An diesem Donnerstag treffen sich in Frankfurt Vertreter privater Fernsehsender mit Abgesandten der Landesmedienanstalten. Dabei soll über die Verletzung der Jugendschutzbestimmungen in den täglichen Talkshows der Privaten debattiert und möglicherweise ein Verhaltenskodex der Programmveranstalter verabschiedet werden. Über Möglichkeiten und Grenzen von Selbstkontrolle sprach Holger Wenk mit dem Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), Joachim von Gottberg. Die FSF wurde 1993 von privaten TV-Sendern als Prüfinstanz für die eigenen Programme gegründet.Berliner Zeitung: Gegen die Pro-Sieben-Talkshow "Arabella" mußte ein Prüfverfahren durch die Landesmedienanstalt Berlin/Brandenburg eröffnet werden. Hat die Selbstkontrolle der Privaten versagt?Joachim von Gottberg: Die Selbstkontrolle im deutschen Fernsehen und die FSF haben nicht versagt, obwohl wir zum Teil für etwas geprügelt werden, wofür wir nichts können. Es gibt aber Konstellationen, bei denen die Grenzen der Konstruktion deutlich werden. Geprüft werden bei der FSF nur Filme, die die privaten Sender freiwillig vor der Ausstrahlung vorlegen. Im Ergebnis schlagen wir, gestützt durch seriöse Gutachter, unter Jugendschutzgesichtspunkten Sendezeitgrenzen, Filmschnitte oder andere Maßnahmen vor, an die sich die Sender im wesentlichen halten. Die Landesmedienanstalten wiederum können nur im nachhinein prüfen und durch andere Gutachter zu anderen Ergebnissen kommen. Und wie ist das bei Talkshows?Bei Talkshows und allen aktuellen Sendungen kommt noch das Problem der zeitlichen Nähe von Produktion und Ausstrahlung hinzu. Fast unlösbar ist der Konflikt bei Live-Sendungen. Im übrigen mußten wir bei der nachträglichen Prüfung von "Arabella"-Sendungen auf Antrag der lizenzgebenden Berlin-Brandenburger Landesmedienanstalt feststellen, daß es im Gegensatz zum Filmbereich nicht so stark gesicherte wissenschaftliche Jugendschutzerkenntnisse gibt, die die Beurteilung von Wirkungen der Talks plausibel begründen. Also ist die derzeitige öffentliche Debatte nur eine Art "Arabella-Syndrom", was epidemieartig umgeht?Mir scheint, die derzeitige öffentliche Debatte ist zu sehr auf "Arabella" bei Pro Sieben zugespitzt. Auch bei anderen Sendern, nicht nur Privatsendern, gibt es problematische Talks und Boulevardsendungen. Und es geht in der Diskussion nur zum Teil um Schutz der Jugend vor ungeeigneten Sex- und Gewaltdarstellungen. Da spielen Fragen des Stils und Geschmacks im gesamten deutschen Fernsehen sowie Fragen der gesellschaftlichen Wertorientierung eine Rolle. Ich bin aber dagegen, die FSF zum Geschmackskontrollorgan des Fernsehen zu machen. Wie könnte eine vernünftige Kontrolle erfolgen?Kontrolle und Selbstkontrolle müssen Hand in Hand gehen, so daß weder Beliebigkeit das Fernsehen zum Schmuddel-TV verkommen läßt noch Zensur das Medium knebelt. Als Verfechter von Liberalität und Toleranz bin ich für stärkere Selbstkontrolle, jedoch erzeugt der Markt allein keine Moral. Deshalb bedarf es staatlicher Rahmenbedingungen und einer gesellschaftlichen Debatte über Medien. Eine weitere Möglichkeit ist ein Branchenkodex, wie er derzeit für das Fernsehen erarbeitet wird und im Pressebereich seit Jahrzehnten existiert. Dieser Fernsehkodex muß jedoch für die gesamte Branche, also beide Seiten des dualen Rundfunksystems, gelten.Würden Änderungen im Rundfunkstaatsvertrag der Länder etwas bewirken, über dessen vierte Fassung derzeit verhandelt wird?Sicher. So wie jeder Privatsender laut Vertrag einen Jugendschutzbeauftragten haben muß, könnte die Verankerung der FSF als Selbstkontrollorgan im neuen Rundfunkstaatsvertrag Jugendschutz verbessern. Ursprünglich sollten der FSF als Verein ja auch die Landesmedienanstalten und die öffentlich-rechtlichen Sender angehören. Ob sie nun als Mitglieder beitreten oder nicht, ist nicht so entscheidend. Es würde schon reichen, wenn es im Sinne effektiven Jugendschutzes eine Zusammenarbeit gibt etwa in Form gesetzlich fixierter vernünftiger Regeln zur Kooperation. Allein der Ruf nach höheren Strafandrohungen für Privatsender per Rundfunkstaatsvertrag führt nicht automatisch zu Verbesserungen.Gerade beim Jugendschutz gibt es ein halbes Dutzend Institutionen von FSF und der Filmkontrolle FSK über die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften bis hin zur Multimedia-Einrichtung FSM. Behindert der Jugendschutz sich nicht selbst?Das ist in der Tat so. Verschiedene Gutachten führen zu unterschiedlichen Einstufungen und beschädigen unsere Glaubwürdigkeit. Ich trete für eine Effektivierung durch ein einheitliches Gesetz zum Schutz der Jugend in den Medien ein. Wenigstens im audiovisuellen Bereich, also Kino, TV und Video, sollte es eine Vereinheitlichung geben. Dabei könnte eine Institution, in der sich Selbstkontrolle mit Kontrolle verbindet, beauftragt werden, Medieninhalte für alle verschiedenen Vertriebswege zu prüfen und zu klassifizieren. Aber die Vertriebswege sind doch von Medium zu Medium unterschiedlich: Internet ist international, Fernsehen eher national, allenfalls noch kontinental. Wir brauchen angesichts von Digitalisierung und Globalisierung unbedingt internationale Koordinierung. Für seine Kinos kann ja jedes Land noch seine eigene Alterseinstufung machen. Aber im TV-Bereich brauchen wir EU-weite Regelungen, vor allen Dingen dann, wenn ein Medium europaweit angeboten wird. Sonst können wir Jugendschutz bald ganz vergessen. Dabei geht es nicht so sehr um Gesetze und ihre Angleichung, die gibt es oft schon, wie auch die novellierte EU-Richtlinie "Fernsehen ohne Grenzen" zeigt. Durch internationale Zusammenarbeit hat die FSF jedoch festgestellt, daß es vor allem um Beurteilungskriterien geht. Filme, die in Schweden im Fernsehen laufen dürfen, würden hier als pornographisch eingestuft und dürften nicht mal verschlüsselt im Pay-TV, zum Beispiel bei Premiere oder DF 1, gesendet werden. Da müssen wir bald eine für alle Seiten akzeptable Lösung finden.