Joachim Gaucks Auschwitz-Rede markiert einen Wendepunkt in unserer Auseinandersetzung mit der völkermörderischen Seite unserer Geschichte. Erstmals werden ganz selbstverständlich auch die Immigranten mit ihren ganz anderen Herkunftsgeschichten einbezogen in die Überlegungen, was Auschwitz für die Bürger der Bundesrepublik Deutschland, ja für alle, die in Deutschland leben, bedeuten kann oder gar muss.

Das ist eine ganz neue Perspektive auf die Fragen von Schuld und Aufarbeitung der Schuld. Um die kann es bei den Immigranten nicht gehen. Sie, ihre Eltern und ihre Großeltern haben nichts mit den Verbrechen der Nazis zu tun. Aber sie leben in einem Land, das ohne diese Verbrechen nicht denkbar ist. Joachim Gauck spricht davon, dass die deutsche Erfahrungsgemeinschaft – die ja 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz verschwindend klein geworden ist – zu einer Verantwortungsgemeinschaft werden sollte.

Eine Verantwortung, die nicht aus der Schuld, sondern aus dem Wissen darüber, wie leicht man schuldig werden kann, erwachsen muss. Das ist ein Schritt, den die Nachgeborenen auch ohne die Immigranten hätten tun müssen. Doch die unter uns lebenden Nachgeborenen und Opfer anderer Völkermorde und Menschheitsverbrechen werden uns dabei mehr helfen, als wir das bisher begriffen hatten.