BERLIN, 21. September. Nun wird er also richtig berühmt. Wenn Joachim Ziesche am heutigen Mittwoch mit seiner Frau ins Flugzeug steigt, dann wartet am Zielort Toronto eine Ehrung auf ihn, die nur wenigen Cracks zuteil wird. 40 Namen von Spielern sowie 21 von Trainern und Funktionären umfasst bislang die Liste der "Hall of Fame" des Eishockey. Der Weltverband IIHF richtete vor zwei Jahren diese Ruhmeshalle ein, um jene zu würdigen, denen großer Anteil an der Verbreitung des schnellsten Mannschaftssports zukommt. Ziesche rückt als fünfter Deutscher in eine Reihe mit Größen wie Sven Tumba Johansson (Schweden), "Father" David Bauer (Kanada), Wladislaw Tretjak (einst Sowjetunion) oder Vaclav Nedomansky (einst CSSR).Botschafter mit Verspätung"Das ist eine hervorragende Sache, auch für das ostdeutsche Eishockey", sagt Joachim Ziesche: "Es ist eine Anerkennung für die Zeit, in der ich als Spieler und Trainer gewirkt habe. Und merkwürdigerweise findet dies im Ausland mehr Anerkennung als im eigenen Land. Hier werden wir doch gar nicht mehr erwähnt, hier ist alles westdeutsch beeinflusst." Zuletzt erfuhr er dies, als erst auf Intervention eines Journalisten auch Joachim Ziesche zum Botschafter für die WM 2001 in Deutschland berufen wurde lange nach Erich Kühnhackl, Udo Kießling und Xaver Unsinn.Natürlich wäre eine Geschichte über Joachim Ziesche, den "Langen", wie er wegen seiner 1,92 m Körpergröße genannt wurde, ohne Historie nicht denkbar. Denn es grenzte fast an ein kleines Sportwunder, wie jenes Häuflein der wackeren DDR-Eishockeyspieler über Jahrzehnte international mitmischte. Gab es doch den Beschluss des Sportverbandes DTSB vom September 1970, nur noch die medaillen-intensiven Sportarten zu fördern. "Wir brauchen zum Aufbau der sozialistischen Wirtschaft jede Mark. Um Eishockey zu betreiben, benötigt man jährlich die Finanzen von circa zwei hochseefisch-verarbeitenden Kühlschiffen. Also, liebe Sportler, was brauchen wir dringender: Eishockey oder Kühlschiffe?" lautete die damalige Begründung von Staatssekretär Rudi Hellmann."Das war für mich die bitterste Stunde meines Lebens", sagt Ziesche, "von einem Tag auf den anderen wussten wir nicht, ob wir noch unseren Sport betreiben können." Sie konnten, allerdings nur in den Dynamo-Klubs von Berlin und Weißwasser. Ziesche, im Mai 1970 als Spieler in Stockholm noch Fünfter bei der A-WM, stieg nun als Assistenztrainer von Wolfgang Nickel mit der DDR-Auswahl freiwillig in die B-Gruppe ab ein einzigartiger Fall in der Eishockey-Geschichte.Klubs wie ASK Crimmitschau, TSC Berlin, Empor Rostock oder Einheit Dresden verschwanden, die nationale Meisterschaft verkam zum Duell der Vorletzte gewann den Titel. Freiwillig verlor die DDR-Auswahl bei den B-WM, um dem Befehl nachzukommen, nicht aufzusteigen. "Erst 1973 endete das. Da kam während der B-WM in Graz ein Anruf: Ihr könnt wieder gewinnen", erinnert sich Ziesche. Inzwischen stand er als Chefcoach an der Bande. "Was wir mit diesen 40 Spielern, die es in der DDR gab, fertig brach-ten, das hat uns in der ganzen Welt große Anerkennung gebracht."Auch deshalb bedauert Ziesche die Entwicklung im gesamtdeutschen Eishockey. "Es ist bitter, dass keine Geduld aufgebracht wird, die deutschen Spieler zu entwickeln. Man müsste ganz unten anfangen, zwölf Jahre hart arbeiten, ehe sich die ersten Talente wieder oben melden. Aber wer bringt die Zeit auf?"Vom Trainerberuf hat sich Joachim Ziesche (60) verabschiedet. Zu bitter verlief der Rauswurf beim EHC Eisbären zum Saisonende 1994/95. "Der damalige Präsident Helmut Berg hat mich nachher noch diffamiert. Nicht mal eine Ehrenkarte haben die heute für mich. Dabei wäre in Hohenschönhausen ein weißer Fleck, wenn wir die 20 schweren Jahre nicht so überstanden hätten." Nach seinem Rauswurf Ziesche schaffte trotz Aufholjagd nicht den Sprung in die Play-offs nahm ihn ein Möbelunternehmen als Berater für Sport-Marketing auf. Zum Eishockey geht Joachim Ziesche heute nur noch selten.JOACHIM ZIESCHE Auftakt beim Berliner Bär // Geboren wurde Ziesche 1939 in Dresden. Mit Eishockey begann er 1952 bei Einheit Berliner Bär (ab 1954 SC Einheit).Von 1957 bis 1970 stürmte er für den SC Dynamo Berlin und die Auswahl der DDR (200 Länderspiele).Trainer war Ziesche von 1970 bis 1995. Stationen: SC Dynamo, DDR-Auswahl, SC Riessersee, EHC Eisbären Berlin.