentalem und lockerem Formenspiel. Ohne illustrativ zu werden, setzte dieser Bildhauer Zeichen für Schönheit und Verletzlichkeit, stets mit einer frischen Prise Heiterkeit.------------------------------Foto: Jo Jastram (1928- 2011), unter einer Pferdeskulptur im Atelier in Kneese