Wer Joachim Jauer durch die Innenstadt gehen sieht, könnte ihn für einen englischen Immobilienmakler halten. Er strahlt etwas Britisches aus. Sein Sakko sitzt auch bei Wind und Wetter tadellos, ebenso die Frisur; einmal weist er mit dem Schirm auf eines der Häuser: "Schauen Sie, dort ist noch der Holzrahmen zu sehen." Jauer steht vor einem nach wie vor hässlichen Lückenbau in der Dorotheenstraße.Wenn man so will, umrahmt dieses Stück Holz, auf das er zeigt, einen Teil seines Lebens. Wo heute Firmen werben, standen einmal die Buchstaben: ZDF. In einem Glaskasten in der Nähe saß ein Volkspolizist. Sobald Jauer kam, meldete der Polizist seiner Leitstelle, "Quelle Anton siebenundfünfzig zwölf" sei eingetroffen. QA 57-12, so lautete die Zulassung des Mercedes, den Jauer als Korrespondent in der DDR fuhr. Sein Nummernschild war blau, was ihm in West-Berlin einmal einen Strafzettel ersparte. Jauer erzählt, die Politesse habe ihm nur gesagt: Du hier nix parken.Zurück zur GraswurzelVon der Dorotheenstraße im Hinterland der Friedrichstraße bis zum Zollernhof Unter den Linden läuft man normalerweise keine fünf Minuten. Legt man diese Strecke gemeinsam mit Joachim Jauer zurück, dauert es alles in allem zirka fünfunddreißig Jahre, bis man ankommt. Die Distanz zwischen den beiden Orten lässt sich nicht nur in Minuten messen, für Jauer markieren sie die Pole seines Berufslebens. Was geografisch gesehen ein Katzensprung wäre, weitet sich in seiner Begleitung, ein paar Umwege eingeschlossen, zu einer Zeitreise durch die deutsch-deutsche Fernsehgeschichte. In der Dorotheenstraße hatte Jauer 1978 sein Büro als DDR-Korrespondent des ZDF bezogen, im Zollernhof, wo der Sender heute seine Berliner Dependance unterhält, wird er am Freitag als Leiter des Berliner Landesstudios sein Büro räumen.Joachim Jauer geht in den Ruhestand, den man allerdings nicht so nennen soll, darauf hat er schon bei der Verabredung bestanden. Ende Juli wird er zweiundsechzig, damit hat er beim ZDF die Pensionsgrenze erreicht. Jauer sagt, er begebe sich in den "vorläufigen Vorruhestand". Das soll heißen, er hört auf, aber nach den Ferien fängt er wieder an. Er wird "an herausgehobenen Projekten" arbeiten, wie er es nennt. "Ich würde gern ein paar Langzeitbeobachtungen zu Ende bringen", sagt Jauer, "ich möchte dorthin zurück, wo ich schon gewesen bin, Leute treffen, mit denen ich schon einmal gesprochen habe, einfach Geschichten weitererzählen, die ja nicht zu Ende sind, wenn ein Kamerateam wieder abrückt." In fünfunddreißig Jahren haben sich einige Geschichten angesammelt. Joachim Jauer war 1966 der erste westdeutsche Fernsehjournalist überhaupt, der in der DDR einen Beitrag drehen durfte. Auch als Korrespondent und Redaktionsleiter von "Kennzeichen D" hat ihn der Osten beschäftigt. Während Gerd Ruge auf seine alten Tage durch die weite Welt wandert, möchte sich Jauer als Reporter eher "der heimischen Graswurzel" widmen, wie er sagt. Er will nicht nur zur Graswurzel, er will auch zurück zu seinen eigenen Wurzeln. Auf die Frage, wann er das erste Mal in seinem Leben in den Osten gekommen sei, antwortet er: 1945. Jauer wird 1940 in Berlin geboren, er wächst in der Gegend um die Wollankstraße im Wedding auf, gegenüber beginnt der sowjetische Sektor. Nach dem Studium der Philosophie und Philologie arbeitet Jauer beim Rias, 1965 wechselt er zum ZDF. Für das Magazin "Drüben", den Vorläufer von "Kennzeichen D" verfasst er aus Archivmaterial und vom Monitor abgefilmten Bildern des Deutschen Fernsehfunks Beiträge über die DDR. Sein erste Recherche vor Ort führt ihn 1966 in den Kurort Oberwiesenthal. Offiziell darf er nur als Assistent eines britischen Kameramanns einreisen. "Natürlich wussten die DDR-Behörden, dass ich vom ZDF komme", sagt Jauer, "aber sie wollten, dass es international aussieht." In der Schadowstraße zeigt Jauer mit dem Schirm und sagt: "Hier saß Fritz Pleitgen." Das Büro der ARD lag genau um die Ecke vom ZDF. So konnte der Polizist im Ausguck bequem beide Kollegen beobachten. Gab es Konkurrenz zwischen ihnen? "Selbstverständlich", sagt Jauer, "jeder von uns hatte seine eigenen Quellen, seine Zugänge zu Themen und Personen. Pleitgen war aus Moskau gekommen, er hatte gute Verbindungen zu den Sowjets und zu Botschafter Abrassimow. Ich selbst stammte ja aus Berlin, kannte mich gut aus und war auch schon vorher öfter in der DDR. Ich wusste, mit wem man hier reden konnte." Das Vergnügen des IMIn Ost-Berlin nimmt Jauer Kontakt zu Bürgerrechtlern auf. Die Dissidenten finden in den Korrespondenten das, was man heute Multiplikatoren nennt. Sie können nicht mehr totgeschwiegen werden. Jauer sagt, "die Bürgerbewegung hat sich über die Medien ihrer selbst vergewissern können". Im Café "Kisch" Unter den Linden trifft er regelmäßig den Bruder eines regiemekriti-schen Schriftstellers. Das Café gibt es nicht mehr, heute befinden sich dort Büros des Bundestages. Mit diesem Bruder konnte sich Jauer gut unterhalten, "der saß still da, rauchte sein Pfeifchen und hörte zu". Nach der Wende erfährt Jauer, dass der Mann ein informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit gewesen ist. Er war sein ständiger Begleiter. "Ich habe mit ihm gesprochen, und er hat mir ohne jeglichen Zeichens des Bedauerns erklärt, dass es ihm immer viel Vergnügen bereitet habe, mich auszuhorchen." Auf dem Vorplatz der Humboldt-Universität steht ein Gingkobaum. "Wussten Sie, dass das der älteste Gingkobaum in Deutschland ist?", fragt Jauer, "ich denke, so 250 Jahre." Gingko bringt ihn zu Goethe, und Goethe nach Weimar, wohin er 1986 Willy Brandt auf seiner historische Reise begleitet hat. In Weimar kommt es auch zu einer historischen Kooperation. "Wir haben dort einen Ü-Wagen des DDR-Fernsehens genutzt, um unsere Beiträge nach Mainz zu überspielen." Die Flasche Whiskey, die der Westkorrespondent seinen Kollegen schenken wollte, durften diese offiziell nicht annehmen; inoffiziell schon. Als Willy Brandt auf seiner 86er Reise im Staatsratsgebäude Erich Honeckers Arbeitszimmer besichtigt, ist Jauer dabei. "Ah, ein altbekanntes Gesicht", habe Honecker ihn begrüßt. In der Regel sei der SED-Chef jovial mit denKorrespondenten umgegangen, "er wusste, wenn er in der ,Tagesschau oder in ,heute gut rüberkommt, hat das für ihn einen größeren Effekt als ein Bericht in der ,Aktuellen Kamera ."Vor dem Palast der Republik sucht Joachim Jauer die Position, auf der stand, wenn er seine so genannten "Aufsager" machte. Rund 250-mal hatte er von hier aus mit dem Staatswappen der DDR im Hintergrund seine Korrespondentenberichte gesprochen. Heute liegen dort in einer Grube die Grundmauern des Berliner Stadtschlosses frei. Den Palast, sagt Jauer, fand er nicht so schrecklich. "Ich habe ihn immer die große Wärmehalle des Volkes genannt. Er wäre zu retten gewesen, denke ich, und er hätte es verdient gehabt, gerettet zu werden. Aber so, wie er jetzt aussieht, wird er wohl verschwinden müssen."Von dieser Stelle aus hat Jauer seinen Zuschauern die DDR erklärt, und wie erklärt er sich selbst jetzt die DDR-Nostalgie? "Das ist ja häufig eine Sehnsucht von Menschen nach ihrer Jugend. Es sind Leute, die heute fünfzig oder sechzig sind und die auf Grund ihres Alters oder durch Arbeitslosigkeit ausgeschlossen sind von den Vorteilen der Wiedervereinigung. Dass solche Leute sich mit Wehmut an eine Zeit erinnern, in der sie gefordert waren, dafür habe ich volles Verständnis." Kein Verständnis habe er für jene, die sagen, damals war dies und jenes nicht schlecht, aber heute ist alles noch viel schlimmer. Der Trabant im TestGewohnt hat Jauer zu Ostzeiten in der Leipziger Straße 65, im siebenten Stock eines Neubaus. "Es gab Kollegen, die hatten ihr Büro im Osten und sind nach Dienstschluss wieder in den Westen gefahren", sagt Jauer, "das kam für mich nicht in Frage. Ich habe hier gewohnt und mich hier versorgt. Mein Balkonnebenmann ist Kultursekretär der ungarischen Botschaft gewesen, der hat Tomaten gezüchtet. Es war nett da oben, ab Freitagnachmittag war die Leipziger Straße wie ausgestorben. Der Hausmeister hat uns besondere Fürsorge angedeihen lassen. Zeitschriften, so sagte er mir, sollten wir nicht in den Müllschlucker werfen, sondern in eine Kiste legen. Er hat dann einen schwunghaften Handel mit ,Spiegel , ,Stern und so weiter getrieben."Auf dem Weg von der Leipziger Straße zum Zollernhof kommt er an der VW-Niederlassung in der Friedrichstraße vorbei. Im Schaufenster steht ein Bugatti ohne Preisschild. Joachim Jauer erzählt, wie sie einmal für "Kennzeichen D" den Trabant getestet haben, ganz seriös, "wir wollten den Leuten das Auto nicht madig machen". Es war wahrscheinlich der erfolgreichste Beitrag in der Geschichte des Magazins. Jauer sagt, am nächsten Tag hätten ihn "mindestens hundert" Leute auf der Straße angesprochen. Jedenfalls hätten sie ihm zugenickt. Als im Zollernhof noch der Zentralrat der FDJ saß, ist Jauer nie dort gewesen. "Es hat sich nicht ergeben." Im Foyer des Hauses steht ein extragroßer Fernseher, auf dem den ganzen Tag das ZDF-Programm gezeigt wird. Es läuft eine Folge der Seifenoper "Reich und Schön". Niemand schaut zu. Jauer betritt sein Büro, am Schreibtisch sitzt seine Nachfolgerin Susanne Gelhard. Das wirkt ein wenig gestellt, könnte aber einen Sinn haben. Susanne Gelhard übernimmt in einer Woche die Leitung des Berliner Landesstudios und arbeitet sich hier ein. Wenn Jauer seine Sachen packt, wird er ein Holzschild mitnehmen, das ihn seit seiner frühen DDR-Zeit begleitet. Gefunden hat er das Brett auf einem Flohmarkt. Es trägt die Innschrift: Osten oder Westen - daheim ist s doch am besten. So gesehen hätte sich Jauer fünfunddreißig Jahre Arbeit sparen können.Wien und Berlin // Joachim Jauer, geb. 1940 in Berlin, begann seine berufliche Laufbahn 1961 beim Rias-Frühprogramm. Seit 1965 ist er Mitarbeiter des ZDF. Von 1978 bis 1982 leitete er das ZDF-Büro in der DDR, danach übernahm er die Leitung der Redaktion "Kennzeichen D".Nach einem Zwischenspiel in Bonn leitete Jauer von 1987 bis 1990 das ZDF-Studio Wien und war Sonderkorrespondent Ost-Europa. Dann ging er für fünf Jahre zurück zu "Kennzeichen D". Nach einem erneuten Aufenthalt in Wien übernahm Jauer 1999 die Leitung des ZDF-Landesstudios in Berlin. Am kommenden Freitag wird er verabschiedet."Honecker wusste, wenn er in ,heute gut rüberkommt, hat das einen größeren Effekt als ein Bericht in der ,Aktuellen Kamera . " Joachim Jauer BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING Nach dem Ruhestand: Joachim Jauer will in Zukunft Reportagen im Osten Deutschlands drehen.